Was können pulsierende Halsvenen bedeuten?

Bibiana fragt: Ist es normal, wenn man den ganzen Tag den Puls am Hals sehen kann? Ich mache mich deswegen total verrückt und habe schon wieder diese krankhaften Gedanken, das kostet viel Energie. Die Ärzte stempeln einen gerne ab, und ich traue mich kaum noch zum Arzt, wenn mir wieder etwas an mir auffällt.

Was man heraushört: Es ist nicht das erste Mal, dass dir etwas an dir auffällt, und der Begriff hypochondrisch geprägter Gedanken deutet darauf hin, dass du auch schon viel gegoogelt hast.

Zuerst die fachärztliche Abklärung

An erster Stelle steht immer die fachärztliche Abklärung. Erstens kann der Arzt seine eigenen Beobachtungen machen: Sieht er das Gleiche wie du, nämlich dass in diesem Bereich wahrscheinlich pulssynchron ein Pochen läuft, weil die großen abfließenden Gefäße Blut zurück zum Herzen führen? Das kann man eigentlich fast immer sehen, weil dort viel Blut abgeführt wird. Es kommt auf den Körperbau an: Bei einem adipösen Patienten sieht man es weniger, bei einem dünnen mehr, das Unterhautfettgewebe spielt eine Rolle. Deshalb lässt sich ohne einen Patienten gesehen zu haben schwer eine konkrete Bewertung abgeben.

Der nächste Schritt ist, wie der Arzt das bewertet, denn ein pulssynchrones Pochen im Bereich der Halsschlagadern gehört medizinisch abgeklärt. Es gibt viele Ursachen und wenige, die häufig auftreten, dazu zählt die Vorgeschichte des Patienten. Einige wenige Dinge will man ausschließen. Typisch aus meiner Zeit in der Notfallrettung: Der Reanimationspatient bekommt sogenannte gestaute Halsvenen, das Blut wird immer weiter in die Peripherie gepumpt, sammelt sich und wird nicht zurück in den großen Kreislauf übergeleitet, das spricht meist für ein Problem im kleinen Kreislauf, dem Lungenkreislauf, etwa einen Verschluss eines größeren Gefäßes. Dann staut sich das Blut, und man sieht einen blauen Kranz und pulssynchrones Pochen. In dem, was du beschreibst, liegt keine fulminante Lungenembolie vor. Blutdruck und der Venenstatus am Hals, vielleicht per Ultraschall, lassen sich prüfen. Ich gehe davon aus, dass es ärztlich gut abgeklärt ist und keine weitergehende Erklärung nötig ist.

Wie die Angst entsteht

Unser großes Thema: Wir bemerken etwas an uns, haben Ängste, und was wir uns bewusst machen dürfen, ist, dass die Ängste in ihrer Entstehung oft miterlebt werden können. Da passieren Bewertungsmechanismen, aus denen ich mit der Zeit Ängste entwickle, was ist, wenn das bösartig ist, was, wenn ich daran sterbe. Wir haben ein dramatisch bewertendes Gehirn, und wir dürfen anfangen zu ergänzen und uns nicht selbst krank zu machen.

Wichtig: Stellst du ein neu auftretendes Symptom fest, gehört es im Zweifel fachärztlich abgeklärt. Wir sollten vom alten Extrem wegkommen, bei jedem Ding sofort zum Arzt zu rennen, gerade in Corona-Zeiten schwierig, aber auch nicht ins andere Extrem, gar nichts mehr abzuklären. Ziel ist ein gesundes Verständnis und vernünftig auf die eigene gedankliche Ebene reagieren zu können.

Vom Entlastungsmoment zur eigentlichen Arbeit

Sagt der Arzt, das ist normal, eine Überinterpretation, das hatten Sie schon immer, erst ab dem Moment, wo Sie es wahrnahmen, haben Sie die negative Bewertung begonnen und sich das Problem so serviert, dann gibt er meist die Abkürzung, gehen Sie zu jemandem, mit dem Sie darüber sprechen. Wichtig ist, dass du eine solche Erklärung bekommst, um die Kaskade zu verstehen, die dieses Stimmungsbild erzeugt. Du gehst zum Arzt, bist gesund, freust dich kurz, bist entlastet. Aber die Grundstruktur des hypochondrischen Denkens bedeutet, dass der Kopf zu jeder Idee eine negative Konsequenz im Sinne einer Krankheit hochmeldet, und wir keine eigenen Ergänzungen vornehmen. Wir denken die Ängste nicht zu Ende, was ist, wenn das so schlimm ist, oh Gott, ich distanziere mich.

Wir dürfen lernen, Dinge zu Ende zu denken, zum richtigen Zeitpunkt auszuschließen und vor allem mit uns selbst in Kommunikation zu treten, schau dir das Video an, Autofahren, ohne darüber nachzudenken. Denn wir glauben nicht an das, was richtig ist, wir glauben an das, was wir am häufigsten gehört haben. „Sie sind gesund" beruhigt argumentativ, aber in der Vorgeschichte hat viel Training stattgefunden, das dramatische Denken stärker wahrzunehmen. Dieses Umtrainieren ist eine Kiste, mit der der Arzt wenig zu tun hat, er diagnostiziert und schlägt bei Bedarf eine Behandlung vor. An der Grundebene arbeiten musst du selbst. Und dabei spielt es keine Rolle, ob du Angst vor den Halsschlagadern, dem Herzen, einem Tinnitus oder Krebs hast, es ist immer die gleiche Grundstruktur des dramatisch denkenden Gehirns, das „was ist, wenn" sagt. Was wir lernen dürfen, ist, eine Ergänzung zu geben: Was ist, wenn es klappt, was ist, wenn ich gesund bin?

Wie du dem dramatisch denkenden Gehirn eine Ergänzung gibst und Hypochondrie-Muster umtrainierst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du bemerkst ständig Dinge an dir und machst dir krankhafte Sorgen? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern beim Umtrainieren. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

Zurück
Zurück

Wenn die Krankheitsangst zum Dauerzustand wird

Weiter
Weiter

Psychosomatische Verspannungen, wann verschwinden sie wieder?