Wie sollen wir unseren Stress bewältigen? Akzeptieren oder verändern?
Eine Zuschauerin mit Stress-Symptomatik schreibt: Ich akzeptiere, ich kann es einfach nicht ändern, ich versuche immer, auf Bewegung, gesunde Ernährung und gesunde Flüssigkeit zu achten. Meinen Stress kann ich aktuell nicht reduzieren, aber ich fühle eindeutig, dass das der Träger ist, deshalb akzeptiere ich es, wie es ist, das hilft schon richtig gut. Das Einzige, das mich beschäftigt, ist die Frage, ob es immer so harmlos bleibt, manchmal habe ich Angst vor physischen Folgen, vor ein paar Jahren bin ich zusammengebrochen, im Krankenhaus stellte man Auffälligkeiten im Blutbild fest, die zu einer Lungenembolie oder Thrombose passen würden.
Bewegung, gesunde Ernährung, ausreichend Wasser, wenig Koffein und möglichst kein Nikotin sind wichtige Grundsätze, auch für Menschen ohne Symptomatik.
Zuerst: das Thromboembolie-Thema ärztlich abklären
Wichtig vorweg: Eine solche Symptomatik und solche Blutwerte gehören unbedingt mehrfach fachärztlich abgeklärt. Zur Einordnung der Genese: Eine Thromboseneigung, wie sie zuletzt im Zusammenhang mit AstraZeneca in aller Munde war, zeigt sich bei älteren Menschen eher als Beinvenenthrombose. Durch nachlassende Venenklappen wird das Blut nicht mehr gut nach oben transportiert, das venöse System hat keinen aktiven Motor wie das Herz, sondern arbeitet über die Muskelpumpe, die Wadenmuskulatur drückt die Gefäße zusammen, die Venenklappen verhindern das Zurücksacken. Mit zunehmendem Alter, wenig Bewegung und ungesunder Lebensweise kann Blut verklumpen, ein Thrombus bildet sich, gelangt über das rechte Herz in die Lunge, die wie ein Filter wirkt, dort bleiben Thromben hängen (Lungenembolie). Ein Schlaganfall entsteht eher embolisch im Gehirn oder über den linken Vorhof, etwa beim Vorhofflimmern, das man im EKG gut sieht und behandeln kann. Eine riskante Kombination ist die Antibabypille (je nach Präparat) zusammen mit Nikotin, ich habe im Rettungsdienst mehrere junge Frauen mit Verdacht auf Lungenembolie ins Krankenhaus gefahren. Steht so etwas fest, gilt: mit dem Rauchen aufhören, Rauchen ist ohnehin schädlich.
Akzeptanz: nicht die Basis, sondern die Reaktion
Wir kommen ohne Anleitung auf die Welt und orientieren uns an Normen, die meisten hinterfragen wenig und leben einfach ihr Leben. Das Leben ist wie ein Videospiel, nur hast du einen Versuch, es gibt kein Raus. Unsere Welt ist weniger gefährlich geworden, bringt aber viel Stress mit, den wir nicht wegschnipsen können, und eine stressfreie Basis stellt sich nicht von jetzt auf gleich ein. Ich selbst mache den ganzen Tag weitgehend, was ich möchte, habe mir Beruf, Hobbys und Familie so geschaffen, wie ich sie haben will, 60-Stunden-Woche, Familie, Videos, die Baumschule im Westerwald, und erlebe eher positiven Stress, Eustress. Aber ich kenne die konkrete Situation der Zuschauerin nicht, vielleicht ist sie alleinerziehend, und ich weiß mit zwei Kindern, wie schwierig das sein kann.
Das Akzeptanzthema ist zweischneidig. Oft kommen wir mit der Akzeptanz der Problematik gar nicht weiter, sonst müssten wir nicht so oft darüber sprechen, wie man „besser akzeptieren" lernt. Für mich liegt der Schlüssel in einer Zwischenebene: Es gibt eine Problemebene und eine emotionale Reaktionsebene. Ich würde die Akzeptanz zuerst auf das Reagieren bringen. Du sollst nicht lernen zu akzeptieren, dass schlimme Dinge passieren, aber du darfst akzeptieren, dass diese Gefühle bei dir hochkommen, dass du bestimmte Dinge echt blöd findest. Sei etwas lockerer mit dir: Ich habe gerade viel zu tun, so wie es ist, finde ich es echt kacke, aber es ist okay, dass ich das kacke finde. Auf dieser Basis lässt sich das Problem selbst besser angehen.
Reframing: die Welt ist nicht, wie sie ist
Es gibt keine objektive Sicht auf die Welt, wir haben nur unsere Wahrnehmung und die Bewertungsprozesse des Gehirns. Ein Baum ist ein Baum, erst der Mensch macht daraus „ein schöner Baum" oder „der ist abgestorben". Eine Kernaufgabe des Gehirns ist, Dingen Bedeutung zuzuschreiben, automatisch und kontextuell. Von 60.000 Gedanken am Tag sind nur rund 3000 neu. Da dürfen wir eingreifen: Wo der Kopf sagt „was, wenn es schiefgeht", pro-argumentieren, wo er Misserfolgsbilder liefert, Erfolgsbilder draufsetzen, denn er denkt durchweg dramatisch, das ist ein Sicherungskonzept. Den Stress am Ursprung kann ich oft nicht abschalten (das Kind nicht weggeben, den Job nicht einfach kündigen), aber ich darf verstehen, ob das stresshafte Erleben nicht daher kommt, dass ich Dinge ständig als stressig wahrnehme und als Wahrheit annehme. Dafür bekommen meine Klienten Beobachtungswerkzeuge, um die eigene Situation besser zu verstehen, denn verstehe ich mehr, habe ich mehr Grundlage, etwas zu verändern.
Perfektionismus: too much is never enough
In der Praxis werfe ich den Begriff Perfektionismus ein, fast jeder reagiert. Ein Beispiel aus dem Rettungsdienst: Bei einer aussichtslosen Reanimation gibst du 100 Prozent nach Algorithmus, nicht 120. Leute sagen aber, ich gebe 150 Prozent und gefühlt kommt nichts rum. Wenn wir nicht wissen, wann 100 Prozent unseres Auftrags gedeckt sind, machen wir so viel wie möglich, too much is never enough, das verbraucht Energie, und irgendwann sagt der Kopf, fang gar nicht erst an, schaffst du eh nicht, daraus entsteht Melancholie und Energielosigkeit, leitliniendiagnostisch Richtung Dysthymie (ICD-10), es reicht nicht für eine Depression, geht aber die Richtung. Die meisten stressigen Situationen entstehen, weil wir Stress hineininterpretieren und uns den Leistungsdruck selbst machen, weil eine klare Erwartungshaltung fehlt. Das Gefühl der Überforderung ist oft gar keine Überforderung, sondern eine ungewisse Forderungslage. Stress reduziert man, indem man klärt: Was genau ist mein Auftrag?
Der Auftrag: wozu wirst du bezahlt?
Das kenne ich aus Supervisionen mit Sozialarbeitern. Der Sozialarbeiter hat kein „Helfersyndrom", sondern einen gesunden Egoismus, er fühlt sich besser, wenn er hilft. Er steht aber oft in einer Doppelbindung (Double-Bind): Von oben kommt der Auftrag des Jugendamts, die Familie zu retten, und die Familie sagt, wir wollen nicht gerettet werden. Entsteht eine Eigendynamik, blockt die Familie ab. Wichtig ist, die Leute zurückzuführen: Wozu genau wirst du bezahlt, was ist dein Auftrag? Nicht der Perfektionismus ist das Problem, sondern dass von außen keine klare 100-Prozent-Vorgabe angekommen ist, und dieser Transfer kommt in unserer Gesellschaft oft nicht mehr von allein. Das meine ich mit dem gesellschaftlichen Problem: Viele Depressionen sind nicht einzeln beweisbar (man steckt niemandem eine Sonde in den Kopf, um ein Serotonin-Defizit zu prüfen), viele Betroffene bekommen 12 bis 18 Monate Wartezeit, keine Diagnostik der Ursache. Die meisten Depressionsmuster, die man in der großen Patientenlandschaft beobachtet, gehen auf das Fehlen von Kompetenzstrukturen im gesellschaftlichen Strukturwandel zurück.
Aus Befürchtungen Ziele machen
Stress ist ein Erleben, das vor allem kommt, wenn ich mich selbst unter Druck setze. Wir kritisieren uns schnell, geben uns aber nur langsam einen vernünftigen Auftrag. Bei Stressoren spielen Ängste und Befürchtungen eine Rolle. Harmoniebedürftige Menschen sind meist nicht harmoniebedürftig, sondern fürchten Konflikt und versuchen, Disharmonie zu verhindern, und Disharmonie verhindern ist etwas anderes als Harmonie erzeugen. Solche Weg-von-Strategien sind fast nie gut, auf lange Sicht wollen wir Hin-zu. Deshalb darf man Befürchtungen jedes Mal als ein noch nicht definiertes Ziel interpretieren. Frag bei einer Befürchtung: Was befürchtest du, und ist das ein Ziel? Nein. Was ist dann das Ziel, was passieren soll? Sage ich „denk nicht an einen rosa Elefanten", denkst du vielleicht an einen grünen Superman, das Gehirn kann nicht nicht verarbeiten. Ängste, Befürchtungen und Sorgen sind Stressoren, die man für sich eingrenzen kann, nicht im Außen. „Ich kriege so viel Arbeit zugeschoben" ist nicht das Problem, sondern wie wir damit umgehen, denn fühlen kann nur jeder sich selbst, niemand macht dir Gefühle von außen. Mit Beobachtungswerkzeugen kreist du die Problempunkte ein und definierst aus den Befürchtungen Ziele.
Wie du Akzeptanz auf die emotionale Ebene bringst, deinen Auftrag klärst und aus Befürchtungen Ziele machst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du stehst unter Dauerstress und fragst dich, ob akzeptieren oder verändern der richtige Weg ist? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.
Wenn bei dir Auffälligkeiten im Blutbild oder Hinweise auf Thrombose oder Embolie festgestellt wurden, ist die regelmäßige fachärztliche Begleitung unbedingt wichtig und wird mit deinem Arzt abgestimmt.