Zuschauerfragen #1: Schwindel, Panik und Benommenheitsgefühl

In diesem Format beantworte ich die sehr konkrete Nachricht eines Zuschauers Schritt für Schritt, mit seinem Einverständnis und ohne Nennung von Namen oder personenbezogenen Daten, damit möglichst viele davon profitieren. Er hat im vergangenen Jahr aufgrund von Stress und Müdigkeit einen Schwindelanfall bekommen, wurde ins Krankenhaus gefahren und musste feststellen, dass er gesund ist, ein Klassiker.

Warum der Krankenhausaufenthalt so typisch ist

Das Thema Panik und Schwindel ist eines, bei dem ich teils wochenlang jeden Tag einen neuen Klienten habe. Typisch ist ein erstauslösendes Ereignis, an das sich die Leute gut erinnern, und der Krankenhausaufenthalt, weil Panik mit einer stark ansteigenden Todesangst einhergeht. Die Symptome, schneller Herzschlag, Kurzatmigkeit, innere Unruhe, das Gefühl, nicht gerade stehen zu können, eine Denksperre, lassen sich nicht glasklar etwa von einem Herzinfarkt unterscheiden, der auch ohne Schmerzen verlaufen kann. Eine erste Hospitalisierung, um Lebensbedrohliches auszuschließen, ist ein sinnvoller Mechanismus.

In der Klinik wird typischerweise ein EKG geschrieben (Einthoven-Ableitung, bei Unklarheiten ein Zwölfkanal-EKG), eine SpO2-Messung gemacht, oft ein Labor und eine Blutgasanalyse (BGA) über Kapillarblut aus dem Ohr. Geschaut wird auf Sauerstoff- und CO2-Sättigung und den pH-Wert. Beim Panikpatienten sieht man meist saubere Werte, manchmal ein durch die Hyperventilation erniedrigtes CO2. Ist alles ohne Befund und lag kein fieberhafter Infekt vor, geht es nach ein paar Stunden wieder nach Hause, und in der Notaufnahme fühlt man sich safe, sodass die Symptomatik zurückgeht. In den meisten Fällen steht hinter der sehr unangenehmen Symptomatik kein gefährlicher Hintergrund, es fühlt sich an wie sterben, und das will ich nicht bagatellisieren, aber die Ursache ist meist lapidar.

Oberer Druck und die Basis

Der Zuschauer ist 26, leidet seit dem vierzehnten Lebensjahr an Tourette und Depressionen sowie Ängsten und Zwängen, heute weniger stark. Tourette und Depression treten durchaus komorbid auf, weil Einschränkungen durch Tourette depressiv verarbeitet werden können. Wenn ich mit jemandem in der Praxis sitze, gibt es zwei Stufen: Erst den oberen Druck herausnehmen, dann schauen, was an der Basis los ist, dort finden sich fast immer klar auslösende Faktoren. Angedeutet sind hier eine Trennung, eine Spielsucht und finanzielle Sorgen mit Schulden, typische Auslöser, die eine Panikstörung und einen Schwindel ins Spiel bringen können, meist nicht als neurologischer Drehschwindel, sondern als psychogen induzierter Schwankschwindel.

Eine ärztliche Abklärung bleibt wichtig: Ein neu auftretender Schwindel sollte wie jede organische Erscheinung abgeklärt werden, oft über den HNO, der zunächst einen Morbus Menière ausschließt. Der aber verläuft typischerweise in Attacken, bei denen das Gleichgewicht auf einer oder beiden Seiten wegfällt und man umliegt, das haben die meisten psychogenen Schwindelpatienten glücklicherweise nicht.

Der Mechanismus: Stresshormone, Hyperventilation, Vasokonstriktion

Unser Körper gibt uns Energie, und kommen Stressoren ins Leben, fährt er das Energieniveau über die Stresshormone (den Sympathikus, Gegenspieler ist der Parasympathikus) hoch, über die Katecholamine wird auch der Herzschlag mitgesteuert. Das brauchen wir für Fight-or-Flight-Situationen, unsere Vorfahren waren Angsthasen, sonst säßen wir heute nicht hier. Nur ist unser Gehirn noch im Stand von vor 50.000 Jahren, während die Welt sicherer geworden ist.

Beim Schwindel führt das erhöhte Stresshormon unter anderem zu einer Vasokonstriktion der Gefäße im Gehirn. Atmen wir unter Stress vermehrt, bleibt der Sauerstoff gleich, das CO2 sinkt, und die CO2-Rezeptoren im Gehirn „denken", genug Sauerstoff, die Gefäße können enger stellen. Das ist wie bei der Prüfungsangst, bei der man keine Daten mehr abrufen kann, die großen Hemisphären, mit denen wir denken, werden weniger durchblutet, und das macht den Schwindel, das diffuse Benommenheitsgefühl oder das Gefühl, einen Zentimeter neben sich zu stehen. Das geht wieder weg, wenn wir uns um das Darunterliegende kümmern: Woher kommt es, dass im Tagesverlauf immer wieder Stresshormone ausgeschüttet werden?

Gefühle sind ein Feedback auf das, was in uns passiert

Wir reagieren mit unserem Gefühlserleben auf Dinge, die im Vorfeld passiert sind. Ein Gefühl ist ein Feedback auf die Bilder vor dem inneren Auge, auf das Selbstgespräch im Kopf und auf unser Verhalten im Sinne der persönlichen Integrität (siehe das Video, wie ein Gefühl entsteht). Leute sagen, ich habe Geld, Familie, Gesundheit, einen guten Job, und trotzdem diese Ängste, stimmt etwas nicht mit mir? Angst ist aber kein Ergebnis dessen, was um dich herum passiert, sondern ein Feedback darauf, was vor deinem inneren Auge passiert.

Unser Kopf denkt vorrangig dramatisch und misserfolgsorientiert, als Sicherheitsmechanismus zeigt er, so kann es schiefgehen. Nicht die Befürchtungsbilder sind das Problem, jeder hat Befürchtungen und darf sich hinterfragen, das ist gesund. Das Problem ist, wie du damit umgehst. Hinter jedem großen Gefühl steht ein großes Bild. Du siehst, du schaffst die Prüfung nicht, dein Ziel ist, nicht durchzufallen, aber welches Bild taucht dann auf, denk nicht an einen rosa Elefanten. Du sollst nicht lernen, positiv zu denken, sondern zielorientiert. Es geht nicht um einen Klick-Moment, nach dem das Problem weg ist, sondern darum, was du beim nächsten Mal machen kannst, wenn eine Befürchtung auftaucht: anstelle der Befürchtung ein erwünschtes Ziel visualisieren und formulieren, damit du das Ass aus dem Ärmel ziehen kannst.

Der Schwindel ist nicht das Ziel

Ist es richtig, sich im Schwindelmoment vor Augen zu führen, dass die finanziellen Sorgen ein Ende haben? Ja, immer wieder, anstelle der Befürchtung ein Zielbild. Aber Vorsicht vor einer Falle: Unsere Energie folgt unserem Fokus. Wir arbeiten nicht darauf hin, dass der Schwindel weggeht, denn dann fokussieren wir auf den Schwindel und machen größer, was kleiner werden soll. Wir arbeiten an den Coping-Strategien, am Umgang mit den Dingen im Leben, und der Schwindel wird beiläufig besser. Distanz kommt nicht aus Distanz, sondern aus Nähe zu Neuem, Loslassen nicht durch Loslassen, sondern durch Neugreifen.

Ein Beispiel von mir: Ich war joggen, danach tat der Fuß weh, dazu beim Dehnen ein eingeklemmter Interkostalnerv, der bis in den Arm zog. Als ich am nächsten Tag spazieren ging und dachte, die Brust wird besser, merkte ich, der Fuß tut gar nicht weh, Schmerz löst Schmerz vom Fokus ab. So funktioniert das auch beim Schwindel.

Spazieren, Supermarkt und die Agoraphobie

Der Schwindel kommt oft beim Spazieren oder im Supermarkt. In Bewegung erleben die meisten die Symptomatik weniger stark, weil die angeflutete Stresshormonsituation über die Muskulatur normalisiert wird, Stillsitzen und Wegatmen geht nach hinten los. Taucht der Schwindel beim Spazieren trotzdem auf, lohnt es, die gedanklichen Muster davor zu erkennen und sich im Vorfeld ein Ziel oder einen Fokus zurechtzulegen, etwa ein Hörbuch, damit du verlernst, dass Spazieren mit Schwindel verbunden ist.

Der Supermarkt hat oft eine agoraphobische Komponente. Agoraphobie ist ursprünglich die Angst vor großen, weiten Plätzen (Agora, der Marktplatz), heute auch die Angst, in einer Situation zu sein, aus der man nicht flüchten kann (die meisten mit „Flugangst" haben eigentlich Agoraphobie), die Angst, einen körperlichen Zustand zu erleiden, oder die Angst, umzukippen und sich zu blamieren. An der Kasse, sechs Leute vor einem, steigt die Übelkeit, der Klassiker. Auch hier helfen Erklären, Entmystifizieren und Psychoedukation: Das ist keine Krankheit, die Gefühle kommen hoch, weil wir die Stressoren zurückverfolgen können, und wir können sie wieder verlieren.

Wichtig ist der Umgang: Befürchtungen aufgreifen, anders damit umgehen, sie als noch nicht definiertes Ziel interpretieren und Ziele bilden. Für ihn gilt, wenn ich Fußball spiele, ist alles weg, typisch, der Bewegungsmodus verarbeitet Stresshormone, und der Fokus liegt auf dem Spiel statt auf dem Symptom. Die Erklärung lässt sich ins Leben übertragen: Sorge dafür, dass du oft genug den Fokus auf die Dinge richtest, die dir guttun.

Erst abklären, dann nicht allein herumdoktern

„Daran erkenne ich, dass es psychisch ist" würde ich nicht pauschal unterschreiben. Ein neu auftretender Schwindel oder eine Panikattacke sollte organisch beurteilt werden, und niemand sollte darauf angewiesen sein, nur an sich selbst herumzudoktern. Ich kann Betroffenen etwa raten, beim Arzt die Schilddrüsenwerte (TSH, T3, T4) mit abprüfen zu lassen. Zuschauer sollten eine solche Einschätzung aber nicht hundertprozentig auf sich übertragen, damit nichts übersehen wird. Bei diesem jungen Mann ist es sehr wahrscheinlich psychisch bedingt, zumal er durch viele Klinikaufenthalte sehr gründlich organisch durchdiagnostiziert ist.

Erwartungshaltung und Extrasystolen

Hat der Schwindel im Supermarkt mit der Erwartungshaltung zu tun? Ja, Stichwort Self-fulfilling Prophecy, ich bekomme, was ich erwarte, und halte ich den Fokus auf dem Angstinhalt, dominiert die Angst. „Hoffentlich kommt der Schwindel nicht" ist für unseren Kopf dasselbe wie „Schwindel", er sagt, oha, Schwindel kenne ich. Deshalb ist es schwer, einen Gesundheitszustand als Ziel zu formulieren, „ein Leben ohne Schwindel" hat den Schwindel mit drin. Besser sind Zieldefinitionen, die den gewünschten Ist-Zustand darstellen.

Zum Thema Herz: Viele glauben, ihre Extrasystolen zu spüren. Ein paar Patienten können das, die meisten nicht. Im normofrequenten Sinusrhythmus siehst du deine Zacken im EKG, eine Extrasystole ist ein zusätzlicher Herzschlagkomplex an unerwarteter Stelle, extra, aber nicht extra heftig. Wenn du deinen normalen Herzschlag nicht spürst, warum solltest du die Extrasystole spüren? Was man spürt, sind oft andere Dinge, eine Faszien- oder Nervenreizung, ein eingeklemmter Nerv oder ein Roemheld-Syndrom (der Magen liegt ungefähr unter der linken Brust). Manche haben wirklich Panikattacken, manche einen larvierten, dominierenden Schwindel, Mischformen sind selten.

Zusammengefasst hört sich alles danach an, dass es von der Psyche kommt. Probleme, für die wir keine Lösung haben, erscheinen groß, und jedes ungelöste Problem erzeugt Reibung. Mit wenigen Werkzeugen, die wir konsequent lernen, vor allem Befürchtungen in Zielbilder zu übersetzen, zieht sich der Schwindel oft als eines der ersten Symptome zurück. Hörst du dann auf, an dir zu arbeiten, kommt es in zwei Wochen wieder, wichtig ist, am Ball zu bleiben.

Wie du Befürchtungen in Zielbilder übersetzt und den Fokus verschiebst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Dein Schwindel und deine Panik sind abgeklärt, und du möchtest an den Ursachen arbeiten? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

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Seit 12 Jahren Schwindel, Panik und Benommenheit

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