Warum fühlt sich mein Nervensystem dauerhaft überreizt an? Ein anderer Blick auf das Alarm-Gefühl
Vielleicht kennst Du das: Nicht nur belastende Situationen bringen Dich in einen Alarmzustand, sondern selbst eigentlich schöne Dinge, das Treffen mit Freunden, ein Geburtstag, eine Einladung, lösen in Dir Stress aus. Als wäre Dir alles zu viel. Und die logische Frage, die sich Dir stellt, lautet: Warum ist mein Nervensystem dauerhaft im Alarm? Ist es überreizt? Ist es kaputt?
Diese Frage hat mir eine Zuschauerin gestellt, und ich möchte Dir in diesem Beitrag eine Perspektive anbieten, die Dich vielleicht überrascht. Denn meine Antwort geht in eine andere Richtung, als Du vielleicht erwartest.
Ist mein Nervensystem wirklich überreizt?
Aus meiner Sicht, und ich stütze mich hier auf viele Klientinnen und Klienten und mehr als 17.000 Sitzungen, neigen Nervensysteme nicht dazu, dauerhaft überreizt zu sein oder dauerhaft zu feuern. Das ist eine These, die den Erklärungen widerspricht, die Du vielleicht schon oft gehört hast. Und ich weiß, es fühlt sich für Dich anders an. Trotzdem finde ich es wichtig, diese Idee anzubieten.
Natürlich gibt es Extremwerte. Es gibt Trauma-Folgestörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, organische Einflüsse, die eine Rolle spielen können. Aber vor allem sehe ich in der Praxis: Auch bei den Menschen, die davon berichten, findet im Hintergrund immer etwas statt. Etwas, mit dem man arbeiten kann. Etwas, das das Alarmgefühl konkret füttert, auch wenn es sich für die Betroffenen anfühlt, als komme das Ganze aus dem Nichts.
Der unintuitive Perspektivwechsel
Ich möchte Dich zu einem Gedankenexperiment einladen. Sag Dir einfach mal, auch wenn es sich bisher anders angefühlt hat: Mein Nervensystem reagiert immer adäquat. Und ich versuche jetzt herauszufinden, worauf es die ganze Zeit reagiert.
Dein Kopf und Dein Körper versuchen immer, auf alles eine Antwort zu finden. Und mit Symptomen ist es in aller Regel so, dass sie kein Zeichen einer Krankheit sind, sondern eine Antwort Deines Systems. Das Symptom ist bereits die Antwort. Es ist nicht so, dass Du keine Antwort hättest. Die Frage ist nur: worauf.
Wenn Du diesen Perspektivwechsel mitmachst, verändert sich das Ziel Deiner Selbstbeobachtung. Du fragst nicht mehr: „Warum ist mein Nervensystem kaputt?" Sondern: „Was passiert im Hintergrund, das mein System immer wieder herausfordert?" Vielleicht sind es Trigger in Deiner Umwelt. Vielleicht sind es innere Wahrnehmungsmuster, die Du gar nicht mehr bewusst mitbekommst. Aber sie sind da, und sie lassen sich mit Geduld herausarbeiten.
Wenn schöne Dinge Stress auslösen
Der zweite Teil der Zuschauerfrage betrifft einen Punkt, den viele Betroffene teilen: Sogar Treffen mit Freunden, Geburtstage, eigentlich schöne Ereignisse lösen Stress aus. Warum ist das so?
Hier möchte ich zwei Aspekte hervorheben.
Erstens: Möglicherweise hat Dein Kopf mal einen Zustand abgespeichert, in dem Dinge, die eigentlich positiv sind, für Dich mit einer Gefahr verknüpft wurden. „Was, wenn mir bei dem Treffen etwas Peinliches passiert? Was, wenn es mir dort nicht gut geht? Was, wenn ich nicht rechtzeitig rauskomme?" Diese Gedanken laufen oft parallel und meist unbewusst mit, sobald Du in Kenntnis gesetzt wirst, dass ein solches Ereignis ansteht. Das Ergebnis: Auch eine schöne Situation wird von Deinem System als Herausforderung eingestuft.
Zweitens: Wenn Du über längere Zeit auf alle spürbaren Regungen in Deinem Körper sensibilisiert bist, dann kann es passieren, dass sich sogar positive Gefühle für Dich negativ anfühlen. Freude geht ja körperlich mit einer leichten Stressausschüttung einher. Ein Kribbeln im Bauch, ein bisschen hibbelig sein, das Gefühl, es kaum erwarten zu können.
Der eine Mensch erlebt genau das als Vorfreude. Ein anderer erlebt es als Angst und Belastung. Der eine bekommt eine starke Stressreaktion und will flüchten. Der andere sitzt mit der gleichen Stressreaktion in der Achterbahn und macht „Hui". Der körperliche Vorgang ist derselbe. Die Bewertung ist unterschiedlich. Und die Bewertung ist trainierbar.
Was Du konkret tun kannst
Der wichtigste Schritt: Fang an herauszuarbeiten, womit sich Dein Kopf am meisten beschäftigt. Worauf ist er die meiste Zeit fokussiert? Wofür „brennt" er in Anführungszeichen? Welche Bilder, welche Sprachmuster, welche Gedanken tauchen auf? In welchen Situationen taucht das besonders stark auf?
Der Weg, den ich hier immer empfehle: Mitschreiben. Alles, was Dir auffällt, in eine Tabelle untereinander. Noch nicht direkt sortieren nach Befürchtungen, Unzufriedenheiten oder Ideen und Wünschen. Einfach nur mal erfassen, was da ist. Dieser Schritt ist unspektakulär, aber er ist die Basis, auf der alles weitere aufbaut.
Denn erst wenn Du weißt, worauf Dein Nervensystem tatsächlich reagiert, kannst Du gezielt an diesen Punkten arbeiten. Vorher tappst Du im Dunkeln und fühlst Dich einem scheinbar überreizten System hilflos ausgeliefert.
Fazit
Die Frage „warum ist mein Nervensystem dauerhaft im Alarmzustand" führt oft in eine Sackgasse, weil sie suggeriert, dass mit dem System etwas nicht stimmt. Meine These ist eine andere: Dein Nervensystem reagiert adäquat, wir wissen nur noch nicht, worauf. Und die Aufgabe ist, das herauszuarbeiten. Auch dann, wenn eigentlich schöne Dinge Stress auslösen, steckt in aller Regel ein konkretes Muster dahinter, das Du entdecken und verändern kannst.
Es lohnt sich, dem Gedanken eine Chance zu geben, dass Dein System nicht kaputt ist, sondern spricht. Denn dann kannst Du anfangen zuzuhören.
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