Wenn die Realität verschwimmt: Schwindel, Panik und Derealisation
Jemand schreibt unter dem Schwindel-Video: Seit einer Woche Übelkeit, Benommenheit, manchmal einseitige Kopfschmerzen, MRT ohne Befund, kein Arzt findet etwas, Kloß im Hals, trockene Zunge, Zittern. Das verstehe ich nicht ganz, Panikattacke ist doch ausgeschlossen, das sind doch alles Symptome von einer Panikstörung.
Der Scheideweg in der Akutphase
Keine Sorge, das heißt nicht, dass du das zwölf Jahre haben wirst. Häufig gibt es eine Akutphase, die einen Scheideweg darstellt. Man hat mal etwas, schenkt dem keine Bedeutung, tut es als nicht so schlimm ab, und es verläuft sich. Oder man denkt, ach du Scheiße, was ist, wenn das schlimmer wird, da ist dieses innere Dramatisieren, was ist, wenn es nie wieder weggeht, was ist, wenn ich es irgendwann nicht mehr von mir abgrenzen kann.
Die Symptome ordnen
Übelkeit, Schwindel und Benommenheit sind typisch für eine Panikstörung. Bei einseitigen Kopfschmerzen muss man genauer schauen, im individuellen Hintergrund kann eine Migräne-Vorgeschichte vorliegen, um das zu diagnostizieren, braucht es den direkten Kontakt. Einseitige Kopfschmerzen sind oft sogenannte Cluster-Kopfschmerzen, die richtig zuschlagen und wieder abstellen können, oder blitzartige Gesichtsschmerzen im Sinne einer Trigeminusneuralgie. Kloß im Hals, trockener Mund und Zittern sind im Prinzip die Kardinalsymptome einer Stresshormonausschüttung, dazu kommen manchmal Druck auf der Brust, schneller Herzschlag, kalte Füße, das Gefühl, auf Wolken oder über eine Matratze zu laufen. Diese Symptome passen sehr gut in diesen Kontext.
Der Körper wird immer wieder in Alarmbereitschaft versetzt, Fight-or-Flight-Prinzip, und die Symptome tauchen irgendwann dort auf, wo sie nicht hinpassen. Wir sitzen in der Klausur, der Kopf dreht ab, der Körper sagt, evolutionsbiologisch auf dem Stand von vor 50.000 Jahren, Lebensgefahr, wir müssen kämpfen und rennen, und du denkst, ich würde aber gerne meine Klausur zu Ende schreiben, bevor ich gegen mich selbst kämpfen muss. In den letzten 10.000 Jahren hat sich eine wahnsinnige Schere aufgetan, wir sind sozial weit entwickelt, unser Körper konnte sich nicht so schnell anpassen. Deshalb sind solche Symptome charakteristisch für Panikattacken.
Aller Wahrscheinlichkeit nach findet man keine organische Ursache, das ist kein Beginn eines Diabetes, kein Herzinfarkt, kein Hirntumor, sondern die typischen Symptome, wenn wir in Angst sind.
Zusammenfassungen auflösen
Wichtig ist, den Betroffenen dort abzuholen, wo wir seine Gedanken konkretisieren und filtern können. Wir neigen zu Zusammenfassungen: „Ich habe das Problem, Entscheidungen zu treffen." Das hat so nie stattgefunden. Es gibt einzelne Situationen, in denen ich vielleicht ein Problem habe, eine Entscheidung zu treffen, aber die zusammenfassende Beschreibung trifft es nicht und ist auch nicht der Hintergrund. Der liegt jeweils individuell: Vielleicht bin ich eigentlich schon entschieden, habe aber Probleme bei der Umsetzung, oder der Kopf sagt, entscheide dich nicht für das, was du mehr willst, sondern für das, wovor du weniger Angst hast. Lassen wir die Zusammenfassung stehen, kommen wir nicht an das Problem heran.
Deshalb geht es nicht um einen schnellen Tipp gegen den Schwindel, sondern darum, der Sache auf den Grund zu gehen, sich mit sich zu beschäftigen, das Leben zu verändern. Manches passiert schnell, aber vieles braucht Zeit, unser Gehirn braucht Zeit zum Umlernen. Geh davon aus, dass man nach etwa zwei Wochen intensiver Reflexion das Komische meist wieder los ist, aber um den Weg zu festigen, darf man sich mehr Zeit geben.
Nicht bei Normalnull aufhören
Wir wenden uns meist erst bei Problemen an jemanden wie mich, keiner kommt wegen Prävention. Setzt man Modelle und Werkzeuge an und es geht wieder besser, entwickelt sich das Richtung Normalnull, und dann driftet man weg. Denn die Dinge, die man getan hat, kommen ursprünglich aus einer Vermeidung heraus, wir handeln, um zu vermeiden, dass es schlecht bleibt. Wird es besser, fehlt der Antrieb, weiter an den funktionierenden Werkzeugen dranzubleiben, es geht ja okay. Deshalb bricht es bei vielen wieder rein, ein wellenhafter Verlauf.
Wichtig: Wenn die Dinge greifen, die Stimmung, Wahrnehmung und Kontrolle über das eigene Denken nach oben bringen, hör nicht bei Normalnull auf, nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Und so holen wir auch den Kommentarsteller ab, indem wir konkret visualisieren, verbalisieren, Verhaltensfacetten hinterfragen und ergründen. Das sind die Denkmuster, auf die der Kopf mit Benommenheit, Schwindel und Panik reagiert, und da kommt man dran.
Wie du die Denkmuster hinter Benommenheit, Schwindel und Panik findest und über Normalnull hinaus weiterkommst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Deine Realität verschwimmt, und die Ärzte finden nichts? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern dabei, an die Denkmuster dahinter zu kommen. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.