Angst, psychotisch zu werden: Warum das eigentlich eine gute Nachricht ist

Ein Zuschauer hat sich mit einem kurzen, intensiven Kommentar gemeldet: „Das ist die schlimmste Angst, die ich in meinen 20 Jahren Zwangsstörung erlebt habe. Über ein Jahr lang jeden Tag Angst, psychotisch zu werden." Und das ist gar nicht so selten. Menschen entwickeln massive Ängste, eine Schizophrenie oder Psychose zu bekommen, und leiden oft über lange Zeit darunter. Ein Jahr lang die Angst, psychotisch zu werden, ist das eine, zwei Jahrzehnte in Zwängen und Zwangsgedanken unterwegs zu sein, das andere. Das ist eine reale Belastung, auch wenn Betroffene das oft ambivalent erleben: Einerseits belastet es mich, andererseits, anderen geht es ja noch schlechter. Doch: Es ist schlimm. Und ich möchte zwei Dinge dazu sagen.

Der Angstinhalt sagt nichts über die Ursache

Der erste Punkt: Der Inhalt einer Angst lässt keinen Rückschluss auf das zu, was dahinter liegt. Natürlich bringen Menschen eine komplexere, längere Vorgeschichte mit. Aber ganz grob gilt: Wenn jemand Angst um sein Herz hat, eine Kardiophobie, dann liegt das nicht an einer Herzerkrankung. Eine Herzerkrankung geht entweder ohne Symptome einher oder mit körperlichen Symptomen, aber nicht mit der Angst vor einer Herzerkrankung. Die Angst vor dem Hirntumor oder dem Schlaganfall ist kein Symptom eines Hirntumors oder Schlaganfalls.

Genauso ist die Angst, psychotisch zu werden, nicht Teil des Prozesses, in dem jemand tatsächlich psychotisch wird. Diese Ängste entstehen meist durch eine Extremisierung, eine Konditionierung, die Zeit braucht. Viele können sogar einen Tag benennen, an dem alles anfing, und sagen dann oft: „Da habe ich das Vertrauen in meine Gesundheit, in meinen Körper verloren."

Kein verlorenes Vertrauen, sondern hinzugewonnenes Misstrauen

Wollte man damit therapeutisch arbeiten, läge es nahe zu sagen: Du hast Vertrauen verloren, also bauen wir es wieder auf. Fragt man dann aber, wie das Vertrauen vorher eigentlich war und woran man es gemerkt hat, stellt sich in der Regel heraus: Vorher war da gar kein bewusstes Vertrauen. Und verlieren kann man nur, was man vorher besessen hat. Es ist also etwas anderes passiert: Du hast nicht ein Vertrauen in deine Gesundheit verloren, sondern in diesem einen Punkt massiv Misstrauen hinzugewonnen.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Wir glauben oft unserer eigenen Suggestion, nur weil der Kopf einmal die Beschreibung „Ich habe das Vertrauen verloren" angeboten hat. Solche Aussagen, Glaubenssätze und Vorannahmen lohnt es sich aufzugreifen, ernst zu nehmen und bewusst zu hinterfragen: Stimmt das wirklich? Und noch einmal, weil es so wichtig ist: Die Angst, eine Psychose zu bekommen, ist nicht Teil des Krankheitsbilds einer Psychose.

Verstehen ist Qualität, Verinnerlichen ist Quantität

Der zweite Punkt: Wir Menschen setzen Verstehen und Verinnerlichen oft auf dieselbe Stufe. Wir gehen zum Arzt, der sagt „Sie sind gesund", wir freuen uns, und fragen uns kurz darauf: Aber wann kommt das eigentlich hier oben an? Denn der Kopf meldet sich sofort wieder: Was, wenn der Arzt etwas übersehen hat? Was, wenn etwas Neues dazugekommen ist? Was, wenn ich der erste Fall bin, den man noch gar nicht diagnostizieren kann?

Nur weil wir Verstehen und Verinnerlichen gleichsetzen, arbeitet unser Gehirn noch lange nicht mit derselben Logik. Für das Gehirn ist Verstehen eine Frage der Qualität und Verinnerlichen eine Frage der Quantität. Natürlich hat dein Kopf die erlösende Nachricht noch nicht übernommen, wenn du einmal aus der Praxis gehst und danach den alten Automatismus einfach weiterlaufen lässt. Solche Ängste, ob in Bezug auf das Herz, die Psychose oder das Gehirn, tauchen scheinbar plötzlich auf, haben aber eine Vorgeschichte. Und die lässt sich am häufigsten so beschreiben: Die meisten Menschen haben noch nicht gelernt, limitierend und korrigierend in ihr eigenes Denken einzugreifen.

Die Übung: qualitativ antworten und dranbleiben

Fürs Verstehen brauchst du eine gute, qualitativ hochwertige Antwort auf dein Thema. Fürs Verinnerlichen brauchst du Wiederholung. Bildlich gesprochen (und ausführlich in meinem wichtigsten Video erklärt): Stell dir deinen Kopf wie eine Matratze vor, auf der eine Bowlingkugel liegt und eine Delle formt. Dein Geist ist wie eine Murmel, und kommt er der Kugel zu nahe, rollt er in die Delle hinein.

Wenn du dein Thema herausgearbeitet und dir eine gute Antwort erarbeitet hast, dann greif jedes Mal ein, wenn dein Kopf in die Nähe des Problems kommt und fragt: „Ja, aber was ist mit …?" Unterbrich, gib deine Antwort, und bei akuten Themen darf das anfangs alle fünfzehn Sekunden nötig sein. Das ist harte Arbeit, die dich einige Tage begleitet, aber der Verlauf ist häufig eine umgekehrte Sättigungskurve: Wir müssen schnell und konsequent ins Reagieren kommen, danach lässt es nach. Schaffen wir diesen Schritt nicht, verinnerlicht das Gehirn wenig.

Das wasserdichte Argument

Am Beispiel der Angst vor einer Psychose lautet die qualitativ hochwertige Antwort: Wer im Rahmen einer paranoiden Schizophrenie tatsächlich den Bezug zur Realität verliert, kann gerade nicht mehr reflektieren, dass er psychotisch werden könnte. Das macht dieses Argument ziemlich wasserdicht. Wer also Angst hat, eine Psychose oder Schizophrenie zu bekommen, bei dem lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen: Du hast ein Thema, aber es ist nicht die Psychose und nicht die Schizophrenie. Und trotzdem lohnt es sich, am eigenen Denken zu arbeiten.

Wenn du an genau solchen Ängsten arbeiten und ihren Mechanismus verstehen möchtest, gehe ich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Panik" ausführlich darauf ein → hier ansehen.

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Warum die einfachste Erklärung nicht die wirksamste ist

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Wie Symptome entstehen, und wie du das Muster durchbrichst