Wenn organische Ursachen hinter Depression und Angst stecken: Ein Zuschauerbericht

Vielleicht kennst Du diese Situation: Über Jahre hinweg leidest Du unter Depression, Angst, massiver Unruhe. Du ziehst Dich sozial zurück, kannst und willst nicht mehr unter Menschen sein. Und Du fragst Dich immer wieder, was wirklich dahintersteckt. Eine Zuschauerin hat mir genau davon berichtet, und der weitere Verlauf ihrer Geschichte ist wichtig, weil er einen Punkt zeigt, der oft übersehen wird: Manchmal steckt eine organische Ursache dahinter, die endlich mit abgeklärt werden sollte.

Der Bericht

Vier Jahre Depression, Angst, massive Unruhe, sozialer Rückzug. Vor drei Wochen erstmals beim Endokrinologen wegen der Schilddrüse. Bei der Befundbesprechung dann: Wachstumshormonmangel. Nach kurzer Recherche wird klar, dieser Mangel kann einen großen Einfluss auf die seelische und körperliche Gesundheit haben. Jetzt sollen weitere Tests durchgeführt werden.

Und dazu der Satz: „Stress ist Krankmacher Nummer eins."

Ich möchte diesen Bericht zum Anlass nehmen, ein paar Dinge einzuordnen, die für viele Betroffene wichtig sind.

Die Diagnose ist nicht die Ursache

Ein zentraler Punkt, den ich in vielen Videos immer wieder betone: Wenn wir sagen „diese Person hat eine Angststörung", dann ist die Angststörung nicht der Grund, weshalb sie Ängste hat. Man erkrankt nicht an einer Angststörung, weshalb man dann Ängste bekommt. Sondern die Ängste, die man beobachtet, können wir mit dem Begriff einer spezifischen Angststörung, einer generalisierten Angststörung, einer Panikstörung, einer Agoraphobie oder einer Depression zusammenfassend beschreiben, je nachdem welche Symptome auftreten. Der Begriff gibt uns eine Richtung, aber er erklärt nichts über die Ursache.

Und genau das ist der Punkt, an dem der Bericht der Zuschauerin so wichtig wird. Man hat lange geglaubt, es gebe die sogenannte endogene Depression, also eine aus sich selbst heraus entstehende Depression. Die Frau des Fabrikinhabers, die im tollen Haus wohnt, morgens und nachmittags nur die Blumen wässern muss und trotzdem tief traurig verstimmt ist. Man hat solche Menschen früher massiv mit Antidepressiva geflutet, weil man dachte, die Depression komme aus dem Nichts.

Heute wissen wir mehr. Wir leben nicht mehr in den 80ern, wir leben nicht mehr in den 90ern. Wir gehen sensibler mit dem Thema um, und moderne Therapien setzen viel stärker an den eigentlichen Auslösern an. Es ist nicht die Depression, die behandelt werden muss. Es ist der Mensch, der depressive Symptome zeigt, nicht als Zeichen einer Krankheit, sondern als Antwort auf die Dinge, die er erlebt.

Wenn organische Ursachen dahinterstecken

Trotzdem gibt es Zustände, in denen wirklich eine organische Grundlage im Hintergrund steht. Eine Schilddrüsenfehlfunktion, ein Wachstumshormonmangel, ein Problem in der Gehirnreifungsentwicklung. In solchen Fällen sprechen wir von organisch induzierten psychischen Störungsmustern. Und da steht eine klare Reihenfolge im Raum.

Jemand wie ich, ob Psychotherapeut mit Kassenzulassung oder Heilpraktiker für Psychotherapie, sollte in solchen Fällen nicht in der primären Rolle sein. Man darf begleiten, immer wieder dahin schubsen: „Du gehst jetzt in die organische Abklärung weiter, ich bin an Deiner Seite." Aber was primär hilft, ist die medizinische Klärung. Vielleicht eine Therapie, eine medikamentöse Intervention, in seltenen Fällen sogar ein operativer Eingriff.

Und was dann übrig bleibt, das ist der Bereich, in dem meine Arbeit greift. Denn auch nach einer erfolgreichen medizinischen Behandlung können sich Konditionierungsmuster festgesetzt haben. Muster, die im Kopf weiter arbeiten, auch wenn die organische Ursache behoben ist. An diesen Mustern zu arbeiten, wieder neue Aussichten, neue Zukunftsstrukturen zu sehen, das ist die Aufgabe der psychotherapeutischen Begleitung im Nachgang.

Warum organische Abklärung immer der erste Schritt sein sollte

Der Bericht der Zuschauerin ist ein Musterbeispiel dafür, warum die Reihenfolge so wichtig ist. Vier Jahre Depression und Unruhe, und erst nach dieser Zeit die Untersuchung beim Endokrinologen, die einen Wachstumshormonmangel zutage bringt. Man kann sich vorstellen, was in diesen vier Jahren an Zeit, an Lebensqualität, an Vertrauen in den eigenen Körper verloren gegangen ist.

Dabei ist das nicht selten. Häufiger als man denkt, stecken hormonelle oder metabolische Ursachen hinter unklaren psychischen Zuständen, ohne dass sie erkannt werden. Meine Empfehlung ist deshalb immer: Wenn Du mit einer psychischen Belastung durch die Welt gehst, die sich über Jahre hinzieht und auf normale Therapien nur schlecht anspricht, lass zusätzlich die endokrinologische Diagnostik machen. Schilddrüse, Hormonspiegel, Vitaminmangel, all das kann eine Rolle spielen und wird oft übersehen.

Vorsicht beim Googeln

Ein weiterer Punkt aus dem Bericht: „Ich habe dann gegoogelt." Da darf man wirklich vorsichtig sein. Die Struktur, wie das Internet Informationen liefert, hat im Zweifel eine negative Gewichtung, und diese Informationen werden im Zweifel ungefiltert auf den Betroffenen abgeladen.

Ich habe kein Problem damit, mir krasse Fakten im Internet durchzulesen, bis zu dem Punkt, wo ich eine Korrelation zu mir selbst erlebe. Dann hört bei mir der Spaß auf. Wenn irgendwo ein Bericht steht „diese Zeichen an Deinem Auge deuten auf eine frühe Möglichkeit der Erblindung hin", und ich meine Glaskörpertrübung sehe, kann ich mir direkt sagen: Nee, das gucke ich mir jetzt nicht an. Oder: „Wenn Sie diesen Tinnitus haben, steht der Tod bevor." Nein, danke, für heute genug Internet.

Es ist mindestens genauso wichtig, dass jeder für sich lernt, in der heutigen Zeit einen klaren Filter zu haben. Und dieser Filter muss trainiert sein. Er ist keine Selbstverständlichkeit.

Der Filter für unsere Kinder

Diese Filter-Frage betrifft nicht nur uns Erwachsene, sondern vor allem auch unsere Kinder, die den Filter noch nicht selber haben können. Ein Kollege aus dem psychotherapeutischen Bereich hat einmal einen Satz gesagt, der mich sehr abgeholt hat und den ich hier gerne weitergebe:

Wenn Du willst, dass die Kindheit Deiner Kinder vorüber ist, dann gib ihnen freien Zugang zu Social Media.

Fazit

Der Bericht dieser Zuschauerin zeigt zwei Dinge sehr deutlich. Erstens: Wenn eine psychische Belastung über Jahre besteht, ist die organische Abklärung nicht nur der erste Schritt, sondern eine bleibend wichtige Ebene, die man immer wieder mitdenken sollte. Ein Wachstumshormonmangel, eine Schilddrüsenfehlfunktion, ein Hormonungleichgewicht kann viel erklären, was sonst als „endogen" fehleingeordnet wird. Zweitens: Wenn eine organische Ursache gefunden wird, ist das nicht das Ende der Fahnenstange. Der Kopf hat sich in der Zwischenzeit oft Muster antrainiert, die auch nach der Behebung der organischen Ursache weiter wirken. Genau an diesen Mustern setzt dann die weitere Arbeit an.

Und ein dritter Punkt für den Alltag: Achte auf Deinen Filter, was Du an Informationen aus dem Internet in Dich hineinlässt. Für Dich selbst und für Deine Kinder.

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