Wenn Medikamente, Bewegung und Therapie ins Spiel kommen
In diesem Kapitel kommen wir zu einem Bereich, der für viele Menschen mit psychosomatischen Beschwerden eine Rolle spielt, der aber oft mit Vorbehalten besetzt ist. Was tun, wenn Medikamente verschrieben wurden? Wie verhält sich körperliche Praxis zur mentalen Arbeit? Was leistet eine Psychotherapie, und wann ist Ablenkung ein Werkzeug, wann eine Vermeidung? Es gibt hier viel Ideologie, bei denen, die alles mit Medikamenten lösen wollen, und bei denen, die jede medikamentöse Behandlung verteufeln. Beide Lager sind nicht hilfreich. Was hilft, ist ein differenzierter Blick, der die Mittel dort einsetzt, wo sie wirken.
Antidepressiva und Psychopharmaka
Wenn du wegen psychosomatischer Symptome oder einer Angststörung in Behandlung bist, ist die Frage nach Antidepressiva irgendwann gestellt worden. Der Bereich ist heikel, weil er von Emotionen begleitet ist: die Hoffnung, dass eine Tablette das Leiden verkürzt, und die Sorge, abhängig zu werden oder eine Krankheit nur zu betäuben.
Antidepressiva, vor allem die heute gebräuchlichen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, können in bestimmten Situationen sinnvoll sein. Sie können ein System, das in einer schweren depressiven Episode oder einer ausgeprägten Angststörung steckt, so weit stabilisieren, dass therapeutische Arbeit überhaupt möglich wird. Wer morgens nicht aus dem Bett kommt, kann keine Therapie machen, wer von Panik überrollt wird, keine Werkzeuge erlernen. In solchen Situationen kann ein Medikament eine Brücke sein. Aber es ist keine Heilung im engeren Sinne: Es kann die Intensität der Symptome verändern, die Stimmung heben, Ängste dämpfen, aber es verändert nicht das, was hinter den Symptomen liegt. Wer eine Lebensführung hat, die Symptome erzeugt, erlebt mit Medikamenten vielleicht eine bessere Phase, kommt aber nicht an, solange die Lebensführung nicht angesprochen wird. Mein Rat ist, Antidepressiva als das zu sehen, was sie sind, eine Krücke in einer Phase, in der der Schmerz zu groß ist, um aus eigener Kraft zu gehen. Niemand soll sich dafür schämen, aber das Ziel ist, irgendwann wieder ohne Krücke zu gehen.
Absetzsymptome
Eine besondere Herausforderung sind die Absetzsymptome. Wer ein solches Medikament länger genommen hat, erlebt beim Absetzen oft Symptome, die mit der ursprünglichen Erkrankung kaum zu tun haben: Schwindel, Übelkeit, eigenartige elektrische Empfindungen, oft Brain Zaps genannt, Schlafstörungen, emotionale Labilität. Diese Absetzsymptome sind real und werden in der Praxis oft nicht ausreichend besprochen. Viele halten sie für die Rückkehr der alten Symptome und nehmen das Medikament wieder, obwohl das Absetzen mit Geduld und schrittweiser Reduktion gut zu bewältigen wäre. Setz nie im Alleingang ab, sprich mit deinem verschreibenden Mediziner, plant eine schrittweise Reduktion über Wochen oder Monate, und mach dir bewusst, dass mögliche Symptome in dieser Phase zu einem großen Teil Absetzsymptome sind. Wer sorgfältig absetzt, kommt durch.
Bewegung als Werkzeug
Kaum eine Empfehlung ist so gut belegt und so wenig befolgt wie regelmäßige Bewegung. Studien zeigen, dass moderater Sport, drei bis fünf Mal die Woche, 30 bis 40 Minuten, einen Effekt auf depressive Symptome hat, der mit milden Antidepressiva vergleichbar ist, bei Angst und psychosomatischen Symptomen ähnlich. Warum wirkt Bewegung? Sie baut Stresshormone ab, man verstoffwechselt Adrenalin und Noradrenalin. Sie erhöht Botenstoffe, die mit Stimmung und Belastbarkeit zu tun haben. Sie verändert das Selbstbild, man erlebt den Körper als handlungsfähig und auf seiner Seite, was der Beobachtungslogik entgegenwirkt. Und sie verbessert den Schlaf. Dafür musst du keinen Marathon laufen und in kein Fitnessstudio, du brauchst regelmäßige, moderate Aktivität, die du durchhältst: spazieren, Rad fahren, schwimmen, Yoga, leichtes Joggen, Tanzen. Die Regelmäßigkeit zählt mehr als die Form.
Eine besondere Form erwähne ich kurz: Trauma Release Exercises, kurz TRE, einfache Übungen, die eine neurogene Zitteraktion auslösen können. Der Körper zittert von selbst, oft an Beinen oder Becken, ähnlich wie ein Tier, das nach einer Schreckreaktion seine Anspannung abschüttelt. Das Zittern ist nicht beunruhigend, sondern entspannend. TRE ist nicht für jeden geeignet und sollte am besten unter Anleitung erlernt werden, vor allem bei schweren traumatischen Hintergründen. Es zeigt, dass der Körper über Mechanismen zur Selbstregulation verfügt, wenn man ihm Raum gibt.
Psychotherapie und ihre Grenzen
Erstens: Eine Psychotherapie ersetzt nicht die Eigenarbeit, sie ergänzt sie. Wer eine Stunde pro Woche beim Therapeuten verbringt, dazwischen aber nichts tut, erlebt auch nach Jahren keine grundlegende Veränderung. Zweitens: Nicht jede Therapie wirkt bei jedem. Hat eine Therapie nicht gewirkt, heißt das nicht, dass Therapie generell nicht wirkt, sondern dass diese Konstellation nicht gepasst hat. Drittens: Die Beziehung zum Therapeuten ist oft wichtiger als die Methode, die Qualität der therapeutischen Beziehung ist die wichtigste Wirkvariable. Viertens: Es gibt Phasen, in denen Therapie sinnvoller ist, in akuten Krisen entlastend, in stabilen Phasen tiefgreifend. Sei ehrlich, in welcher Phase du beginnst. Fünftens: Gute Therapie macht dich therapieunabhängig, nicht therapieabhängig. Hast du nach Jahren das Gefühl, ohne sie nicht klarzukommen, läuft etwas schief.
Ablenkung als Werkzeug, nicht als Vermeidung
Ablenkung als Vermeidung bedeutet, dass du flüchtest, du willst nicht spüren, was da ist, und machst etwas anderes, weil das Eigentliche unangenehm ist. Das erleichtert kurzfristig, verstärkt aber langfristig die Befürchtung, weil dein System merkt, dass das Thema offenbar so bedrohlich ist, dass du davor wegläufst. Ablenkung als Werkzeug ist anders: Du nimmst wahr, was da ist, gibst eine kleine Antwort und lenkst deine Aufmerksamkeit dann bewusst auf etwas, das dir guttut. Der Unterschied zeigt sich an einer Frage: Ist die Befürchtung danach erledigt, oder lauert sie unter der Oberfläche und wartet, bis du allein bist? Konkret: Spürst du ein Symptom, halte inne, schreib vielleicht zwei Sätze auf, gib dir eine kurze, realistische Antwort, und lenke dann aktiv um, auf eine Tätigkeit, die dich beansprucht, eine Begegnung, die dich nährt, etwas Schönes, das du dir gönnst.
Die Themen dieses Kapitels sind wie eine Begleitmusik, während du an deinen Werkzeugen arbeitest. Versuch nicht, alle Bereiche gleichzeitig perfekt zu organisieren, such dir den aus, der dir am wichtigsten erscheint, und beginne dort. Was du tust und durchhältst, schafft Veränderung. Was du nur planst, bleibt Plan.
Dieses Kapitel stammt aus meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen". Das ganze Konzept findest du hier:
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