Trotz Depression zu Hause ins Machen kommen: Aufräumen und Putzen
Ein Zuschauer hat in einem Livestream geschrieben: Hast du einen Tipp, wie ich mich fürs Aufräumen und Putzen zu Hause motivieren kann? Ich habe seit über 30 Jahren Depression. In einem Gastro-Nebenjob kann ich gut und ausdauernd arbeiten, aber zu Hause schaffe ich es kaum, etwas anzupacken, und bin selbst erstaunt, warum das nicht geht.
30 Jahre Depression sind eine unvorstellbare Belastung, und leider keine so seltene Geschichte. Die zentrale Erkenntnis dabei: Das Leben eines Menschen und seine Symptome gehen Hand in Hand. Deshalb ist der Ansatz „ich möchte meine Symptome behandeln" eigentlich nicht der richtige Weg. Unser System versucht immer, auf alles eine Antwort zu finden, und Depression, Panikattacken oder Angst sind in der Regel genau diese Antworten. Modern schaut man daher vorrangig auf die Hintergründe, aus denen sich logisch ableiten lässt, was die eigentlichen Antworten sind. Nicht das Symptom ist das Problem, und man muss auch nicht einfach ein Medikament reinwerfen und den Patienten weiterziehen lassen. Wenn du 30 Jahre die Garage nicht aufgeräumt hast, schaffen wir das nicht am nächsten Samstag. Der Zuschauer fragt aber gar nicht „mach meine Symptome weg", sondern nach einer Veränderung in einer konkreten Sache: zu Hause ins Machen kommen.
Straßenbau bei wenig Verkehr
Mir gehen dazu einige Gedanken durch den Kopf, die man unter einer Überschrift zusammenfassen kann: Straßenbau wird am besten betrieben, wenn gerade wenig Verkehr ist. Ich spreche gern von einer Datenautobahn und von Spurrillen, ein Bild für die Erkenntnisse der Neurowissenschaften, denen ich mehr zugewandt bin als der klinischen Psychologie. Das Gehirn zeigt eine gewisse Neuroplastizität, es ist plastisch, veränderbar. Über Wiederholung können wir es dazu bringen, seine Routinen und Denkmuster zu verändern. Und diese Veränderung gelingt vor allem dann, wenn das Problem gerade nicht so stark da ist und uns lähmt. Deshalb: Straßenbau bei wenig Verkehr.
Neuroplastizität auf der Ebene der Sprache
Den Weg dorthin beschreibt am ehesten der Begriff NLP, neurolinguistisches Programmieren, keine psychologische Erfindung, sondern unter anderem von einem amerikanischen Mathematiker entwickelt, und es geht nicht um Marketing oder Manipulation. Wir nutzen Neuroplastizität auf der Ebene der Sprache. Damit meine ich nicht unbedingt Affirmationen, sondern dass wir Gedanken erleben und verarbeiten, die wir ohne Eingreifen ins eigene Denken nicht hätten. Wir sprechen mit oder zu uns. Sehen und Hören sind in unserem Kopf am stärksten ausgestaltet, darauf reagieren wir am meisten.
Konkret: Wenn du erkennst, dass an einer Stelle ein Problem ist, das du verändern willst, steht die Frage, wie und wann. Du bietest deinem Gehirn immer und immer wieder genau dieses gedankliche Spektrum an, sodass es verarbeiten kann: Ach, bei nächster Gelegenheit mache ich das. Wenn ich gerade keine Energie dafür habe, ist es in Ordnung, mich kurz schlecht zu fühlen, aber ich prüfe nach 20 Minuten noch mal, ob nicht etwas mehr Energie da ist. Das lässt sich von außen nicht hundertprozentig vorgeben, aber strukturell reagiert das Gehirn darauf, wenn du es oft genug anbietest. Übe dich also darin, vielleicht in kleinen Zwischenschritten, dich langsam dahin zu programmieren, gib dir Zeit und Geduld. Und vielleicht sind die Erwartungen an dich auch schlicht zu groß.
Welche Funktion hat das häusliche Umfeld?
Ein zweiter Punkt: Hinterfrage, ob das Häusliche eine Funktion hat, die das Problem gut beschreibt. Vielleicht war das häusliche Umfeld lange von der Präsenz der Symptome geprägt und bringt dadurch eine Art Blockadewirkung mit, du merkst, da fehlt Energie, Kraft, Lust, da ist sogar ein Gefühl körperlicher Schwere. Oder das Zuhause war ein Zufluchtsort, ein Ort, an dem das Schlechte im Leben zumindest kurz reduziert war. Solche Funktionen darf man im Gespräch herausarbeiten. Denn wenn du fünfmal am Tag affirmierst „bei nächster Gelegenheit fange ich an zu putzen", während im Hintergrund eine solche Funktion wirkt, läufst du immer wieder in Widerstand.
Deshalb empfehle ich beides: möglichst oft deinem Gehirn die gewünschten Gedanken anbieten, um eine schrittweise, nachhaltige Veränderung einzubringen, und zugleich im Alltag, im Eigendenken, danach suchen, ob dort noch etwas anderes ist, das man zuerst bearbeiten und aus dem Weg räumen darf, bevor der nächste Schritt kommt oder fast von allein geht.
Warum Symptome und Leben Hand in Hand gehen und wie du dich Schritt für Schritt neu programmierst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du funktionierst nach außen, kommst aber zu Hause nicht ins Machen und möchtest das verändern? Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.