Wie Du Deine Symptome wirklich einordnen kannst: Vier Fragen, die Klarheit geben
Es gibt diesen Moment, in dem Du mit einem Befund nach Hause gehst, der Dir sagt, dass alles in Ordnung ist, und gleichzeitig genau weißt, dass nichts in Ordnung ist. Der Arzt hat freundlich gelächelt, das EKG war unauffällig, die Werte sahen gut aus. Du hast genickt, Dich bedankt und Dich auf dem Weg zum Auto gefragt, ob Du in einem fremden Leben unterwegs bist. Wie kann alles in Ordnung sein und das enge Gefühl in der Brust trotzdem da sein? Wie kann die Lunge gut funktionieren und das Atmen sich trotzdem schwer anfühlen?
Das doppelte Leid: das Symptom und das Nichtwissen
An diesem Punkt fangen viele Menschen an, an sich selbst zu zweifeln. Sie denken, sie bilden sich etwas ein, sie seien hysterisch oder schwach, mit ihrem Verstand stimme etwas nicht, weil der Körper Signale schickt, die laut Befund gar nicht da sein dürften. So entsteht ein doppeltes Leid, einmal das Erleben selbst und einmal das Nichtwissen, was mit einem los ist.
Diesen zweiten Teil können wir beenden. Es geht darum, wie Du Symptome einordnest, wenn der Arzt nichts gefunden hat, und was in Deinem System passiert, wenn Du gesund bist und Dich trotzdem nicht gesund fühlst. Dabei helfen vier Fragen, die sich durch das ganze Thema ziehen. Sie sind das Gerüst, auf dem alles Weitere aufbaut.
Frage 1: Sind Deine Symptome körperlich oder psychisch?
Wenn ein Mensch Symptome erlebt, geht er zum Arzt. Das ist richtig und gesund und die erste Maßnahme, die jeder ergreifen sollte. Schmerzen im rechten Unterbauch, Atemnot, plötzliche Sehstörungen, Brustschmerz mit Ausstrahlung in den linken Arm, all das gehört zeitnah in ärztliche Hände. Oft findet der Arzt eine Ursache, und mit der Behandlung verschwindet das Symptom. So funktioniert die Schulmedizin, und in den meisten Fällen sehr gut.
Es gibt aber Symptome, bei denen dieser Mechanismus nicht greift. Diffuse Beschwerden, die kommen und gehen, ohne erkennbares Muster. Schwindel, der mal da ist und mal nicht. Herzstolpern, das vor allem nachts auftritt. Ein Enggefühl nach dem Essen, Brainfog am Morgen, eine Müdigkeit, die nicht weicht. Hier ist ein Punkt wichtig, der die meisten überrascht. Das Ziel der ärztlichen Untersuchung ist nicht in erster Linie, die Ursache Deines Symptoms zu finden, sondern schwere Erkrankungen auszuschließen. Der Arzt schaut, ob es einen Tumor gibt, ob das Herz strukturell geschädigt ist, ob die Lunge erkrankt ist. Kann er das ausschließen, sagt er, aus medizinischer Sicht sei alles in Ordnung. Das ist eine wichtige Aussage, aber sie sagt Dir nur, woher Dein Symptom nicht kommt, nicht, woher es kommt.
Genau hier entsteht die Lücke, in der sich viele verlieren. Sie gehen von Arzt zu Arzt und hoffen, dass irgendwer den entscheidenden Baustein findet. Wenn Du diffuse Symptome hast und ärztlich abgeklärt bist, hilft Dir eine einfache Frage weiter: Wie oft am Tag denkst Du an Dein Symptom? Wie oft greift Deine Hand zum Puls, um zu prüfen, ob er regelmäßig schlägt? Wie oft horchst Du in Dich hinein, ob der Schwindel wiederkommt? Wenn Du das ständig tust und kaum einen Tag erlebst, an dem das Symptom nicht im Mittelpunkt steht, hast Du eine wichtige Information. Dann zieht Dein Symptom seine Energie aus der mentalen Ebene. Das heißt nicht, dass es eingebildet ist. Der Mechanismus ist real und produziert reale körperliche Empfindungen. Er lässt sich nur nicht mit Tabletten behandeln, sondern indem Du den Mechanismus selbst beeinflusst.
Frage 2: Warum denkst Du so häufig negativ?
Betreten wir die mentale Ebene, stoßen wir zuerst auf Dein Denken. Wenn ich Klienten frage, wie sie eigentlich denken, höre ich fast immer dasselbe. Sie denken viel, oft negativ, machen sich Sorgen, spielen Szenarien durch, befürchten Dinge, die noch gar nicht eingetreten sind, und haben das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht, weil sie nicht aufhören können, so zu denken.
Hier möchte ich etwas geradeziehen. Negatives Denken ist nicht krank, sondern eine völlig normale und gesunde Eigenschaft Deines Gehirns. Könnte es nicht in Worst-Case-Szenarien denken und nicht ständig nach Gefahren scannen, hätten Deine Vorfahren nicht überlebt. Das Gehirn priorisiert Risiken so stark, dass es sie sogar dort sucht, wo keine sind. Lieber zehnmal umsonst Alarm schlagen als einmal eine echte Gefahr übersehen. Deshalb kannst Du das negative Denken nicht abschalten, und das ist auch nicht das Ziel. Das Ziel ist, anders damit umzugehen.
Dazu kommt, dass die meisten Deiner Gedanken nicht bewusst gedacht sind, sondern automatisch laufen, auch beim Duschen, Kochen oder Einschlafen. Dein Gehirn greift dabei auf das zurück, was am häufigsten durchdacht und emotional am stärksten besetzt ist. Wer monatelang die Befürchtung hatte, wieder einen Schwindelanfall zu bekommen, dem bietet das Gehirn genau diese Befürchtung morgens beim Aufwachen an. Nicht aus Willen, sondern weil das System so arbeitet. Was oft da war, kommt morgen wieder. Es ist also nicht Dein Wille, der Deine Gedanken steuert, sondern Dein Trainingszustand. Jeder Gedanke, dem Du nicht geantwortet hast, hat sich tiefer eingegraben. Die gute Nachricht ist, dass sich dieser Trainingszustand genauso verändern lässt, wie er entstanden ist. Nicht über Nacht, aber konsequent.
Frage 3: Würde sich Dein Leben wirklich verbessern, wenn das Symptom weg wäre?
Diese Frage klingt zuerst unfair, denn natürlich will jeder weniger leiden. Und doch lohnt ein zweiter Blick. Stell Dir vor, Du gehst heute Abend ins Bett, und über Nacht geschieht ein kleines Wunder. Morgen früh sind alle Symptome verschwunden, keine innere Unruhe, kein Schwindel, kein Herzstolpern. Wie sähe Dein Tag aus?
Die ersten Tage wären wahrscheinlich wunderbar. Du würdest die Dinge tun, die Du Dir lange nicht getraut hast, tief durchatmen, ins Auto steigen, mit Freunden essen gehen. Doch dann passiert etwas, das kaum jemand erwartet. Dein Gehirn gewöhnt sich. Es reagiert auf Unterschiede, und sobald das Wegbleiben der Symptome selbstverständlich wird, ist es kein Unterschied mehr. Die Freude verschwindet, der Alltag kehrt zurück, und mit ihm die Themen, die schon vor den Symptomen da waren. Die Unzufriedenheit im Job, die Beziehung, die nicht mehr trägt, die Dinge, die Du eigentlich machen wolltest und nie angefangen hast.
Ich habe viele Menschen begleitet, deren Symptome sich zurückgezogen haben. Immer wieder habe ich dasselbe beobachtet. Sie waren eine Weile glücklich, und dann kamen die alten Fragen zurück, manchmal die alten Symptome, manchmal neue, weil das, was die Symptome erzeugt hatte, nicht in den Symptomen selbst lag, sondern in der Art, wie diese Menschen ihr Leben lebten. Die Symptome waren das Resultat, nicht die Ursache. Deshalb dreht sich der Zusammenhang oft um. Es ist nicht nur so, dass das Symptom Deine Lebensqualität einschränkt. Eine eingeschränkte Lebensqualität öffnet den Symptomen Tür und Tor. Das heißt nicht, dass Du an Deinen Symptomen schuld bist, das wäre ein falscher Schluss. Es heißt, dass die Antwort nicht allein in der Symptombekämpfung liegt, sondern in der Frage, was in Deinem Leben gerade nicht stimmt, ohne dass Du es bisher klar benennen konntest.
Frage 4: Wie kommst Du konkret in die Veränderung?
Diese Frage ist die praktischste und zugleich die schwierigste. Bevor es um Werkzeuge geht, seien zwei Denkfehler benannt, die fast alle machen. Der erste ist der Glaube an das schnelle Werkzeug, an die eine Atemtechnik, die Panik beendet, an das Buch, das alle Fragen löst. Diesen Wunsch nehme ich ernst, aber er führt in eine Sackgasse, denn das Gehirn lässt sich nicht durch eine einmalige Intervention umprogrammieren. Es verändert sich durch wiederholten Einfluss. Nicht das perfekte Werkzeug, sondern ein gut passendes, das Du täglich anwendest, ist der Schlüssel. Der zweite Denkfehler ist die Erwartung sofortiger Belohnung. Du kannst eine Übung fünfmal, zehnmal, zwanzigmal machen, ohne dass sich spürbar etwas ändert. Und dann fällt Dir nach Wochen auf einmal auf, dass Dein Kopf morgens nicht mehr als Erstes nach dem Symptom sucht. Diese Veränderungen kommen schleichend, und sie kommen nur, wenn Du nicht aufhörst, bevor sie ankommen.
Was also kannst Du konkret tun? Der erste Schritt ist nicht groß. Es geht darum, zu erkennen, wann Dein Kopf wieder in den Automatikmodus läuft. Du sitzt auf dem Sofa, tust nichts Bestimmtes, und bemerkst plötzlich, dass Dein Kopf seit Minuten ein Szenario durchspielt. Was ist, wenn der Schwindel im Urlaub kommt? Was ist, wenn ich auf der Autobahn nicht mehr kann? In dem Moment, in dem Du das bemerkst, ist der erste Schritt schon getan. Der zweite Schritt ist, dem Gedanken eine kurze, ruhige Antwort zu geben. Etwas wie, das ist gerade ein Gedanke, mehr nicht. Oder, mein Kopf macht wieder seinen Job, ich kümmere mich jetzt um etwas anderes. Diese Antwort muss nicht klug oder überzeugend sein. Sie muss nur da sein. Solange Du schweigst, gestaltet Dein Kopf das Programm. Sobald Du anfängst zu antworten, beginnst Du, es mitzugestalten.
Das Wichtigste auf einen Blick: Wenn Du diffuse Symptome hast und ärztlich abgeklärt bist, kann die Schulmedizin ausschließen, was nicht ist, aber nicht immer erklären, was ist. Die Erklärung liegt dann nicht in einer Erkrankung, sondern in einem Mechanismus aus Denken, Aufmerksamkeit und Lebensgeschichte, der reale Empfindungen erzeugt und veränderbar ist. Vier Fragen helfen Dir, Dich zu orientieren: Sind die Symptome körperlich oder psychisch? Warum denkst Du so häufig negativ? Würde sich Dein Leben wirklich verbessern, wenn das Symptom weg wäre? Und wie kommst Du konkret in die Veränderung? Negatives Denken ist dabei keine Krankheit, sondern eine gesunde Eigenschaft Deines Gehirns. Solange Du auf Deine Gedanken schweigst, gestaltet Dein Kopf das Programm. Sobald Du antwortest, gestaltest Du mit.
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Wenn Du selbst betroffen bist:
Vielleicht erkennst Du Dich in dem wieder, was Du gerade gelesen hast. Symptome wie diese haben einen Grund. Und es gibt einen Weg, mit ihnen anders umzugehen.
In meiner Praxis in Bonn oder online begleite ich Menschen mit psychosomatischen Symptomen seit 2011. Über 17.000 Sitzungen, über 1.500 begleitete Klientinnen und Klienten.
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