Wie funktioniert das mit der Angstreaktion?
Ema schreibt: Ich habe mal einen Anruf bekommen, mein Auto, das zum TÜV in der Werkstatt war, sei Totalschaden, ein Abschlepper habe es gerammt. Ich habe mich so erschrocken, mir tat alles weh, ich war total fertig, der Körper fuhr ein ganzes Programm. 30 Minuten später kam ein Anruf, Entschuldigung, das war nicht Ihr Auto, und sofort spürte ich Erleichterung und Wohlbefinden. Es ist so krass, was der Körper raushaut. Seitdem bin ich empfindsamer und habe viele Wehwehchen, ohne dass ich Ursachen erkennen kann.
Ein angeborener, reflexhafter Prozess
Du beschreibst einen zentralen, rudimentären Prozess, der im Kern etwas Reflexhaftem entspricht, angeboren. Rund um diese Stresshormonausschüttung können antrainierte Reflexe hinzukommen, das heißt, wir reagieren nicht nur in echter Lebensgefahr, sondern auch bei Verknüpfungen, die der Kopf als antrainierte Gefahrenerkennung mitliefert, und das so schnell, dass der Körper autark, ohne unser Zutun, reagiert.
Dazu die oft gestellte Frage, wie man mit der Angst vor Kontrollverlust umgeht: Das ist eine Illusion, ich kann nichts verlieren, was ich nicht habe. Über den Körper haben wir so gut wie keine Kontrolle, das bisschen Kontrolle, die quergestreifte Skelettmuskulatur, die wir bewegen können, ist hier irrelevant. Ich kann meinem Herz nicht sagen „schütte Stresshormone aus", und erst recht nicht „zieh sie wieder rein".
Nichts läuft falsch in uns
Es gibt verschiedene Bezeichnungen für ungefähr dasselbe: Sympathikus-Reizung, Stresshormonausschüttung, Fight-or-Flight-Prinzip. Für unsere Vorfahren war diese zufällig entstandene Eigenschaft ein Überlebensvorteil und hat sich deshalb dominant durchgesetzt. In uns läuft also nichts schief, auch wenn wir häufig die Idee haben, mit uns stimme etwas nicht, weil wir in scheinbar ungefährlichen Situationen so krass reagieren.
Der Körper unterscheidet nicht zwischen echt und vorgestellt
Schau dir das Video zu Selbstwirksamkeit, subjektiver Sinnhaftigkeit und Selbstverwirklichung an. Im Kern: Langfristiges Glück entsteht, wenn wir Dinge nicht nur denken, sondern über aktives Handeln auch erleben. Dazu das Beispiel mit dem Teller Spaghetti bolognese. Steht er vor dir, wird Licht über die Netzhaut als Nervenimpuls ans Sehzentrum im okzipitalen Bereich geleitet und zu deiner Realitätsdarstellung verarbeitet, ich sehe etwas und kann damit interagieren. Man hat herausgefunden: Stellst du dir nur vor, ein Teller stünde vor dir, gibt es kein Licht und keinen Netzhaut-Reiz, aber im Experiment die gleiche Reaktion im Kopf.
Unser Realitätserleben ist also unabhängig davon, ob wir wirklich in Gefahr sind oder uns nur vorstellen, in Gefahr zu sein, für den Kopf macht das keinen großen Unterschied. Und das Einzige, was der Kopf wirklich gut kann, ist situatives Überleben, das Kernziel Nummer eins, nicht lange, gesund oder glücklich leben. Vergiss die Idee „hör auf deinen Körper, auf deine Intuition", damit lebst du nicht automatisch lange und gesund. Manche sagen, ich lasse mir doch von keiner Uhr am Handgelenk mein Leben vorschreiben, ich würde sagen, doch, genau das, denn eine Apple Watch oder Fitnessuhr verfolgt deine Ziele und hilft dir, lange, gesund und glücklich zu leben. Hörst du nur auf deinen Kopf, bringt er dich immer wieder Richtung situatives Überleben, und das Einzige, womit er das kann, ist, Stresshormone auszuschütten.
Egal also, ob du wirklich ein kaputtes Auto hast oder es dir nur vorstellst, der Körper erkennt es als Lebensgefahr und schüttet Stresshormone aus. Der Kopf weiß nicht, dass ein Telefonat realitätsdistanzierter ist, er weiß auch nicht, dass es Fernseher gibt, sonst würden sich Fernsehen oder Kino gar nicht lohnen, weil der Körper emotional nicht reagieren würde, wir gehen mit dem Impuls mit (bei einer spannenden Szene ist das Popcorn schneller leer). Deshalb reicht es, an etwas objektiv Unangenehmes zu denken, und der Körper geht in die Stresshormonausschüttung.
Woher die Erleichterung wirklich kam
Die Erleichterung, die Ema beschreibt, würde ich nicht darauf zurückführen, dass die Stresshormone situativ zurückgingen, weil der Realitätstest sich veränderte. Eher wurde eine weitere Ausschüttung unterbunden. Die bereits ausgeschütteten Stresshormone sind aber weiter im Blut, die können wir nicht durch andere Gedanken zurück in die Nebennierenrinde ziehen, wir können durch Gedanken Stresshormone ausschütten, aber nicht durch Denken die ausgeschütteten zurückholen, sie verteilen sich in Bruchteilen einer Minute im ganzen Körper.
Meine These: Die Erleichterung kam vor allem daher, dass die ursprüngliche Besorgnis sich relativiert hat, und damit nicht nur die Sorge, sondern auch die körperliche Gefühlslage eine andere Bewertung erfahren konnte, die gar nicht aktiv ablaufen muss, sondern vor allem heißt, alles, was ich eben erlebt habe, ist jetzt egal, alles gut. Wir brauchen eine andere Bewertung, das spielt immer wieder eine wichtige Rolle. Unser Kopf kann viele krasse Sachen machen, und das bedeutet auch, er kann viele krasse gute Sachen machen.
Wie du über eine andere Bewertung Einfluss auf deine Angstreaktion nimmst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
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Treten Wehwehchen ohne erkennbare Ursache wiederholt auf, lass sie sicherheitshalber ärztlich abklären.