Wieder herausfinden, was dir Freude macht, nach der Isolation durch Panik
Jemand hat in einem meiner Livestreams geschrieben: Wie findet man für sich wieder heraus, was einem Freude macht, um sich neue Ziele zu setzen? Ich habe mich in den letzten Jahren durch die Panikattacken so isoliert, dass mir die Einsamkeit mittlerweile mehr zu schaffen macht als früher die Panik. Jetzt bin ich motiviert und möchte soziale Kontakte, weiß aber nicht, wo ich anfangen soll.
Dieser Kommentar ist vielen Veränderungsprozessen schon ein ganzes Stück voraus, weil hier nicht die Symptome im Vordergrund stehen, nicht der Leidensdruck oder die Frage „wie kriege ich das Symptom weg", sondern der Wunsch, direkt auf die eigene Lebensqualität einzuwirken. Und genau das ist der eigentliche Kern.
Nicht die Symptome, sondern die Lebensqualität
Ich habe in fast zwei Jahrzehnten viele Menschen kennengelernt, die extrem symptomfokussiert waren, so sehr, dass ich diese Erkenntnis sogar ins Vorwort meines Buches „Schluss mit Panik" eingebaut habe. Man ist in einem Tunnel und bekommt kaum etwas anderes mit, die Auslöser und die Unzufriedenheit im Hintergrund nimmt man gar nicht mit auf. Wichtig: Es sind nicht die Symptome, die deine Lebensqualität runterziehen, es ist die eingeschränkte Lebensqualität, die den Symptomen Tür und Tor öffnet.
Warum ich dir keine fertige Liste geben kann
Wir suchen oft Input von außen, Vorschläge, Beispiele. Das ist schwierig, denn was ich mitgebe, ist sehr Lukas-spezifisch, meine Ideen, Wünsche, Ziele und Strategien, entstanden aus meinem System, zu dem sie auch passen. Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Wir sollen mit 18 oder 19 wissen, welcher Beruf es für den Rest des Lebens wird, und der soll uns auch noch glücklich machen. Kaum jemand hat bis dahin gelernt, herauszufinden, was der eigene Kopf präferiert. Ich glaube nicht einmal, dass sich das auf Berufsfelder eingrenzen lässt, denn unser Kopf hat sich in der Evolution nicht mit Berufsbildern entwickelt.
Der Kopf als Mosaik, und seine Hinweise
Ich erkläre es lieber so: Unser Kopf ist wie ein großes Mosaik aus vielen kleinen Dingen, die das Gehirn eher präferiert oder eher abwehrt, teils angeboren, teils erlernt. Deshalb ist der Individualitätsfaktor so groß. Unser Gehirn sagt nicht mit großer Ansage „das musst du machen", aber es gibt Hinweise im Alltag: kleinere und größere Momente der Zuneigung, in denen wir merken, etwas ist uns ein Anliegen, oder, wie ich es sprachlich verpacke, wir haben eine Idee, einen Wunsch, ein Bedürfnis. Was wir meist noch nicht gelernt haben, ist, uns um genau solche Momente zu kümmern.
Die Umkehr: Anleitung zum Scheitern
Wie klappt es garantiert nicht? Indem du bloß nicht in dein eigenes Denken eingreifst. Läuft der Automatismus, findest du nicht heraus, was du gerne machst, denn dein Gehirn führt dich nicht automatisch dahin, was du lieber möchtest, sondern dahin, wovor du weniger Angst hast. Du erfährst dann höchstens, wovor du dich am wenigsten fürchtest, baust aber keine Kompetenzen auf. Der zweite sichere Weg ins Scheitern ist, sich an anderen zu orientieren, weil der Kopf uns vorgaukelt, alle anderen seien glücklich und wüssten, was sie wollen, nur ich stehe vor der Wand. Das stimmt nicht, die meisten Menschen sind gar nicht glücklich und wissen nicht, wo es hingehen soll, die Gesellschaft funktioniert trotzdem, man kann sich auf ein Minimum an Aktivität zurückziehen. Bleibst du inaktiv, sicherst du das Überleben, aber keine Lebensqualität.
Motto und Call to Action
Dreht man das um, ist klar: Aktivität gehört dazu, und wir müssen lernen, uns über das automatische Denken zu emanzipieren. Mein Motto, eine steile These: Im Leben geht es eigentlich nur darum, herauszufinden, was wir wollen und was wir dafür brauchen. Das ist noch kein Call to Action. Der lautet: Du erlebst im Alltag einen kurzen Moment der Zuneigung, etwas ist dir ein Anliegen, Idee, Wunsch, Bedürfnis. Sensibilisiere dich auf solche Momente und zeige in genau diesem Augenblick eine starke Reaktion: mitschreiben, aussprechen, als Sprachmemo aufnehmen, ein Bild malen, eine Skizze machen, ein Foto im Internet raussuchen und speichern, gern gemischt.
So fixierst du dieses Mosaiksteinchen, bei dem dein Kopf sagt „da hatte ich mal Bock drauf". Danach musst du ein Stück weit auf den Prozess vertrauen, denn unser Gehirn arbeitet stark iterativ, aufeinander aufbauend. Am Anfang fühlt sich das nicht toll an, und übermorgen hast du nicht den Plan für dein Leben. Aber wenn du das eine Zeit lang durchziehst, übst du dich darin, das wichtiger zu nehmen, was dein Kopf dir sowieso signalisiert, und mit der Zeit entstehen mehr Wissen, mehr Planbarkeit und mehr Strategie für dein Leben.
Warum es auf die Lebensqualität statt auf die Symptome ankommt, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Panik" → hier ansehen.
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