Jedes neue Symptom immer wieder abklären lassen?
Ein Zuschauer fragt zur Hypochondrie: Bei jedem neuen Symptom, etwa einem Stechen oder Druck im Körper, ist es ratsam, zum Arzt zu gehen und es abzuklären. Mein Problem: Dann müsste ich jede Woche zum Arzt, weil sich immer wieder leichte, unangenehme Wehwehchen einschleichen. Wie geht man damit um?
Keine einmalige Lösung
Betroffene sind oft sehr verunsichert, und der Kopf quittiert körperliche Symptome schnell mit einer Befürchtung. Das gewünschte Ziel ist meist, ich komme damit klar, also taucht das Problem nicht mehr auf, ähnlich wie bei mentaler Gesundheit: die Erwartung, es sei ein Zustand, den man erreicht und auf dem man sich ausruhen kann. Mentale Gesundheit entsteht aber jeden Tag neu, durch das Bearbeiten der Befürchtungen und negativen Gedanken. Wir können keinen Arztbesuch, kein Gespräch, keinen Klick-Moment erzeugen, nach dem alles gut ist. Was wir erreichen können, erreichen wir nicht durch eine einmalige Intervention oder Hypnose, wir müssen das Gehirn wirklich umtrainieren.
Umtrainieren braucht Erlaubnis und etwas Widerstand
Wichtig ist eine Art Erlaubnis, umtrainieren zu dürfen, denn wir arbeiten ein wenig in den Widerstand hinein. Wenn ich sage, stell einen Wecker, der fünfmal am Tag klingelt, und sag dir laut, ich bin gesund, und bei einem neuen Symptom warte zwei Tage und geh dann zum Arzt, wenn es noch genauso stark da ist, werden viele Widerstand erleben, und das ist gut. Denn würdest du sofort sagen, super, mach ich sofort, wäre mein Input deinen gewohnten Mustern zu ähnlich, und wir würden eher über deine alten Denkmuster reden. Ich muss also Impulse geben, die Widerstand erzeugen, nur nicht zu viel. „Fünfmal am Tag, meine Symptome sind mir egal" wäre für die meisten ein zu großer, diametraler Unterschied, da kommen wir nicht dran. Ein bisschen Widerstand ist gut, zu viel nicht, und gar keiner auch nicht. Die Erlaubnis dafür bringt normalerweise der Arzt mit.
Zuerst abklären, immer
Das muss ich auch sagen: Lass jedes neu aufgetretene Symptom ärztlich abklären. Nicht, weil ich das bei jedem für zwingend halte, sondern weil sonst irgendwann jemand sagt, der Rick hat gesagt. Aus meiner Zeit in der Notfallrettung: Einsatzprotokolle schreibt man so, dass sie nicht nur die Übergabe im Krankenhaus ermöglichen, sondern dass auch ein Richter als Laie später versteht, warum ich den Transport so gemacht habe. Deshalb: Trag jedes neue Symptom zur ärztlichen Abklärung.
Nicht das Symptom treibt dich zum Arzt, sondern die Bewertung
Hier macht euer Körper mehr oder weniger Sport daraus, immer wieder Symptome hochzumelden, und jede Woche zum Arzt zu rennen ist auch die Frage, wie lange der Arzt das mitmacht. Wir dürfen bewusst ein wenig mit unserem Verstand und Körper spielen, und eine bewährte Möglichkeit ist, ins Aushalten zu gehen. Denn Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Symptomen, sondern die Anwesenheit dieser körperlichen Phänomene mit funktionierenden Umgangsstrategien. Das Ziel ist nicht, dass negative Gedanken, Symptome oder Bewertungen nicht mehr auftauchen, sondern wie du damit umgehst, wenn sie kommen.
Tinnitus, Glaskörpertrübung, Extrasystolen, Herzstolpern, Muskelzucken sind zunächst Phänomene, man spricht als Mediziner auch von Sensationen, die erst mal kein Problem darstellen. „Bei Extrasystolen kann sich ein Kammerflimmern entwickeln" stimmt nur, wenn ein fulminanter Herzinfarkt dazwischenkommt. Was euch zum Arzt treibt, ist nicht die körperlich wahrnehmbare Sensation, sondern die Bewertung eures automatisch negativ, dramatisch, misserfolgsorientiert denkenden Kopfes, die das Phänomen zum Symptom macht. Lasst euch diesen Satz auf der Zunge zergehen: Ihr geht nicht zum Arzt wegen eines Symptoms, sondern die automatisierte Bewertung eures Kopfes bringt euch hin.
Was wir trainieren dürfen, ist eine Verweildauer, denn das Thema ist die Geschwindigkeit, wie schnell ihr auf den Vorschlag des Kopfes reagiert (Szenarien-Technik). Wir sehen eine Sensation, das könnte etwas Schlimmes sein, die Bewertung kommt hoch, das Befürchtungsbild. Das ist nicht lustig, aber wir dürfen anfangen, beim Umtrainieren lustiger darüber zu sprechen.
Aushalten, aufschreiben, Unterschiede einbauen
Werdet euch bewusst, dass vor allem die Bewertungen eine Sensation zum Symptom machen, und lernt, ein bis zwei Tage auszuhalten, das hat bisher ja auch geklappt, sonst könnten wir nicht darüber reden. Sind nach zwei Tagen noch dieselben Symptome da, kann man immer noch nachdenken oder zum Arzt gehen. In der Zwischenzeit andere Dinge machen, ein Klassiker ist das Aufschreiben der konkreten Befürchtungsgedanken, um zu verstehen, was die Bewertung eigentlich ist, die euch unter Anspannung bringt. Der Kopf sagt gern, ich kann mir nicht vorstellen, dass das nichts Organisches ist. Doch, das, was ihr spürt, kann organisch sein, es wurde nur als nicht krankheitsrelevant eingestuft.
Also mitschreiben, entschleunigen, dem einen Zeitraum geben, im Zweifel trotzdem abklären lassen, aber vor allem Unterschiede einbauen. Folge dem Impuls nicht immer weiter, du kannst ein Symptom von heute Morgen heute Abend abklären, ohne den ganzen Tag daran zu denken, richte den Fokus zwischendurch auf andere Dinge. Mit diesen Bausteinen würde ich einsteigen, bei den meisten kommt schon ein deutlicher Unterschied rein, und du darfst lernen, das Thema Vertrauen in den eigenen Körper mehr anzupacken. Vertrauen ist dabei kein Gefühl, sondern entspricht mehr dem im Alltag präsenten Gedanken. Ich drücke dir die Daumen, dass dein Körper nicht mehr alle fünf Tage neue Symptome hochgibt, sondern vielleicht nur noch alle sechs, dann alle sieben Tage, woran du merkst, dass das Umtrainieren langsam gelingt.
Wie du vom Symptom zur Bewertung kommst und das ständige Abklären entspannst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
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