Wie Dein Kopf automatisch denkt und was Du dagegensetzen kannst
Setz Dich für einen Moment hin und beobachte, was in Deinem Kopf passiert. Versuch nicht, etwas zu denken, sondern nur zu bemerken, was ohnehin da ist. Hältst Du das eine Minute aus, fällt Dir auf, wie viele Gedanken Dir begegnen. Erinnerungen an gestern, Sorgen über morgen, Halbsätze, Bewertungen über Dich selbst, Befürchtungen, die plötzlich auftauchen. Diese Flut ist nicht Dein Werk. Du hast sie nicht gestartet, sie läuft einfach. Hier geht es darum, wie sie entsteht, warum sie nicht aufhört und was Du tun kannst, ohne den unmöglichen Versuch zu unternehmen, sie zu stoppen.
Warum Dein Kopf nicht zur Ruhe kommt
Ein gesundes Gehirn produziert pausenlos Gedanken. Das ist keine Eigenheit eines beunruhigten Geistes, sondern die Standardausstattung jedes Menschen. Selbst Mönche, die jahrelang meditieren, berichten nicht, dass ihr Gehirn aufhört zu denken, sondern dass sie eine andere Beziehung zu ihren Gedanken entwickelt haben. Das ist der entscheidende Unterschied. Du wirst Deine Gedankenflut nicht abschalten. Was Du verändern kannst, ist Deine Beziehung zu ihr.
Beobachtest Du Deine Gedanken über einige Tage, bemerkst Du etwas Bemerkenswertes. Die meisten sind nicht neu, sondern Wiederholungen von gestern, vorgestern, letzter Woche. Dieselben Sorgen, dieselben Befürchtungen, dieselben Selbstbewertungen. Dein Gehirn dreht in Schleifen, weil es auf Effizienz ausgelegt ist. Was sich bewährt hat, wird wiederverwendet, und es baut keine Gedanken neu, wenn es welche im Lager hat. Für Deine Vorfahren war das genial. Wer gestern bemerkt hat, dass an einer Stelle des Waldes Wölfe lauern, sollte heute an dieser Stelle sofort wieder an die Wölfe denken, ohne es neu abzuleiten.
Das Problem entsteht erst in der modernen Welt. In der Steinzeit waren Gefahren konkret und endeten, sobald sie vorbei waren. Heute sind die Bedrohungen, mit denen Dein Gehirn beschäftigt ist, meist diffus, abstrakt und langgezogen. Die Sorge, den Job zu verlieren, die Angst, dass eine Beziehung scheitert, die Befürchtung, dass eine Krankheit schlummert. Solche Bedrohungen lassen sich nicht aus dem Weg räumen, indem Du woanders langgehst. Sie sind ständig potenziell da, und genau deshalb ist Dein Gehirn ständig damit beschäftigt. Bietet es Dir tausendmal eine Befürchtung an, wird sie Teil Deines Grundrauschens und wartet unter der Oberfläche auf den Moment, in dem Du nicht abgelenkt bist.
Das Bild vom Schweigen, das als Zustimmung gilt
Im Handelsgesetzbuch gibt es eine Regelung, die für Kaufleute alltäglich ist. Erhält ein Kaufmann ein sogenanntes kaufmännisches Bestätigungsschreiben, in dem eine mündliche Vereinbarung schriftlich festgehalten wird, und widerspricht er nicht zeitnah, dann gilt der Inhalt als angenommen. Sein Schweigen wird als Zustimmung gewertet. In den meisten Lebensbereichen bedeutet Schweigen nichts, weder ja noch nein. Hier gilt: Wer schweigt, stimmt zu.
Dieses Bild beschreibt genau, was zwischen Dir und Deinem Kopf passiert. Dein Kopf ist wie ein Geschäftspartner, der Dir täglich Bestätigungsschreiben schickt. Du wirst das morgen nicht schaffen. Mit Deinem Herzen stimmt etwas nicht. Du wirst aus diesem Symptom nie herauskommen. Schweigst Du auf solche Behauptungen, gelten sie. Sie werden nicht als unbestätigt verworfen, sondern als angenommen gespeichert. Beim nächsten Mal bietet Dein Kopf Dir dieselbe Behauptung mit etwas mehr Selbstverständlichkeit an, weil sie schon einmal durchgegangen ist. Schweigen verstärkt das, worauf geschwiegen wird.
Das erklärt eine Beobachtung, die viele kennen. Sie wundern sich, warum bestimmte Gedanken sich so tief festgesetzt haben, obwohl sie ihnen nie zugestimmt haben. Sie haben sie nur erlitten und ertragen, nie aktiv geglaubt, und trotzdem fühlen sie sich inzwischen wahr an. Genau das ist der Mechanismus. Die Gedanken haben sich nicht durch Zustimmung festgesetzt, sondern durch Dein Schweigen. Und daraus folgt die gute Nachricht: Unterbrichst Du das Schweigen, gerät die Selbstverständlichkeit der Behauptung ins Wanken. Du musst keine endgültige Widerlegung liefern. Es reicht, dass Du nicht mehr schweigst.
Wie eine Antwort aussehen kann
Die Antwort, die Du Deinem Kopf gibst, muss nicht klug, nicht überzeugend und nicht das letzte Wort sein. Sie muss nur da sein. Viele sträuben sich gegen das Antworten, weil sie glauben, sie müssten ihre negativen Gedanken endgültig widerlegen. Das musst Du nicht. Du musst nur signalisieren, dass Du den Gedanken wahrgenommen und ihn nicht als Tatsache verbucht hast.
Bietet Dir Dein Kopf morgens an, heute bleibt das Symptom wieder den ganzen Tag, kannst Du antworten: Das ist gerade ein Gedanke. Ob er stimmt, weiß ich nicht, ich werde sehen. Sagt er mittags, mit meinem Herzen stimmt etwas nicht, sonst würde es nicht stolpern, kannst Du antworten: Mein Herz wurde untersucht und ist gesund. Was ich spüre, ist Adrenalin, keine Erkrankung. Sagt er abends, Du kommst da nie heraus, kannst Du antworten: Vielleicht doch. Ich gehe gerade einen Weg, von dem ich noch nicht weiß, wohin er führt, aber er bewegt sich.
Drei Dinge fallen an diesen Antworten auf. Sie sind kurz, sie sind ruhig, und sie sind realistisch. Eine zu lange Antwort verstrickt Dich in eine endlose Schleife. Eine zu laute Antwort signalisiert Deinem System, dass die Befürchtung wirklich bedrohlich ist, weil Du Dich gegen sie stemmst, und verstärkt sie. Eine zu unrealistische Antwort nimmt Dein Kopf nicht ab. Behauptest Du, ich bin völlig gesund und habe nie wieder ein Problem, schickt er die Befürchtung nur stärker zurück. Eine glaubwürdige Antwort dagegen wird in den Speicher übernommen und beim nächsten Mal mit aktiviert.
Wenn Antworten zur Praxis wird
Das ist nichts, was Du einmal machst und dann ist gut. Es ist eine Haltung, die Du täglich übst, oft nur in Sekunden. Über eine Woche kommen so hundert kleine Antworten zusammen, über einen Monat viele hundert, über ein Jahr tausende. Diese tausenden Antworten verändern Deinen Trainingszustand, also das, was Dein Kopf morgens als Erstes anbietet und was sich für Dich selbstverständlich anfühlt. Am Anfang ist das mühsam. Du wirst das Antworten oft vergessen und minutenlang in einer Schleife hängen, bevor Du es bemerkst. Das ist normal. Was zählt, ist nicht die Perfektion der einzelnen Antwort, sondern die Kontinuität. Lieber hundert mittelmäßige Antworten als eine perfekte und neunundneunzig übergangene.
Es gibt eine zweite, mindestens ebenso wichtige Form, die schriftliche Antwort. Schreibst Du Deine Befürchtungen auf, statt sie nur im Kopf zu wälzen, wird aus dem Diffusen und Drohenden etwas Konkretes und Überschaubares. Du siehst, wie wenig oder wie viel wirklich da ist, und kannst den Worten anders begegnen. Diesem Werkzeug widmen wir uns später ausführlich. Und noch eines ist wichtig: Antworten heißt nicht, mit dem eigenen Kopf zu kämpfen. Erlebst Du es als Kampf und bäumst Dich gegen Deine Gedanken auf, bist Du auf dem falschen Weg. Antworten ist ein Begleiten, kein Bekämpfen. Du nimmst wahr, was Dein Kopf anbietet, gibst eine kurze Antwort und gehst weiter.
Das Wichtigste auf einen Blick: Dein Kopf produziert pausenlos Gedanken, und die meisten sind Wiederholungen, die Dein Gehirn aus Effizienz aus dem Lager holt. Schweigst Du auf sie, werden sie als angenommen verbucht, ähnlich wie ein kaufmännisches Bestätigungsschreiben, dem niemand widerspricht. Schweigen wirkt also als Zustimmung. Die wichtigste Bewegung ist der Schritt vom Schweigen zum Antworten. Eine Antwort darf kurz, ruhig und realistisch sein, sie hält die Behauptung in der Schwebe, statt sie als Tatsache zu verbuchen. Täglich viele Male geübt, verändert das Deinen Trainingszustand. Das Aufschreiben ist eine besonders wirksame Form. Antworten ist kein Kampf, sondern ein ruhiges Begleiten dessen, was ohnehin da ist.
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