Stressresistenz aufbauen und Resilienz erhöhen?
Ein Zuschauer schreibt, er habe fünf Jahre mit Benommenheit und Schwindel zu kämpfen und gelernt, damit zu leben, sein größter Wunsch sei, wieder das vorherige Leben zu leben. Er merkt, dass bei zunehmendem Stress mehr Benommenheit auftritt, und fragt: Kann man resistenter gegen Stress werden? Außerdem ist er zu 90 Prozent sicher, dass die Benommenheit psychisch bedingt ist, doch Restzweifel bleiben, weil es nicht greifbar ist, eine Art Ausschlussdiagnose.
Warum konkret statt schwammig
Er folgt auch einem anderen Kanal, der nie ins Detail geht, und das finde ich problematisch. Auch in meinen Videos und meinem Buch gibt es eine Kernproblematik: Ich kenne dich nicht, muss so allgemein wie möglich und zugleich so persönlich wie machbar schreiben. YouTube ist für mich keine Marketingplattform, die nur einen Ausblick aufs Beste gibt, ohne zu verraten, wie es weitergeht. Mir ist wichtig, dass Menschen aus der Praxis rausgehen und genau wissen, was sie als Nächstes tun, woran sie denken, wie sie handeln und was sie sich sagen können, wenn das Problem wiederkommt. Die Probleme sind dann nicht weg, aber sie haben etwas an der Hand.
Ein Beispiel: Einem Klienten war geraten worden, einen Gang runterzuschalten und auf die rechte Spur zu fahren. Eine schöne Metapher, aber er hat danach tatsächlich nur langsamer auf der Autobahn gefahren, konkret umsetzen konnte er sie nicht. Eine Metapher soll sich nicht nur nett anhören, es muss etwas dahinterstehen, das man umsetzen kann. Viele Menschen können gar nicht langsamer fahren, weil sie nicht wissen, ob sie überhaupt rechtzeitig ankommen, und weil sie, ohne ein klares Ziel, lieber so viel wie irgend möglich geben (Stichwort Perfektionismus). Oder das Bild vom Gummiband: „Ich bin wie gelähmt." Erst auf die Frage, in welchen Situationen, kam heraus, es fällt ihr schwer, Rechnungen zu überweisen. Erst im Detail zeigt sich, was wirklich los ist.
„Ich will mein altes Leben zurück"
Viele wünschen sich das alte Leben zurück, das ist oft auch der Hintergrund, wenn Antidepressiva eingesetzt werden, um wieder mehr Kraft und Energie zu haben. Aber Energie wozu, um das alte Leben zu leben? Hat nicht gerade die Art dieses alten Lebens die Notwendigkeit erst erzeugt? Ein Antidepressiva-Einsatz sollte wohlüberlegt sein und auf ein Leben 2.0 zielen, nicht auf das Festhalten am Alten. Willst du deine Situation wirklich verändern, gilt es, im Blick nach vorne Ziele zu definieren und Wege dorthin aufzutun.
Warum Stress Benommenheit macht
Stress sind heute vor allem Erwartungen von außen, denen wir noch keine Kompetenz oder Energie entgegensetzen können, oder sogar die Erwartungen, von denen wir nur glauben, dass andere sie an uns stellen. Der Körper schüttet Stresshormone aus, der Puls steigt, die Atmung wird schneller, mehr Sauerstoff soll an die Muskelzelle, weil dort mehr ATP, Adenosintriphosphat, gebildet werden muss, der Treibstoff der Muskelzellen. Zugleich bewirken mehr Stresshormone eine Vasokonstriktion in den Gehirngefäßen, eine latente Minderdurchblutung, und genau die macht die Benommenheit. Besonders der unterschwellige Dauerstress, der unterm Radar läuft, verursacht am meisten Probleme. Deshalb erleben viele eine Entlastung, sobald sie in Bewegung kommen, statt sitzen zu bleiben und „zur Ruhe kommen" zu wollen.
Nicht gegen jeden Stress resistent werden
Die Qualität deines Lebens hängt stark von der Qualität deiner Fragen ab, und wenn du auf eine Frage noch keine Antwort hast, stimmt mit dir nichts nicht. Fachsprachlich geht es um Resilienz, Widerstandsfähigkeit gegen äußere Stressoren. Dafür brauchst du Beobachtungswerkzeuge, um zu verstehen, welche Aspekte Stress machen. Wichtig: Du denkst in Bildern und inneren Stimmen, und was sich dort innen abspielt, zählt, nicht nur das, was draußen passiert. Die meisten Stressoren sind nicht da draußen, sondern hier drin. Deshalb beginne ich mit dem Video, wie ein Gefühl entsteht, und mit dem Problem-Regal, um Übersicht zu bekommen und zu filtern: Komme ich das selbst, oder kommt es von außen? Was kann ich verändern? Den meisten Stress und Leistungsdruck machen wir uns selbst.
Und hier der entscheidende Punkt: Werde nicht gegen jeden Stress resistent. Differenziere, gegen welchen Stress du etwas tun willst und welchem du künftig konsequent aus dem Weg gehst. Du veränderst deine Situation oft stärker, wenn du nicht „resistent" wirst, sondern konsequent Dinge veränderst, sodass du weniger Stressoren hast. Wo das nicht geht, erlernst du Kompetenzstrategien, erst wenn du den Finger genau auf den Stress legst. Manchmal heißt das, dir Wissen anzueignen, etwa Rhetorik oder das, was in deiner Arbeitssituation wirklich zählt, statt weiter nur zu raten.
Dazu ein Beispiel: Ein Informatiker bekam vor einem Termin mit einem schwierigen Kunden Schweißausbrüche und Fluchtneigung. Diese Aufregung ist ein Mechanismus, der uns Energie gibt, damit wir unsere Kompetenz mit der nötigen Energie an den Mann bringen. Auf die Frage, ob er darin ausgebildet sei, schwierige Kunden zu gewinnen, sagte er nein. Dann ist das Problem: Der Körper stellt Energie bereit wie ein Auto, bei dem man aufs Gaspedal tritt, aber kein Gang liegt drin. Der Motor läuft auf 6000 Umdrehungen und es geht nichts voran, die Energie verpufft, das frisst Ressourcen. Fehlt die Kompetenz, hilft die Energie nicht, sie quält nur.
Der Restzweifel, und warum „psychisch" nicht automatisch stimmt
Zu „90 Prozent sicher, dass es psychisch ist, aber Restzweifel bleiben": Wir glauben nicht, was richtig ist, wir glauben, was wir am häufigsten gehört haben. Sagt der Arzt „Sie sind gesund", freust du dich kurz, aber nach Tagen meldet sich der innere Kritiker, das dramatische Denken: Da war doch was, und seit der Untersuchung sind zwei Wochen vergangen, vielleicht ist seitdem etwas gewachsen. Der Restzweifel kommt aus dem dramatischen Denken und aus antrainierten Mustern, auf die du trainiert warst und von denen du dich noch nicht konkret umtrainiert hast.
Und ein wichtiger Hinweis: „Keine organische Ursache, also psychisch" lässt sich theoretisch so nicht sauber herleiten. Deshalb, und das meine ich ernst, google nicht deine Symptome, dabei kommt fast immer etwas heraus, das dich verunsichert, auch ich bin dagegen nicht gewappnet. Hundertprozentige Sicherheit, organisch gesund zu sein, gibt es nie. Aber mach diese Sicherheit nicht zur Bedingung dafür, dir Zuversicht zu erlauben. In der Medizin wird vieles statistisch hergeleitet: Klagt ein junger Mann über Kopfschmerzen und fürchtet einen Hirntumor, sagt der Arzt meist, das wird in Ordnung sein, weil die meisten jungen Männer keine Hirntumore haben, die Kopfschmerzen machen, ein Hirntumor macht anfangs sogar oft gar keine Kopfschmerzen. Bist du zu 100 Prozent organisch gesund, bist du noch nicht automatisch darauf trainiert, dir das auch zu sagen. Die Gewissheit wächst aus den Visionen, die du dir Tag für Tag setzt.
Zum Schluss ein kleines Bild: Nicht weil du dich freust, lächelst du, sondern weil du lächelst, bekommst du ein Gefühl der Freude. Die angespannte Lachmuskulatur meldet ans Gehirn zurück, und das schüttet Glückshormone aus. Freust du dich also über etwas, dann zieh dein Gesicht ruhig auch in ein Lächeln.
Wie du deine Stressoren erkennst, Kompetenzen aufbaust und Resilienz gezielt statt pauschal entwickelst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du möchtest resilienter werden und deine Stressoren konkret in den Griff bekommen? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.