Sinn und Bedeutung von Angst? Schwindel, Panik und Benommenheit
Nina meldet sich mit einer Frage zum Thema Angst: Es geht ja nie um die Sache, wovor man Angst hat, sondern was ich darüber denke zu fühlen, wenn XY geschieht. Also Angst vor Schwindelattacken ist Angst vor Hilflossein oder Nichtkontrollierenkönnen. Wenn ich das Gefühl hineinfühle, ohne zu denken, löst sich schon einiges, und mir fiel auf, dass ich dann denke, ach, so schlimm war das Gefühl gar nicht. Genau wie beim Aufschreiben, da distanzieren wir uns emotional schnell davon, weil ich darüber denke, es ist nicht so schlimm oder gefährlich.
Die mitschwingende Annahme
Das ist eine gute Frage, Nina. In deiner Frage schwingt für mich die Implikation mit, unsere Ängste hätten eine tiefere Bedeutung, einen tieferen Sinn. Dazu habe ich ein Video gemacht, haben Ängste eine Bedeutung. Ohne den Menschen zu kennen, ist es schwer, hilfreiche Interpretationen anzubieten, denn Lehrbuch-Interpretationen sind meist nicht hilfreich, weil sie geraten sind und am eigentlichen Punkt vorbeigehen. Wir haben Angst vor dem, was auf unserer inneren Verarbeitungsebene gedanklich präsent wird. Lehrbuchmäßig heißt es oft, deine Ängste seien inadäquat und unlogisch, du müsstest dich konfrontieren, und mehr weiß das Lehrbuch meistens nicht.
Es gibt keine bearbeitbare „tiefere Ebene"
Aus meiner Erfahrung geht es darum: Wir haben nicht Angst vor dem, was um uns herum passiert, sondern vor dem, was auf unserer inneren Verarbeitungsebene präsent wird, sichtbar als Bild oder in einem auditiven Denkprozess hörbar. Deshalb möchte ich mich von Konzepten lösen, nach denen die eine Angst „Angst vor Hilflosigkeit" und die andere „Angst vor Kontrollverlust" ist, das ist mir eine Ebene zu tief. Diese Tiefe in der Psyche gibt es nicht in der Form, dass wir sie bearbeiten können. Schau dir dazu das Video an, wie funktioniert Psychoanalyse, eigentlich, wie funktioniert sie nicht.
Deine Frage lässt sich nicht so beantworten wie „deine Ängste sind da, weil du dahinter ein Problem noch nicht gelöst hast". Die Bilder, die da sind, sind da, die auditiven Befürchtungsmuster sind da, es gibt keine tiefere Ebene dahinter, denn was da ist, wird vom Gehirn verarbeitet. Beschäftige dich also mit dem, was da ist, und frag nicht, was dahinter sein könnte: Welche Bilder siehst du, die dir Angst bereiten, welche auditiven Aspekte erzeugen Druck?
Nicht warum, sondern wie du umgehst
Es geht nicht um die Frage, warum die Befürchtungsmuster da sind, und nicht darum, ob du es hinbekommst, dass sie verschwinden, sondern: Sie sind jetzt da, jetzt müssen wir handeln. Beschäftigst du dich mit dem „Warum", bringt dich das offensichtlich nicht weiter, und Fragen, die nicht weiterbringen, sind noch keine lösungsorientierten Gedankenmuster. Die Qualität unseres Lebens korreliert mit der Qualität unserer Fragen. Deine Frage war nicht falsch, das würde ich nie so sagen, sie ist nur eine, die dich in dem Moment nicht weiterbringt, weil das Gehirn darauf keine hilfreiche Antwort liefert.
Es wird Situationen geben, in denen ein dahinterliegendes Konstrukt bearbeitet werden darf. Viel häufiger aber lohnt es, die Charakteristik des Hintergrunds erst einmal unscharf zu stellen, das „Warum" interessiert gerade nicht, wir wollen ins Handeln kommen. Unser Gehirn neigt dazu, Korrelationsmuster zu interpretieren und recht zu haben, es verteidigt eine erste Interpretation. Beim Aufschreiben geht das besonders leicht: Wir schreiben die konkrete Befürchtung auf, aber nicht, um herzuleiten, warum sie da ist, so als könnten wir durch eine gefundene Ursache die Angst abschalten. Das ist nicht das Ziel, denn angstauslösende Gedanken können wir nie ganz abschalten. Wir können aber mit der Zeit erreichen, dass sich ihre quantitativen Muster deutlich verändern.
Chronologisch ist das erste Wichtige also, sich mit dem zu beschäftigen, was hochkommt, nicht indem wir Hintergründe ermitteln, denn davon hören sie nicht auf, und nicht mit dem Ziel, dass die angstauslösenden Gedanken nicht mehr kommen, sondern mit der Frage: Wie kann ich beim nächsten Mal, wenn sie kommen, besser damit umgehen? Dafür hilft es, sich auf die Inhaltsebene der bestehenden Gedanken zu begeben, statt auf einen wahrscheinlich gar nicht existenten Sinn dahinter.
Wie du dich auf die Inhaltsebene deiner Gedanken begibst und besser mit Ängsten umgehst, statt nach ihrem Sinn zu suchen, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du suchst nach dem Sinn deiner Angst und kommst nicht weiter? Ich begleite dich gern dabei, ins Handeln zu kommen. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.
Bei anhaltenden oder belastenden Ängsten ist die ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung der richtige erste Schritt.