Wie helfen Psychoanalyse oder Tiefenpsychologie?
Ein Zuschauer schreibt: Seit Beginn des Jahres habe ich mit Panikattacken und ähnlichen Symptomen zu kämpfen. Ich war sieben Wochen stationär tiefenpsychologisch, kann jetzt besser damit umgehen, aber es ist keineswegs aus der Welt. Schwindel und Sehstörungen konnte ich aus meiner Symptomliste streichen, indem ich mir bewusst mache, dass es reine Angstsymptome sind, sie treten auf, weil ich sie mit einer Panikattacke verknüpfe, man nennt das Verankerung. Momentan versuche ich das letzte hartnäckige Symptom zu streichen, eine innere Anspannung mit Zentrum im Oberbauch, das ist wesentlich schwieriger und verursacht oft Verzweiflung. Meinst du, die Strategie ist sinnvoll, oder gibt es effektivere Vorschläge?
Zunächst wichtig: Neu auftretende Symptome sollten immer fachärztlich abgeklärt werden, damit man Sicherheit hat. Und wenn ich das aus der Distanz kommentiere, geht es um Perspektiven und Möglichkeiten, Dinge anders zu sehen, nicht um den einen ultimativen Behandlungsansatz, das darfst du reflektiert hinterfragen.
Was kassenzugelassene Modelle suggerieren
In Deutschland gibt es kassenzugelassene Psychotherapiemodelle, das suggeriert, dass sie helfen. Aus meiner Sicht ist das nicht immer der Fall. Es ist ähnlich wie der Gedanke, ich kann Alkohol und Nikotin am Kiosk kaufen, also kann es nicht so schädlich sein, die Verfügbarkeit suggeriert gut funktionierende Mechanismen, was bei vielen Patienten auch stimmt, aber wir haben kaum Vorhersagbarkeit in diesen Modellen. Von den Verfahren halte ich den verhaltenstherapeutischen Aspekt für den besten. Die tiefenpsychologische Herangehensweise baut auf psychoanalytischen Grundstrukturen auf und sucht in der Tiefe der Psyche nach Ursachen. Diese unterstellte Tiefe gibt es aus meiner Sicht so nicht, beziehungsweise sie hat keine Relevanz dafür, dass du dein Leben verändern kannst.
Warum die „Tiefe" der Psyche nicht weiterhilft
Wir wissen seit Jahrzehnten, dass die psychoanalytische Herangehensweise problematisch ist, auch weil falsch abgespeicherte Erinnerungsmuster eine Rolle spielen, in der Forensik gibt es dazu überragende Erkenntnisse, bis hin zu Fehlurteilen, bei denen sich jemand schlicht in seiner Erinnerung vertan hatte. Psychoanalyse bedeutete früher einen Termin über zwei Jahre, und das Schlimmste, was dem Psychoanalytiker passieren konnte, war, dass ein Patient gesund wurde. Der Psychoanalytiker sucht in der Tiefe nach der Ursache der heutigen Problematik.
Heute wissen wir: Unser emotionales Erleben baut vor allem auf unseren Gedanken auf. Es gibt organische Beschwerden, aber auch sie werden oft durch unsere gedankliche Haltung hochskaliert, und viele Probleme haben wir uns dahingedacht. Die Symptomatik basiert auf Gedanken, und Gedanken können wir verändern, die Symptomatik nicht so schnell. Aus der Hirnforschung stammt der Begriff Neuroplastizität: Unser Gehirn passt sich an das an, was gerade eine Rolle spielt, das funktioniert immer, es braucht nur Zeit. Die Frage ist, setzt mein Gehirn und meine Umwelt die Reize, an die ich glaube, oder setze ich sie selbst?
Psychoanalyse zielt meist auf Kindheit, orale Phase, Störungsmuster, Trauma: „Wenn du das Trauma deiner Kindheit löst, bist du gesund." Legst du dich aber zig Mal auf die Couch und wirst immer wieder gefragt, „gab es nicht diesen einen Onkel, diesen Menschen, der Sie bedrängt hat", dann wird alles, was wir mitbekommen, verarbeitet, wir können nicht nicht verarbeiten. Deshalb halte ich diesen Weg für problematisch, und man sollte eher neue Therapiemodelle anschauen.
Das Fitnessstudio-Beispiel
Stell dir vor, ich sehe beim Online-Banking einen Posten, schaue in die Unterlagen und stelle fest, ich bin seit zehn Jahren in einem Fitnessstudio angemeldet und habe komplett vergessen hinzugehen. Im Sinne der Psychoanalyse müsste in dem Moment, in dem ich diese Erkenntnis erlange, mein Körper muskulös trainiert sein. Ihr ahnt, dass das mit Kraftsport nicht funktioniert, und die Hirnforschung sagt, mit unserem Gehirn passiert das genauso wenig. Eine Erkenntnis oder ein Wissen führt nicht zu einer dauerhaften Veränderung der Strukturen im Sinne der Neuroplastizität. Wir glauben an das, was wir am häufigsten gehört haben.
Dein Weg: an der Oberfläche suchen, nicht in der Tiefe
Zurück zu dir: Kämpfe nicht mehr gegen deine Symptome, das macht keinen Sinn. Deine Symptomatik beruht nach großer Erfahrung höchstwahrscheinlich darauf, dass du Konflikte im Leben hast. Diese Konflikte liegen nicht in irgendeiner Tiefe deiner Psyche, sondern an der absoluten Oberfläche: Sie erscheinen dir jeden Tag als Bilder vor dem inneren Auge und als Befürchtungen, Sorgen und Angst als innere Stimmen. Die hast du dir nicht selbst dahingesagt oder -kreiert, wir sehen und hören diese Aspekte ohne Zutun, das ist unser automatisiertes Gehirn.
Ich würde dir empfehlen: erstens das Video, wie ein Gefühl entsteht, zweitens Befürchtungen und negative Gedanken, wie gehe ich damit um, drittens Befürchtungen aufschreiben, viertens das Problem-Regal. Arbeitest du dich durch diese Aspekte und suchst nicht in der Tiefe der Psyche, sondern an der Oberfläche nach der Ursache, wirst du höchstwahrscheinlich fündig und kommst relativ schnell dahinter, was du tun solltest, damit es dir mit der Zeit besser geht und die Symptome kleiner werden.
Wie du an der Oberfläche deiner Psyche nach den auslösenden Bildern und Gedanken suchst, statt in der Tiefe, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du suchst nach einem Weg, der an deinen tatsächlichen Konflikten ansetzt? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.