Was ist dein Auftrag? Das Täter-Opfer-Retter-Dreieck
Ich habe vor Kurzem ein schönes Zitat gefunden: Wir besitzen vielfältige Kompetenzen und Persönlichkeitsanteile, deshalb sollten wir genau wissen, in welcher Rolle wir gerade sind und was die Mitmenschen von uns erwarten, daraus ergibt sich der Auftrag.
Der Begriff Auftrag
Der Begriff Auftrag hat in vielen Alltagssituationen eine hohe Bedeutung. Wir sollten im Prinzip immer wissen, was ist gerade mein Auftrag. Das steht im Austausch mit unseren Mitmenschen, was erwartet jemand gerade von mir, hat aber auch mit mir selbst zu tun: Welchen Auftrag gebe ich mir gerade, für die Klausur zu lernen oder einfach nur zu entspannen?
Das Dramadreieck bei Sozialarbeitern
Ein schönes Beispiel aus der Praxis stammt aus der Arbeit mit Sozialarbeitern in der Supervision. Dort tritt oft Unzufriedenheit auf, weil soziale Arbeit mit angespannten Situationen und viel menschlichem Leid zu tun hat und viele Sozialarbeiter in einem Zwangskontext stehen, der Mitarbeiter des Jugendamts muss den Leuten helfen. In der Supervision geht es nicht nur um Hilfe für den Sozialarbeiter, sondern darum, dem Sozialarbeiter zu helfen, seinem Klientel zu helfen.
Man kann sich ein Dreieck vorstellen, mit den Ecken Täter, Opfer und, als Dritter, der Sozialarbeiter als Retter. Der Retter will dem Opfer helfen, das Opfer ist Opfer, weil es irgendwo einen Täter gibt. Oft aber wollen sich die „Opfer" gar nicht helfen lassen, und der Retter rennt mit dem Kopf gegen die Wand. Statt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, sollte er herausfinden, was man hinter der Wand eigentlich erwartet. Im beraterischen Kontext hinterfragt man deshalb, mit welchem Auftrag der Retter in die Familie geht. Sehr häufig zeigt sich: Der Retter hat, so wie er helfen möchte, von der Familie gar keinen Auftrag erhalten, und läuft natürlich ins Leere.
Auftragsklärung im Alltag
Das stellt die Auftragsklärung in den Vordergrund. Frag dich immer wieder: Habe ich zu dem, was ich gerade machen möchte, auch einen Auftrag? Ich kann jemandem helfen, und wenn ich mich hinterher ärgere, dass er sich nicht bedankt, darf ich mich fragen: Hatte ich von diesem Menschen überhaupt den Auftrag zu helfen? Wenn nicht, brauche ich mich nicht zu wundern, dass kein Danke zurückkommt.
Rollen überall, auch in Partnerschaften
Das Dreieck Täter, Opfer, Retter findet sich an vielen Ecken unserer Welt. Jemand kann eine Ecke eröffnen, etwa indem er sich als Opfer deklariert, und schiebt damit bestimmten Leuten die Täterrolle zu und aktiviert andere als Retter. Oder jemand tritt als Retter auf, obwohl man keinen Retter bräuchte, gäbe es nicht irgendwo Opfer und Täter. Es folgt automatisch eine Zuweisung von Rollenmustern.
In Beziehungen findet man häufig, geschlechterunabhängig: Geht ein Partner in die Opferrolle, besetzt er diese Ecke, und die Täter-Ecke bleibt übrig. Unbewusst verbindet man damit, dass der Täter das versteht und in eine Dynamik geht, der Täter soll nicht Täter bleiben, sondern zum Retter werden. Bin ich Opfer und mein Gegenüber will mich retten, erreiche ich, dass es wieder auf mich zukommt. Das ist nicht unnormal oder krankhaft, sondern eine ganz normale Dynamik in Partnerschaften.
Tritt das zu häufig auf oder kann man es selbst reflektieren, lohnt ein weiterer Gedanke: Deklariere ich mich gegenüber meinem Gegenüber als Opfer und bringe es in die Tätersituation, kommt der „Täter" in der Dynamik als Retter auf mich zu, aber nicht unbedingt aus gutem Gefühl, sondern Schuldgefühle könnten der treibende Faktor sein. Dazu gibt es eine Alternative: Ich kann darauf hinarbeiten, gegenüber meinem Partner eine Außenwirkung, eine Ausstrahlung aufzubauen, die ihn einfach dazu bringt, auf mich zuzukommen, aus positivem Antrieb statt aus Schuld. Auch das ist eine schöne Erkenntnis, die wir aus diesem Bild ziehen können.
Wie du deinen Auftrag klärst und aus dem Dramadreieck aussteigst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
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