Woran erkenne ich eine gute Traumatherapie?
Vor Kurzem kam die Frage auf: Woran erkenne ich eine gute Traumatherapie? Eine sehr gute Frage, denn Traumatherapie ist ein sensibler Begriff, das Feld ist weit und vieles darin unklar. Was ist Traumatherapie überhaupt, wie unterscheiden sich die Unterformen, und wie erkennt man einen guten Traumatherapeuten? Zwei Dinge liegen mir dabei besonders am Herzen.
Punkt eins: Am lautesten heißt nicht am besten
Wir leben in einer Zeit, in der häufig derjenige die meiste Aufmerksamkeit bekommt, der am lautesten rufen kann. In den sozialen Medien gibt es eine enorme Präsenz zu sensiblen Themen aus Gesundheit, Therapie, Veränderung und Life-Coaching. Ein wichtiger Umstand, den man als Betroffener beachten sollte: Es gibt viele „Medfluencer", die medizinische und psychologische Themen aufgreifen, und einen wachsenden Markt an „Sickfluencern", also Creatorn, die aus der eigenen Erfahrung, dem eigenen Leidensdruck heraus berichten.
Das kann gewinnbringend sein, weil Menschen einen Weg beschreiben, der für sie funktioniert hat. Schwierig wird es dort, wo wir den Bereich evidenzbasierter Informationen verlassen: „Bei mir hat das geholfen, also muss es auch bei jedem anderen helfen." Dieses Muster kennen wir aus dem Bereich „So wirst du reich in fünf Schritten". Hinzu kommt ein „False Balancing": Wenn jemand ein Buch herausbringt, auf Instagram, YouTube und TikTok präsent ist und viele Follower hat, wirkt das nach Erfahrung und Kompetenz. Und hier wird es heikel, denn der Algorithmus belohnt bei Weitem nicht Qualität, sondern eher das, was die Leute am stärksten „hookt", also den Aufhänger am Anfang eines Videos, weil die Aufmerksamkeitsspanne sehr gering ist. Sehr präsente Medien zum Thema Traumatherapie verbreiten deshalb nicht automatisch besonders relevante Informationen.
Der erste Schritt ist also, bewusst darauf zu achten: „Traumatherapie" ist kein geschützter Begriff, genauso wenig wie „Traumatherapeut". Jeder in Deutschland darf sofort Traumatherapie anbieten und sich Traumatherapeut nennen. Das macht diesen Markt schwierig.
Punkt zwei: Die Beziehung zählt mehr als das Verfahren
Traumatherapie ist neben den anderen standardisierten Therapieverfahren ein Feld, das zunehmend kritisch unter die Lupe genommen wird. Wir haben zwar evidenzbasierte Herangehensweisen, sehen in der Studienlage also, dass etwas funktioniert. Aber manchmal misst man das an Fragen wie: Wann kommt ein Patient nach abgeschlossener Therapie zum Therapeuten zurück und wird damit im Zweifel rückfällig? Eine geringe Rückfallquote wird dann als Erfolg gedeutet.
Das ist heikel, denn nicht immer ist die erfolgreiche Therapie der Grund, warum jemand nicht zurückkehrt. Manchmal hat man einfach die Zähne zusammengebissen, die Sitzungen durchgezogen, kein gutes Setting erlebt und macht innerlich einen Haken dahinter, dass Therapie eben doch nicht hilft. Gerade bei evidenzbasierten Ansätzen zeigt sich zunehmend, dass die Evidenz gar nicht so ausdrucksstark ist, wie sie auf dem Papier wirkt. Wir dürfen uns also nicht blind auf diese Daten verlassen.
Was sich mehr und mehr als Idee und als Erkenntnis durchsetzt: Die Beziehung zwischen Therapeut und Klient ist viel entscheidender als die Frage nach dem Verfahren. Ob Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie, systemische Therapie oder Traumatherapie, in der Datenlage zeigt sich zunehmend, dass es die Beziehungsebene zwischen Therapeut und Klient ist, die die Qualität ausmacht.
Und oft ist „Trauma" gar nicht das richtige Wort
Traumatherapie ist ein heikles Feld. Nach meinem persönlichen Empfinden erfüllt etwa die Hälfte derjenigen, die mit dem Anliegen „Ich brauche Traumatherapie" kommen, bei genauerem Hinschauen gar nicht die Kriterien für ein klassisches Trauma. Häufig geht es viel mehr um eine starke Belastung, bei der jemand nach Hilfe gesucht hat, und im Zuge dessen wurde immer wieder der Begriff „Trauma" entgegengeworfen, bis der Eindruck entstand, man müsse nun ein Trauma aufarbeiten.
Genau diese Einordnung ist wichtig. Der vielversprechendste Ansatz ist deshalb aus meiner Sicht, jemanden zu finden, mit dem man eine tragfähige Beziehung erlebt, um sich um das eigene Anliegen zu kümmern, bewusst abgegrenzt vom Begriff „Trauma" und bewusst abgegrenzt von Social Media, indem man bei Instagram, TikTok und YouTube auch einmal einen Punkt setzt.
Wenn du an einer starken Belastung arbeiten und ihre Hintergründe verstehen möchtest, gehe ich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" ausführlich auf solche Zusammenhänge ein → hier ansehen.
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