Woher kommt die Derealisation?

Eine Zuschauerin schreibt: In letzter Zeit kommt es mir vor, als wäre der vorangegangene Tag ein Traum, und an manche Sachen erinnere ich mich gar nicht mehr. Können das Symptome einer Derealisation sein? Vor drei Jahren wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, kann das etwas damit zu tun haben?

Psychiatrische oder psychologische Derealisation

Diese Form der Derealisation sollte man in eine psychiatrische und eine psychologische Diagnose beziehungsweise einen entsprechenden Hintergrund differenzieren. Die psychiatrisch relevante Derealisation kommt aus dem Kontext einer dissoziativen Störung, im Bereich F44 des ICD-10, je nach Ausprägung, und hat häufig Komorbiditäten, das heißt, sie tritt gehäuft mit anderen Störungsmustern auf. Im ICD-10 sind Derealisation und Depersonalisation als dissoziative Störungsbilder zusammengefasst. Bei einigen dissoziativen Störungsformen sind auch organische Hintergründe beobachtbar, neuere MRT-Studien haben strukturelle Veränderungen im Gehirn gezeigt, die eine solche Störung mitbedingen. Im ICD-10, dem Diagnosemanual der WHO, wird das aktuell noch nicht differenziert, weil es psychische Störungen gern von organischen Grundlagen abgrenzt.

Dazu zwei Begriffe: In der Psychosomatik nimmt etwas aus der Psyche eine Dynamik auf das Körperliche, die Psyche beeinflusst das Somatische. Weniger bekannt ist die Somatopsychologie, bei der im Umkehrschluss körperliche Leiden auf die Psyche übergehen. Das ICD-10 differenziert etwa ein Korsakow-Syndrom, bei dem durch einen Thiaminmangel eine Wernicke-Enzephalopathie entsteht, die sich zu einem Korsakow-Syndrom, einer amnestischen Störung mit Problemen des Erinnerungsvermögens, weiterentwickeln kann, und sagt, wenn nicht aufgrund anderer organischer Ursachen entstanden. Bei der Derealisation in der F44-Komponente ist das noch nicht so stark differenziert, theoretisch kann eine organische Ursache gefunden werden, aber wir sind hier deutlich im Rahmen der Studienlage.

Das ICD arbeitet symptombasiert: nicht „er hat eine dissoziative Krampfanfallstörung und deshalb Krampfanfälle", sondern „wir beobachten dissoziative Krampfanfälle, er erfüllt die Kriterien, deshalb die Diagnose". So können Ärzte und Psychologen sich ein Bild machen. Was die Betroffene hat, kann tatsächlich eine Derealisation aus einem dissoziativen Kontext und psychiatrisch auffällig sein. Ich stelle aus der Ferne keine Ferndiagnose, wir sprechen hypothetisch, im Konjunktiv.

Wahrscheinlichkeiten: eher Stress als Dissoziation

In der Medizin sagt man, wer Hufe scharren hört, soll bei uns an ein Pferd denken, nicht an ein Zebra, wir gehen nach Wahrscheinlichkeiten. Die Betroffene empfindet den Zustand als störend, weil man sich wie in einem latenten Traumgeschehen durch die Welt bewegt. Andererseits sind wir eigentlich immer in einer Art Trance, es gibt die automatisierte Trance (Auto fahren, ohne nachzudenken) und Momente, in denen wir sehr wach sind. Die Fragestellung „war ich gestern, war ich gestern nicht" geht von der Wahrscheinlichkeit her eher in Richtung Stress-Symptomatik, Katecholaminausschüttung, zusammen mit Panik, Angst, Schwindel, diffuser Benommenheit und dem Gefühl, einen halben Zentimeter neben sich zu stehen.

Die PTBS und ihr Komorbiditätsspektrum

Für die Diagnose einer PTBS muss in der Vorgeschichte ein einschneidendes Ereignis stattgefunden haben. Interessanterweise lässt sich bei einer traumatisierenden Situation nicht voraussagen, ob jemand traumatisiert wird, man kann grobe Anteile bemessen, etwa, dass ein Teil der Betroffenen später mit einer solchen Störungsform reagiert, aber nicht „du ja, du nicht", dafür weiß man zu wenig. Eine PTBS diagnostiziert man normalerweise erst ab etwa sechs Monaten nach dem Ereignis.

Man weiß auch, dass die PTBS-Symptomatik meist bei einer symptomreichen Patientengruppe besteht, das heißt, jemand hat selten isoliert nur eine PTBS, sondern in der Regel auch andere Störungsformen. Wichtig: Störungsform bedeutet nicht direkt Krankheit. In der Psychologie bemisst man die Population über eine Gauß'sche Normalverteilung, die meisten gelten als gesund, die wenigen im Randbereich als krank, das hat auch mit Machtverhältnissen zu tun, Psychiatrie und Psychologie sind nicht trennscharf mit Gesundheit und Krankheit differenziert. Bei einer diagnostizierten PTBS sind andere Diagnosepotenziale erhöht, in Richtung Depression, Angststörungen, Panikstörungen, affektive Störungen (auch bipolare Störung) oder eine dissoziative Störung. Deshalb, um die Frage zu beantworten: Die vor drei Jahren diagnostizierte PTBS kann damit zusammenhängen, dass heute diese Phänomene auftreten, weil sie in den Komorbiditätsrahmen der PTBS fallen. Das ist eine Erklärung, aber das Symptom ist damit nicht weg.

Was das luzide Träumen uns zeigt

Es gibt das Phänomen des luziden Träumens, des Klarträumens: Man realisiert im Traum, dass man träumt, wird wach, schläft aber weiter und kann den Traum frei gestalten, fast jeder hatte das schon mal. Man kann es trainieren, etwa über eine Trance-Induktion, eine selbst induzierte Hypnose, oder indem man regelmäßig die Realität hinterfragt, träume ich gerade, könnte ich meine Hand durchpusten? Je häufiger wir etwas bewusst bedenken, desto eher wandert es ins Unterbewusste, und diese unterbewussten Strukturen sind die repetitiven Wiederholungsmuster, auf die das Gehirn mit minimalem Energieaufwand zurückgreift, wie beim Auto fahren, ohne nachzudenken, denn das Gehirn ist einer der größten Energiefresser. Das Unterbewusstsein regelt das Traumgeschehen, und je häufiger wir wach die Realität hinterfragen, desto eher taucht dieses Hinterfragen im Traum auf, wenn dich ein Traum fragt, ob du träumst, wachst du auf.

Übertragen: Der gestrige Tag war wie ein Traum, an manches erinnere ich mich nicht. Wie bekommt man dieses Problem? Mit einer paradoxen Intervention (aus der Werkzeugkiste der systemischen Therapie) gehe ich ins Problem: Was müsste ich tun, um es überhaupt zu bekommen? Ich müsste anfangen, meine Realität tagtäglich zu hinterfragen. Einer solchen Klientin würde ich die Frage stellen, wie sind Ihre Denkmuster tagein, tagaus so gesteuert, dass dort immer wieder dieses unsicherheitsorientierte Hinterfragen der eigenen Realität eine dominierende Rolle spielt?

Nicht Ausdruck einer Krankheit, sondern erlernter Strukturen

Deine Symptomatik ist in den meisten Fällen nicht Ausdruck einer Krankheit, eine Krankheit ist eine Beschreibung der Symptomatik, deine Symptomatik ist in der Regel Ausdruck erlernter Strukturen. Aus knapp 11.000 Sitzungen und den sich wiederholenden Strukturen würde ich bei dieser Betroffenen höchstwahrscheinlich auditive Denkmuster finden, Selbstfragen wie „was ist, wenn das gestern gar nicht passiert ist, was ist, wenn es schlimmer wird". Der wichtigere Punkt ist, nicht isoliert nach ICD-10 eine Diagnose zu stellen. Es geht nicht darum, eine PTBS zu therapieren, dafür gibt es Traumatherapeuten und spezialisierte Strukturen für sehr schwere Fälle. Ein Derealisationsphänomen wurde wahrscheinlich in gewisser Hinsicht antrainiert, auch als Hintergrund einer dissoziativen Störung (siehe mein Video zu dissoziativen Störungen).

Wichtig ist, weiterzugehen: Ihr braucht jemanden, der mit euch Psychoedukation betreibt, du denkst in Form von Bildern und inneren Stimmen, was denkst du den ganzen Tag? Nicht alles ungefiltert transkribieren, sondern die Gedanken konkretisieren, das Wichtige mitschreiben und ein Verständnis dafür entwickeln, dass das hier oben in der Regel selbst produziert wird. Denn erst wenn wir einen konkreten Einblick haben, wie wir es geschafft haben, das Problem zu bekommen, können wir anfangen umzutrainieren, damit sich das Problem wieder verändert.

Wie du deine auditiven Denkmuster erkennst und umtrainierst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du erlebst ein Gefühl der Unwirklichkeit und möchtest es verstehen und verändern? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

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