Wie Symptome entstehen, und wie du das Muster durchbrichst
Ich habe vor Kurzem in der Praxis ein Schaubild erstellt, das aus den zahlreichen Klientenkontakten entstanden ist. Es kommen viele unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Anliegen zu mir, und trotzdem ist meine Erfahrung, dass ich mit sehr ähnlichen, fast den gleichen Werkzeugen an die verschiedensten Situationen herantreten kann. Diese Herangehensweise ist mir wichtig, denn eine gewisse Vereinfachung schafft oft auch eine gute Verständlichkeit. Die richtig guten Dinge sind oft recht simpel, aber nicht alles Simple ist auch richtig gut. Um herauszufiltern, was einfach ist und sich zugleich gut anwenden lässt, braucht es viel Erfahrung, viel Ausprobieren, viele Sitzungen und viele Gespräche.
Ein Bild als Orientierung, nicht als Anspruch
Die Idee hinter dem Schaubild ist nicht, dass es hundert Prozent aller Beschwerden und Symptombilder abdeckt. Die Idee ist, dass wir etwas haben, das uns Orientierung gibt, worauf wir uns beziehen und womit wir anfangen können zu arbeiten. Nach meiner Erfahrung und Prognose ist es nicht für alle Fälle geeignet, aber wahrscheinlich für deutlich mehr als neunzig Prozent.
Im oberen Teil steht die Zusammenfassung aus drei Punkten, und es geht immer um dieselbe Frage: Wie entstehen Symptome, negative Gefühle und Emotionen? Der Ablauf ist größtenteils sehr vergleichbar. Und ein Grundverständnis hilft schon sehr, eine Grundlage zu haben, auf der man weiter aufbauen kann. Deshalb ist einer der ersten wichtigen Punkte in der Zusammenarbeit, Verständnis aufzubauen, es zu verinnerlichen und darauf den Umgang mit dem Symptom zu verändern.
Von Aktion – Reaktion – Emotion zu Interaktion
Die Reaktion unterliegt einem Automatismus. In den meisten Fällen ist es fast ein angeborener Reflex, dass wir erst mal dramatisch reagieren, negativ bewerten, eine Art Schutzhandlung in uns tragen. Das ursprüngliche Muster, das zu Symptomen führt, lautet: Aktion – Reaktion – Emotion. Etwas passiert (Aktion), wir reagieren automatisch (Reaktion), und daraus folgt eine negative Emotion.
Was wir verändern wollen, steht im unteren Teil des Bildes. Zwischen Reaktion und Emotion schieben wir einen neuen Schritt: die Interaktion, die Bewusstheit. Wir schauen hin: Moment, was war da gerade los? Eine neue, bewusst gewählte Reaktion führt zu einer neuen Emotion. Das neue Muster lautet also: Aktion – Reaktion – Interaktion (Bewusstsein aufbauen) – andere Reaktion – andere Emotion.
Auf lange Sicht wollen wir auch bei der Aktion selbst ansetzen, also an dem, was um uns herum passiert und uns belastet, und an der Konditionierung, den negativ trainierten Eigenschaften. Dazu gehören manchmal große Lebensentscheidungen: Wo wohne ich, wo arbeite ich, mit wem verbringe ich mein Leben? Aber auf mittel- bis kurzfristige Sicht setzen wir vor allem bei der Reaktion an.
Symptome sind Wahrnehmung plus Bewertung
Die meisten Beschwerden bauen nicht von sich aus Leidensdruck auf. Die meisten Symptome sind nicht einfach nur Symptome, sondern eine Kombination aus Wahrnehmung und Bewertung. Genau deshalb spielt im Schaubild die Bewertung so eine dominante Rolle.
Viele fragen sich an dieser Stelle: Welche andere Reaktion ist denn nun die richtige? Darum geht es im ersten Schritt gar nicht. Im ersten Schritt geht es um die bewusste Interaktion, das bewusste Erkennen, darum, die Wahrnehmung für einen kurzen Moment dorthin zu lenken: Ah, Moment, stopp, unterbrechen, jetzt läuft wieder ein Automatismus in mir ab. Das ist der erste wichtige Schritt zur neuen Reaktion.
Es gibt ein Falsch und viel Richtig
Ein Bild, das ich oft erlebe: Ich schlage jemandem etwas vor, und in der Woche darauf heißt es: „War schwer, ich hatte Angst, ich mach's falsch, also habe ich es lieber sein gelassen." Wir haben oft den Eindruck, es gäbe ein Richtig und viel Falsch. So fühlt es sich für die meisten an, mich eingeschlossen. Die Realität ist aber in den meisten Fällen umgekehrt: Es gibt ein Falsch und viel Richtig. Das eine Falsche ist, den Automatismus einfach durchrauschen zu lassen. Fast egal, was du anders machst, welche andere Bewertung dazukommt, Hauptsache, es ist erst mal nicht die alte.
Und mit der Zeit, das ist meine Erfahrung aus vielen Sitzungen, kommen wir von allein darauf, was das richtige Reagieren ist. Zuerst müssen wir uns nur darin üben, die Bewusstheit hineinzubringen, mitzubekommen, was in uns passiert, die Unterbrecher zu setzen und in das Interagieren zu gehen. Das ursprüngliche Bild war Aktion, Reaktion, Emotion. Das neue Bild darf sein: Aktion, Reaktion, Interaktion, Bewusstsein aufbauen, eine andere Reaktion bewusst einbringen und eine andere Emotion bekommen.
Wenn du tiefer verstehen möchtest, wie Symptome entstehen und wie du sie Schritt für Schritt verändern kannst, gehe ich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" ausführlich darauf ein → hier ansehen.
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