Hohe Erwartungen an mich selbst, Burnout? Panik, Schwindel und Benommenheit

Ich habe einen Kommentar zu einem älteren Video gefunden, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Dort streife ich das Modell des Erwartungspendels. Das Pendel steht, ich lasse es los, es schlägt auf die andere Seite: Werden meine Erwartungen nicht erfüllt, werde ich enttäuscht.

Das Erwartungspendel

Eine Enttäuschung resultiert nicht aus einer niedrigeren Erwartungshaltung. Schraube ich meine Erwartungen herunter, hoffe ich zwar, nicht enttäuscht zu werden, aber jeder kennt das: Ich habe nichts erwartet und wurde trotzdem enttäuscht. Die Enttäuschungsseite ist zudem digital, an oder aus, nicht graduiert. Ich arbeite mich besser aus einer Enttäuschung heraus, wenn ich mit angemessenen, gesunden Erwartungen in eine Situation gehe. Deshalb lieber mit vernünftigen Erwartungen auf eine mögliche Enttäuschung hinarbeiten und einen guten Umgang damit finden, den Fokus darauf richten, was ich gewinnen kann, statt was ich zu verlieren habe.

Wichtig ist die Differenzierung zwischen „ich" und „jemand anderer". Sobald du eine Erwartung an jemand anderen richtest, reicht ein einmaliges Feedback, und die Sache ist vorbei, du eröffnest das Modell des Scheiterns, und das ist im Zweifel final. Dieses Modell kann man austricksen, indem man Erwartungen an sich selbst richtet: Gelingt es erst mal nicht, gebe ich mir eine zweite, dritte Chance.

Kann man sich durch eigene Erwartungen einen Burnout holen?

Jemand schrieb sinngemäß, „das würde ich nicht machen, genau das hat mich ins Burnout geführt". Gute Frage: Kann man ein Burnout bekommen, indem man Erwartungen an sich selbst richtet? Dazu zunächst: Wir Menschen agieren über Bewegung, entweder aus Vermeidung (Schmerz verhindern) oder aus Zielen, zu denen wir uns hingezogen fühlen, also Weg-von oder Hin-zu. Spannend ist, dass harmoniebedürftige Menschen oft gar nicht harmoniebedürftig sind. Viele erleben Befürchtungsbilder und innere Stimmen von Disharmonie und Misserfolg auf sozialer Ebene, Angst vor Zurückweisung, Angst, verlassen zu werden, und kommen dadurch in Bewegung. Sie haben also Angst vor der Disharmonie und wollen sie vermeiden, und Disharmonie zu vermeiden geht mit ganz anderen Verhaltensstrukturen einher als Harmonie zu erzeugen.

Wenn jemand Erwartungen an sich selbst richtet und dadurch ein Burnout erleidet, muss er die ganze Zeit gegen seine persönliche Integrität gearbeitet haben. Burnout ist ein Zustand, in dem ich einen Job mache, den ich nicht machen will, oder einen Job, den ich gern mache, aber in einer Art, wie ich ihn nicht machen möchte. Burnout ist ein Produkt aus „ich muss 150 Prozent geben". Das ist Quatsch. 100 Prozent wollen wir alle geben, ein normaler Impuls, 150 Prozent ergeben auf Dauer keinen Sinn. Wer dauerhaft 150 Prozent gibt, tut das meist nicht, weil er auf große Ziele fokussiert ist, sondern weil er weiß, wenn er nicht 150 Prozent gibt, wird er kürzer gemacht, eine Vermeidungstaktik, ein Overdrive, und aus dem Overdrive entsteht Burnout.

Warum mich meine 60-bis-80-Stunden-Woche nicht ins Burnout bringt

Ich arbeite 60, 70, teils 80 Stunden pro Woche in der Praxis, früher dazu Rettungsdienst, plus Familie, plus Akquise. Warum kein Burnout? Weil ich Erwartungen an mich im Hin-zu-Fokus gesetzt habe, die mit Zielen einhergehen, die mich glücklich machen. Deshalb bekomme ich aufgrund dieser Konstruktion keine Depression, denn das, was ich mache, ist das, was ich am meisten liebe. Ich sitze gerade bei einer Hütte mitten im Wald in der Schweiz, aber ich arbeite ja gerade nicht, ich mache das, was ich am meisten mag. Wenn du die Dinge machst, die du liebst, und sie so machen kannst, wie du sie liebst, bekommst du keinen Burnout.

Nicht deine eigenen Erwartungen, sondern fremde

Schreibt jemand, er habe Erwartungen an sich gerichtet und sei im Burnout gelandet, dann hat er wahrscheinlich Erwartungen an sich gerichtet, die nicht an seinen eigenen Zielen, Wünschen und seiner persönlichen Integrität hingen, sondern an dem, was andere von ihm erwarten könnten. Denk darüber nach, was der Quell dieser Erwartung ist. Was andere über dich denken, kann nie eine direkte Wechselwirkung auf dein Gefühl haben, was du denkst, was andere über dich denken könnten, dagegen schon, denn das verarbeitet dein Gehirn direkt und gern dramatisch. Was andere von dir erwarten, kann dich nicht direkt unter Druck setzen, aber was du erwartest, was jemand von dir erwarten könnte, das setzt dich unter Druck.

Hier geht es ums Herausarbeiten der Auftragslage: Was sind die 100 Prozent, die du leisten sollst? Kennen wir die 100 Prozent nicht, machen wir so viel wie möglich, um in ihre Nähe zu kommen. Also eine klare Erwartungshaltung herausarbeiten: Was will mein Arbeitgeber, meine Partnerin, meine Kinder von mir, und welchen Erwartungen möchte ich mich abgegrenzt entziehen?

Deshalb: Stellt Fragen, schreibt eure Gedanken auf, und macht euch nicht kirre, wenn nicht direkt Antworten kommen, auch nicht von euch selbst. Normalerweise kommen auf eigene Fragen automatisch Antworten, wenn nicht, habt ihr keine schlechte Antwortkompetenz, sondern dürft an den Fragen feilen, damit andere Antworten automatischer kommen. Denn die Qualität eures Lebens korreliert mit der Qualität eurer Fragen.

Wie du Erwartungen an dir selbst ausrichtest, statt an dem, was andere von dir erwarten könnten, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du stellst hohe Erwartungen an dich und fürchtest, dich zu verausgaben? Ich begleite dich gern dabei, sie an deinen eigenen Zielen auszurichten. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

Wenn du dich erschöpft, ausgebrannt oder anhaltend niedergeschlagen fühlst, ist die ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung der richtige erste Schritt.

Zurück
Zurück

Kommunikation: Erwartung vs. Realität

Weiter
Weiter

Wie funktioniert das mit der Angstreaktion?