Symptome sind kein Defekt, sondern eine Antwort Deines Körpers

Es gibt einen Satz, der in meiner Praxis fast täglich fällt. Mit mir stimmt etwas nicht. Manchmal wird er ausgesprochen, manchmal hängt er nur unausgesprochen im Raum, in der Art, wie jemand über seine Symptome spricht. Ich höre diesen Satz mit großem Respekt, denn er trägt viel. Er enthält die Erschöpfung von Monaten oder Jahren, die Frage warum ausgerechnet ich, und die Hoffnung, dass irgendwo ein Defekt liegt, der sich beheben lässt wie ein durchgebranntes Kabel. Dieses Kapitel ist eine Einladung, diesen Satz zu prüfen und am Ende durch einen anderen zu ersetzen: Mit Dir stimmt nichts nicht. Dein System antwortet auf etwas.

Warum die Krankheitslogik hier nicht greift

In der Schulmedizin haben wir ein klares Modell. Ein Mensch wird krank, weil etwas im Körper nicht mehr richtig funktioniert. Eine Bakterie hat sich vermehrt, ein Tumor wächst, ein Gefäß ist verschlossen, ein Hormon wird zu viel oder zu wenig produziert. In all diesen Fällen liegt eine messbare Veränderung vor, die sich an einer bestimmten Stelle lokalisieren lässt, und die Behandlung zielt darauf, diese Veränderung rückgängig zu machen. Antibiotika, Operationen, Hormone. Diese Werkzeuge sind großartig und haben unzähligen Menschen das Leben gerettet.

Findest Du Dich in dieser Logik wieder, hast Du eine bestimmte Erwartung an den Arztbesuch. Du erwartest, dass der Mediziner herausfindet, was nicht funktioniert, dass er dem Ganzen einen Namen gibt und eine Behandlung vorschlägt, die die Sache wieder geradezieht. Diese Erwartung ist legitim, das ganze System der modernen Medizin ist darauf aufgebaut. Bei Deinen Symptomen aber passiert etwas Verwirrendes. Der Arzt findet nichts, oder er findet Kleinigkeiten, die nicht erklären, was Du erlebst, oder er behandelt etwas, und das Symptom bleibt trotzdem. Du gehst nach Hause mit dem Gefühl, dass entweder mit Dir oder mit der Untersuchung etwas nicht stimmt, und suchst weiter.

Was Du dabei oft nicht in Betracht ziehst, ist, dass der Krankheitsbegriff hier schlicht nicht greift. Nicht weil die Mediziner schlecht wären, sondern weil das, was Du erlebst, in einem anderen Modell stattfindet. Dein System ist nicht defekt. Es funktioniert genau, wie es gebaut ist, sogar überdurchschnittlich gut, nämlich hochempfindlich, reaktiv und anpassungsfähig. Und wenn die Krankheitslogik nicht greift, greift auch die Behandlungslogik nicht. Du kannst kein Antibiotikum gegen einen Trainingszustand einsetzen und nichts wegoperieren, was sich in Deiner Aufmerksamkeit eingegraben hat. Versuchst Du es trotzdem, wächst nur die Frustration, und die ist nicht Deine Schuld, sondern die logische Folge davon, dass das Werkzeug nicht zum Werkstück passt.

Das Symptom als Antwort, nicht als Defekt

Lass mich Dir ein Bild anbieten. Stell Dir vor, in Deinem Auto leuchtet die Warnleuchte für den Reifendruck auf. Die Defektlogik würde sagen, die Leuchte ist das Problem, also schraub die Glühbirne heraus. Kurz darauf freust Du Dich, dass nichts mehr leuchtet, bis Du mit einem platten Reifen am Straßenrand stehst.

Symptome sind keine Defekte, die man abschalten muss. Sie sind Warnleuchten. Sie zeigen an, dass etwas in Deinem System nicht stimmt. Schaltest Du nur das Symptom ab, bleibt das Problem darunter bestehen und meldet sich später auf andere Weise. Was das Symptom anzeigt, ist bei den meisten Menschen vielschichtig, hat aber einen Kern. Es zeigt an, dass Dein Leben gerade nicht in der Form gelebt wird, in der es Dir guttut. Dass Du Dinge tust, die Du nicht tun willst, und Dinge lässt, die Du eigentlich tun möchtest. Dass Deine Aufmerksamkeit an Dingen haftet, die Dich nicht weiterbringen. Dein Körper sagt Dir das nicht in Worten, sondern in körperlichen Empfindungen.

Diese Idee ist nicht neu, sie findet sich in vielen psychosomatischen Modellen. Was ich ergänze, ist die Schärfe: Dein Körper redet mit Dir, weil er muss. Er hat keine andere Möglichkeit. Wer seit Jahren in einem Job arbeitet, den er als Belastung empfindet, ohne etwas zu ändern, dessen Körper wählt irgendwann eine Lautstärke, die sich nicht mehr ignorieren lässt. Das ist nichts Mystisches, das ist Stress, der sich auf Dauer manifestiert, ein vegetatives Nervensystem, das in einem Modus festhängt, Hormone, die dauerhaft in ungünstiger Konzentration zirkulieren. Der Körper schreit, weil er nicht flüstern darf.

Von der Schuld zur Frage

Begreifst Du das Symptom als Antwort, ändert sich Deine Frage. Du fragst nicht mehr, was ist mit mir falsch, sondern, worauf antwortet mein Körper gerade. Das ist eine viel klügere Frage. Sie nimmt Dich nicht aus der Verantwortung, aber sie nimmt Dir die Schuld. Du bist nicht defekt, Du bist gefragt. Dein System bittet Dich, etwas zu sehen, das Du bisher übersehen hast.

Manche Menschen reagieren darauf mit Erleichterung, endlich ergibt etwas Sinn. Andere mit Widerstand: Aber ich habe doch gar kein Problem in meinem Leben, ich bin zufrieden. Diesen Widerstand nehme ich ernst. Er kommt oft daher, dass Du noch keinen Zugang zu dem hast, was sich unter der Oberfläche bewegt. Das heißt nicht, dass dort nichts ist, sondern nur, dass Du es noch nicht sehen kannst. Genau dafür gibt es Werkzeuge, die diesen Zugang öffnen.

Warum Symptome nicht von allein verschwinden

Aus der Vorstellung, dass Symptome eine Antwort sind, folgt etwas, das viele schmerzhaft erleben. Symptome verschwinden nicht von allein. Nicht durch Warten, nicht durch Geduld, nicht durch Ablenkung und auch nicht durch ein bloßes es wird schon werden. Solange das, was die Symptome erzeugt, nicht angesprochen wird, bleibt das System in dem Modus, der die Symptome erzeugt.

Das ist anders als bei einer Grippe. Eine Grippe hat eine biologische Eigendynamik und heilt aus, weil das Immunsystem den Erreger besiegt. Eine psychosomatische Symptomatik heilt nicht in diesem Sinne aus, weil es nichts zu besiegen gibt. Es gibt nur etwas, das verändert werden darf. Deshalb erleben so viele Menschen jahrelang dieselben Symptome. Sie warten auf einen biologischen Heilungsverlauf, den es hier nicht gibt. Die gute Nachricht ist: Es kann besser werden, aber nicht durch Warten, sondern wenn etwas Konkretes geschieht.

Dieses Konkrete hat zwei Ebenen. Auf der einen trainierst Du neu, was in Deinem Alltag automatisiert läuft, also wie Du mit Deinen Gedanken, Deiner Aufmerksamkeit und Deinen Befürchtungen umgehst. Auf der anderen schaust Du an, was in Deinem Leben Dein System dazu bringt, Symptome zu produzieren. Diese zweite Ebene ist oft die unbequemere, weil sie Ehrlichkeit verlangt und manchmal Entscheidungen, die Du vor Dir herschiebst. Beide Ebenen wirken zusammen. Wer nur die erste bearbeitet, macht Fortschritte, kommt aber selten ganz ans Ziel. Wer nur die zweite anpackt, überfordert sich und fällt schnell zurück. Sie brauchen einander.

Vom Patienten zum Forscher in eigener Sache

Wenn Du das aufnimmst, passiert etwas mit Deinem inneren Bild von Dir selbst. Der Satz mit mir stimmt etwas nicht verliert seine Macht und macht Platz für einen anderen: Mein System antwortet auf etwas, das ich noch nicht ganz sehe. Dieser Satz fühlt sich anders an. Er macht Dich nicht zum Patienten, sondern zum Forscher in eigener Sache. Aus Deiner Symptomatik wird kein Verhängnis, sondern eine Information, und aus dem Warten wird ein Tun.

Solange Du Deine Symptome als Krankheit verstehst, die Dir passiert, bist Du in einer passiven Position und wartest darauf, dass jemand Dich repariert. Sobald Du sie als Antwort verstehst, wirst Du aktiv. Du sammelst Hinweise, Du hörst hin, Du wirst zur Hauptperson Deiner Veränderung. Das heißt nicht, dass Du alles allein machen musst, und es macht therapeutische Begleitung nicht überflüssig, im Gegenteil. Jemand, der Dich begleitet, stellt Dir Fragen, die Du Dir selbst nicht stellst, und zeigt Dir Muster, die Du nicht siehst. Aber die Hauptarbeit liegt bei Dir und im Alltag, nicht in der einen Sitzung pro Woche. Wenn Du heute Abend wieder das enge Gefühl in der Brust spürst, fragst Du dann nicht mehr verzweifelt, was mit Dir los ist, sondern, was Dir Dein Körper gerade zeigt. Das ändert noch nicht das Symptom, aber es ändert Deine Beziehung dazu. Aus dem Gegner wird ein Bote, und mit einem Boten kann man arbeiten.

Das Wichtigste auf einen Blick: Deine Symptome sind kein Defekt in einem fehlerfreien System, sondern die Antwort eines hochsensiblen Systems auf etwas in Deinem Leben, das Aufmerksamkeit braucht. Die Krankheitslogik der Schulmedizin greift hier nicht, weil es nichts im klassischen Sinne zu reparieren gibt, sondern etwas zu verstehen, zu verändern und neu zu trainieren. Symptome verschwinden nicht von allein, sondern wenn sich das ändert, worauf sie antworten. Das geschieht auf zwei Ebenen, dem neuen Umgang mit Gedanken und Aufmerksamkeit und dem ehrlichen Blick auf das Leben. Wer den Satz „mit mir stimmt etwas nicht" durch „mein System antwortet auf etwas" ersetzt, wird vom Patienten zum Forscher in eigener Sache.

Das Buch zum Thema

Dieser Artikel beruht auf meinem Buch „Schluss mit Symptomen", in dem ich das nötige Wissen und die Werkzeuge ausführlich beschreibe. Hier findest Du es auf Amazon.

Wenn Du selbst betroffen bist:

Vielleicht erkennst Du Dich in dem wieder, was Du gerade gelesen hast. Symptome wie diese haben einen Grund. Und es gibt einen Weg, mit ihnen anders umzugehen.

In meiner Praxis in Bonn oder online begleite ich Menschen mit psychosomatischen Symptomen seit 2011. Über 17.000 Sitzungen, über 1.500 begleitete Klientinnen und Klienten.

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