Wirkt sich Angst auf den Blutzucker aus?
Jemand hat auf ein Video über Bluthochdruck geschrieben und sich darin wiedererkannt: Das klinge nach einer generalisierten Angststörung und Angst beim Messen, dem Weißkittelsyndrom. Selbst der Blutzucker sei hoch, wenn beim Arzt gemessen wird, heute bei der Diabetologin 296, zuhause 96. Ich habe den Kommentar herausgegriffen, weil mich die Frage interessiert, wie groß Blutzuckerschwankungen im Kontext eines Weißkittelsyndroms sein können.
Das Weißkittelsyndrom
Beim Blutdruck heißt das: Du gehst zum Arzt und hast schon vor der Messung eine unterschwellige oder konkrete Angst, es wird gemessen, und zack, der Wert ist hoch. Gute Ärzte kennen das, machen eine zweite und dritte Messung, leiten zur Selbstmessung an und geben vielleicht eine 24-Stunden-Messung dazu, bevor sie etwa einen Betablocker verordnen, das hängt vom Einzelfall ab.
Ich habe recherchiert und keine aussagefähigen Studien gefunden, die klar differenzieren, in welcher Range der Blutzucker durch Angst schwanken kann, das muss man dazusagen. Grundsätzlich: Die generalisierte Angststörung ist keine Krankheitsursache, sondern eine Symptombeschreibung. Du bist nicht an einer GAS erkrankt und hast deshalb die Symptome, sondern weil bestimmte Symptome da sind, nennt man es GAS, womit die Diagnose nicht sagt, woher sie kommt. „Ich bin ein ängstlicher Mensch" ist eine Beobachtung, nicht die Ursache. Ängste entstehen über Bilder im Kopf, die das Gehirn dramatisch, misserfolgs- und negativorientiert liefert, je nach Umgang entsteht Handeln oder das Nachhallen, und kumuliert das, haben wir die generalisierte Angststörung. Der Kopf extrapoliert angstauslösende Gedanken schnell und quittiert sie mit einer Stresshormonausschüttung, die uns im 50.000 Jahre hinterherhinkenden Organismus zu Kampf und Flucht befähigen soll.
Der Mechanismus: Adrenalin gegen Insulin
Adrenalin, eines dieser Stresshormone, ist ein Antagonist des Insulins. Insulin sorgt dafür, dass der im Blut schwimmende Zucker in die Zielzelle gelangt, es ist wie ein Schlüssel, der die Tür öffnet, damit der Zucker in die Muskelzelle eindringt. Genau das wird durch Adrenalin unterbunden. So lassen sich steigende Blutzuckerspiegel in akuten Angst- und Panikreaktionen erklären.
Was der Wert bedeutet, und was nicht
Wichtig: Ein Blutzucker von etwa 196 ist nicht per se pathologisch. Es gibt die Nierenschwelle, ab ungefähr 180 Milligramm pro Deziliter kann der Körper den Zucker nicht mehr halten, er wird über die Niere ausgeschieden, dann findet sich Glukose im Urin, mit Teststreifen messbar. Hast du kurz vorher etwas Zuckerhaltiges gegessen und misst eine halbe Stunde später, läge auch mein Wert da oben, das ist also nicht automatisch krankhaft. Ein Wert von 96 zuhause ist ein normaler Blutzucker, der Nüchternblutzucker sollte morgens unter 100 liegen, ab 100 misst man genauer nach, etwa mit einem oralen Glukosetoleranztest (oGTT), den man auch in der Schwangerschaft durchführt. Ein detailliertes Patientenbild kann ich daraus nicht ableiten, aber grundsätzlich gilt: Ja, in angstauslösenden Situationen kann sich der messbare Blutzucker verändern.
Was du tun kannst
Erstens gehört das trotzdem in ärztliche Hände, denn du schreibst, dass du bei der Diabetologin warst, das Thema Diabetes ist also bereits da. Erfahrungsgemäß liegt dann eher ein Diabetes Typ 2 vor, also ein erworbener, denn ein Typ-1-Diabetes ist angeboren und genetisch prädisponiert, manifestiert sich meist in Kindheit oder Jugend, und damit wärst du anders trainiert. Beim Typ 2 gibt es Faktoren, die man verändern kann, meist Sport, Ernährung und Gewicht. Solche Gesundheitsfragen gehören zum behandelnden Fachmann, deiner Diabetologin oder deinem Hausarzt. (Entscheidungen zu deiner Blutzuckerbehandlung und zu Medikamenten triffst du immer mit ihnen.)
Spannend ist der innere Schweinehund. Du kannst Dinge in deinem Leben verändern, sodass du einen anderen Zugang zu deinen Gedanken findest, im Umgang mit den Ängsten, aber auch auf der Ebene eines Diabetes, dessen Blutzuckerwerte sich vielleicht normalisieren lassen, womöglich ohne insulinpflichtig zu werden (viele Typ-2-Betroffene kennen etwa Metformin). Der Haken: Körper und Kopf wollen nicht, dass du etwas veränderst, dein Kopf will überleben, und dafür ist es okay, hochkalorische, kurzkettig zuckerhaltige Nahrung zu essen. Er verfolgt nicht den Plan, lange gesund und glücklich zu leben, dem Gehirn ist eigentlich egal, ob du Diabetes hast. Du kannst nicht erwarten, dass es von sich aus Impulse schickt, damit du Gesundheit erlangst.
Deshalb meine Empfehlung, auch an andere Betroffene: Werdet wach und arbeitet eure Gedanken als Bilder und innere Stimmen heraus, die von außen keiner sieht. Versteht die angstauslösenden Gedanken, aber auch die Gedanken, die euch davon abhalten, euer Leben zu verändern, mehr Sport, radikal andere Ernährung, mehr Wasser statt anderer Getränke, mehr Bewegung, was Ärzte ohnehin empfehlen. Schau dir die Videos an, wie ein Gefühl entsteht, und Sorgen und Befürchtungen aufschreiben, denn diese negativen Gedanken lenken uns passiv, das kommt nicht von allein. Und das Video, warum du dich noch nicht veränderst, erklärt, warum allein in Deutschland Millionen Menschen Krankheiten haben, die theoretisch nicht sein müssten, und trotzdem nicht herauskommen. Über diese Modelle wird verständlich, warum wir uns nicht verändern, und du verstehst besser, warum du noch nicht in der Situation bist, die du dir eigentlich wünschst.
Wie du die Gedanken herausarbeitest, die dich in die Angst bringen und zugleich von Veränderung abhalten, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Deine Werte sind ärztlich begleitet, und du möchtest an den Ängsten und am inneren Schweinehund arbeiten? Die medizinische Behandlung bleibt bei deiner Diabetologin, die Arbeit an den Mustern begleite ich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.