Wie Symptome entstehen, wenn Stresshormone und Fokus zusammenwirken
Du wachst morgens auf, und bevor Du richtig zu Dir gekommen bist, scannt Dein Körper sich selbst ab. Wie geht es dem Kopf? Ist der Schwindel da? Schlägt das Herz regelmäßig? Atme ich tief genug? Diese Selbstprüfung läuft in Sekunden, ohne dass Du sie willst. Sie ist zur Routine geworden, und sie hat einen entscheidenden Effekt. In dem Moment, in dem Du Dich auf Deinen Körper konzentrierst, fängt er an, Dir das zu liefern, worauf Du Dich konzentrierst. Hier schauen wir auf die zwei Mechanismen, die zusammen Symptome erzeugen, die Stresshormone und den Fokus.
Der erste Mechanismus: die Stressreaktion
Dein Körper hat ein Notfallsystem, das auf einer brillanten Idee der Evolution beruht. Bist Du in Gefahr, soll Dein Körper sofort kämpfen oder fliehen können. Dafür wird vieles schlagartig hochgefahren. Das Herz schlägt schneller, um mehr Blut in die Muskeln zu pumpen, die Atmung wird schneller, die Muskeln bekommen Energie, die Wahrnehmung wird geschärft. Funktionen, die gerade unwichtig sind, wie Verdauung oder Zellaufbau, werden zurückgefahren. Erst überleben, dann weiterschauen.
Damit das in Bruchteilen einer Sekunde gelingt, arbeitet das sympathische Nervensystem mit zwei Botenstoffen, Adrenalin und Noradrenalin. Sobald Dein Gehirn Gefahr meldet, gelangen sie ins Blut und lösen all diese Veränderungen aus. Bis hierhin ist alles brillant. Das Problem beginnt dort, wo dieser Mechanismus von einer realen Gefahr getrennt wird. Denn Dein Gehirn unterscheidet nicht, ob die Gefahr gerade tatsächlich existiert oder nur in Deiner Vorstellung. Stellst Du Dir morgens im Bett vor, dass Du heute auf der Autobahn einen Kreislaufzusammenbruch erleben könntest, reagiert Dein Körper, als drohe er jetzt. Adrenalin wird ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, der Magen verkrampft, obwohl Du im Bett liegst und es keine reale Gefahr gibt.
Dein Körper hat keinen Zugang zur Wirklichkeit, nur zu dem, was Dein Gehirn als Wirklichkeit erlebt. Deshalb kannst Du reale Symptome erleben, ohne äußeren Auslöser. Du denkst etwas, Dein Gehirn bewertet es als bedrohlich, Dein Körper liefert die passende Reaktion. Das Herzklopfen beruht dann nicht auf einer Herzerkrankung, die Atemnot nicht auf einer Lungenerkrankung, der Schwindel nicht auf dem Innenohr. Diese Symptome sind keine Einbildung, sondern die reale Folge eines realen biochemischen Prozesses. Adrenalin macht das Herz schneller, ob es durch eine echte oder eine vorgestellte Gefahr ausgelöst wurde, spielt für den Effekt keine Rolle. Deshalb suchen viele die Ursache an der falschen Stelle, nämlich im Körper, wo die Symptome erscheinen, und übersehen, dass sie eine Etage höher liegt, im Denken.
Der zweite Mechanismus: Aufmerksamkeit als Brennstoff
Vielleicht denkst Du jetzt, ich habe doch oft Symptome, ohne vorher etwas Bedrohliches gedacht zu haben. Das stimmt, und genau dafür braucht es den zweiten Mechanismus. Stell Dir vor, Du entdeckst im Wald zum ersten Mal eine bestimmte Pilzart und prägst sie Dir genau ein. Gehst Du am nächsten Tag durch denselben Wald, entdeckst Du diese Pilze plötzlich überall. Haben sie sich über Nacht vermehrt? Nein. Verändert hat sich Deine Wahrnehmung. Dein Gehirn hat einen Aufmerksamkeitsfokus eingerichtet und findet den Pilz nun auch dort, wo er Dir vorher entging.
Genau das läuft bei Symptomen. Hast Du einmal eine starke Erfahrung gemacht, etwa eine Panikattacke beim Autofahren, markiert Dein Gehirn sie als wichtig und sucht ab jetzt nach Anzeichen einer Wiederholung. Diese Suche läuft im Hintergrund, ohne Pause. Bei jedem leichten Schwindel, den jeder Mensch mehrmals täglich hat, ohne es zu bemerken, fragt Dein Gehirn, ist das wieder die Panik? Beim kleinsten Enggefühl in der Brust fragt es, ist das ein Herzinfarkt? Diese Selbstprüfung ist Brennstoff. Sie liefert ständig neue Daten, die oft als bedrohlich bewertet werden, was eine kleine Stresshormonausschüttung auslöst, die das ursprünglich harmlose Signal verstärkt. Die Verstärkung zieht den Fokus weiter an, die Bewertung verschärft sich, mehr Stresshormone folgen. So entsteht eine Spirale, in der aus einem harmlosen Körpergefühl ein ausgewachsenes Symptom wird. Es war vorher nicht da, es ist während der Spirale entstanden, und wenn die Spirale sich beruhigt, etwa durch Ablenkung, verschwindet es oft so plötzlich, wie es kam.
Ich kann das aus eigener Erfahrung beschreiben. Vor Jahren habe ich einen Tinnitus entwickelt, ein Pfeifen im Ohr. Erzähle ich jemandem davon, bemerke ich ihn wieder, weil meine Aufmerksamkeit dorthin geht. Spreche ich nicht über ihn, höre ich ihn meistens auch nicht. Er ist da, aber mein Gehirn schenkt ihm keinen Fokus, also wird er nicht zum Erleben. Das heißt nicht, dass Du Dir Symptome einbildest, und es heißt auch nicht, dass Du sie einfach wegdenken kannst. Nimmst Du Dir vor, nicht an einen rosa Elefanten zu denken, denkst Du genau an ihn. Aufmerksamkeit lässt sich nur indirekt verändern, indem Du Deinen Fokus auf etwas anderes richtest, Tätigkeiten einbaust, die ihn beanspruchen, und Deinem Gehirn Antworten gibst, statt zu schweigen. Solange Du schweigst, scannt es weiter den Körper. Sobald Du ihm andere Inhalte gibst, hört das Scannen nicht auf, aber es verliert an Schärfe.
Wenn beide Mechanismen zusammenwirken
Jetzt fügen wir beides zusammen. Du hast einen Aufmerksamkeitsfokus auf Deinen Symptomen etabliert, was nicht Deine Schuld ist, sondern eine normale Reaktion auf eine starke Erfahrung. Dieser Fokus sorgt dafür, dass Du den ganzen Tag kleine Körpersignale wahrnimmst, die andere nicht bemerken. Jedes wird bewertet, oft negativ, weil Dein Gehirn auf das Negative trainiert ist. Jede negative Bewertung löst eine kleine Stresshormonausschüttung aus, die das Signal verstärkt, was wieder bemerkt und bewertet wird. So können Symptome im Lauf eines Tages an Intensität zunehmen, ohne dass im Außen etwas passiert.
Dieses Wechselspiel passiert nicht nur Dir. Es ist die normale Funktionsweise eines Gehirns, das gelernt hat, bestimmte Signale als gefährlich einzustufen. Bei Flugangst bemerkt jemand Geräusche und Vibrationen, die andere überhören, bewertet sie negativ, was Stress auslöst und die Wahrnehmung verschärft. Bei Krankheitsangst spürt jemand ein Ziehen im Bauch, scannt weiter, findet mehr, bewertet negativ. Ob Flugangst, Krankheitsangst, Panikangst oder soziale Angst, der zugrunde liegende Mechanismus ist immer derselbe. Wenn Du das verstehst, hörst Du auf, Dich für besonders kaputt zu halten. Du steckst in einem Mechanismus, in dem Millionen Menschen stecken. Er ist nicht angenehm, aber nicht krankhaft im Sinne einer Erkrankung, sondern die Folge eines Trainings, das oft ohne Dein Zutun stattgefunden hat. Und ein Training lässt sich umkehren. Wenn Du heute Abend wieder Symptome erlebst, frag Dich deshalb nicht, was ist nur los mit mir, sondern, worauf hat mein Fokus heute gelegen, welche Befürchtungen sind mir durch den Kopf gegangen, ohne dass ich geantwortet habe. Damit wirst Du vom Opfer eines mysteriösen Geschehens zum Beobachter eines erkennbaren Mechanismus.
Das Wichtigste auf einen Blick: Psychosomatische Symptome entstehen durch das Zusammenwirken zweier Mechanismen. Der erste ist die Stresshormonausschüttung als Reaktion auf eine Bewertung Deines Gehirns, das nicht zwischen realer und vorgestellter Gefahr unterscheidet. Adrenalin und Noradrenalin erzeugen reale Symptome, auch wenn der Auslöser nur ein Gedanke war. Der zweite ist der Fokus, die oft automatische Aufmerksamkeit auf Körpersignale, die wie Brennstoff wirkt, denn was Aufmerksamkeit bekommt, wird verstärkt. Beide bilden eine Spirale, in der ein harmloses Körpergefühl zum Symptom wird. Das ist nicht Deine Schuld und keine Krankheit, sondern ein erlerntes Muster, das sich umkehren lässt, indem Du antwortest statt zu schweigen und Deinem Fokus andere Inhalte gibst.
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