Was dein Alltag wirklich mit dir macht

Es gibt Faktoren in deinem Alltag, die einen größeren Einfluss auf das Erleben deiner Symptome haben, als du denkst. Sie sind nicht spektakulär und wirken auf den ersten Blick nicht dramatisch, aber sie addieren sich Tag für Tag und ergeben über Wochen einen spürbaren Unterschied. In diesem Kapitel geht es um drei dieser Faktoren, die in meiner Praxis besonders häufig eine Rolle spielen: Koffein und Stimulanzien, Boreout, also die Unterforderung im Beruf oder Leben, und Dysthymie, eine niedrigschwellige depressive Verstimmung, die viele Menschen über Jahre begleitet, ohne dass sie diagnostiziert ist.

Koffein und andere Stimulanzien

Kaum ein Stoff ist so allgegenwärtig und zugleich so wenig diskutiert wie Koffein: in Kaffee, Tee, Cola, Energy Drinks, vielen Schmerzmitteln und einigen Süßigkeiten. Was Koffein im Körper tut, ist genau das, was bei psychosomatischen Symptomen eine Rolle spielt: Es aktiviert den Sympathikus, lässt das Herz schneller schlagen, erhöht die innere Anspannung und kann eine Pulsbeschleunigung auslösen, die sich von einer beginnenden Panikattacke kaum unterscheiden lässt. Zieh einmal nüchtern Bilanz und zähl einen Tag lang alles zusammen, den Morgenkaffee, den Espresso nach dem Essen, die Nachmittagstasse, den Schwarztee, die Cola. Liegt die Summe deutlich über 400 Milligramm pro Tag, und das ist bei vielen der Fall, lebst du in einem dauerhaft hochgefahrenen Zustand, ohne es zu merken, weil du dich daran gewöhnt hast.

Koffein macht körperlich abhängig, wer plötzlich aufhört, hat zwei bis drei Tage Kopfschmerzen, Müdigkeit oder schlechte Laune, nach drei bis fünf Tagen ist das vorbei. Reduziere schrittweise, nicht abrupt: Erste Woche kein Kaffee am späten Nachmittag und Abend, zweite Woche keine Cola und Energy Drinks, dritte Woche nur noch eine Tasse am Morgen, vierte Woche einmal ganz ohne, um zu sehen, wie sich dein System ohne diesen Stimulus verhält. Du musst nicht koffeinfrei bleiben, aber du weißt dann, wie sich dein Grundton ohne diese Belastung anfühlt, und was tatsächlich dein Symptom ist und was Koffein hinzufügt. Auch Nikotin wirkt ähnlich, und manche Medikamente, etwa Schilddrüsenhormone, Asthmamittel und einige Migränemedikamente, können Symptome verstärken. Nimmst du regelmäßig Medikamente, sprich mit dem verschreibenden Arzt über mögliche Wechselwirkungen.

Boreout, oder warum Unterforderung krank macht

Bei Stress am Arbeitsplatz denken die meisten an Überforderung, Burnout. Weniger bekannt, aber genauso schädlich, ist das Gegenteil: Boreout, die systematische Unterforderung, Aufgaben, die dich nicht fordern, Fähigkeiten, die nicht abgerufen werden, Tage, die sich ziehen. Boreout ist tückisch, weil er gesellschaftlich nicht anerkannt ist. Wer überfordert ist, bekommt Mitgefühl, wer unterfordert ist, soll froh sein über den entspannten Job. Dabei fühlt sich ein Mensch, der unter seinen Möglichkeiten arbeitet, nicht entspannt, sondern nutzlos, übersehen, gehindert, etwas Echtes zu leisten. Das erzeugt Stress, der ähnlich auf das System wirkt wie Überforderung. In der Praxis sehe ich das oft: Menschen, deren Symptome sich vor allem an Werktagen melden und am Wochenende bessern, die sich seit Jahren verheizt fühlen in einem Job, der ihnen nichts gibt. Die Symptome sind die Stimme dieses inneren Protests.

Was hilft? Irgendwann brauchst du eine Entscheidung, eine berufliche Veränderung, eine zusätzliche Tätigkeit, ein Hobby, das deine Fähigkeiten abruft, eine ehrenamtliche Aufgabe mit Sinn. Was nicht geht, ist, dich zu überzeugen, dass dein Zustand in Ordnung ist, wenn er es nicht ist, das System merkt sich die Lüge und protestiert weiter. Vor einer großen Entscheidung lohnen kleine Schritte: fordernde Aufgaben im Job, ein Projekt, in dem du etwas bewegst, Vorschläge, die deine Fähigkeiten zeigen, und wo das im Job nicht geht, Räume außerhalb, in denen du gebraucht wirst. Die Veränderung muss nicht groß sein, sie muss aber stattfinden, weil sie deinem System signalisiert, dass es nicht zur Untätigkeit verdammt ist.

Dysthymie, die niedrigschwellige Verstimmung

Es gibt eine depressive Verstimmung, die nicht so dramatisch ist wie eine schwere Depression, aber über Jahre das Erleben bestimmt: die Dysthymie. Menschen mit Dysthymie funktionieren, gehen zur Arbeit, pflegen Beziehungen, aber mit einer bedrückten Grundstimmung. Nichts ist richtig schön, nichts richtig spannend, keine echten Höhepunkte, keine echten Tiefpunkte, eine eingedunkelte Version eines normalen Lebens. Sie wird oft nicht erkannt, weil sie sich nicht als Krankheit anfühlt, sondern wie das Leben, das man halt hat. Gefragt, ob es ihnen gut geht, sagen Betroffene meist ja, sie haben sich an diesen Grundton gewöhnt. Erst wenn die Stimmung wirklich einmal anders ist, nach einer Therapie oder einem einschneidenden Erlebnis, merken sie, was ihnen jahrelang gefehlt hat.

Erkennst du dich wieder, lohnt es sich, das anzusprechen. Dysthymie ist behandelbar, oft mit einer Kombination aus Psychotherapie, körperlicher Aktivität und manchmal medikamentöser Unterstützung, und das verbessert nicht nur die Stimmung, sondern oft auch die psychosomatischen Symptome, weil eine Hintergrundbelastung wegfällt. Viele zögern, weil sie fürchten, sich etwas einzureden, oder meinen, kein Recht auf eine Verstimmung zu haben, weil andere Schlimmeres erleben. Du brauchst keine Erlaubnis von einem Vergleich mit anderen, um dein Befinden ernst zu nehmen. Wenn du nicht zur Therapie gehen willst oder kannst, wirken nachweislich: regelmäßige Bewegung (drei bis fünf Mal pro Woche, mindestens 30 Minuten), Tageslicht (morgens, mindestens 15 Minuten), nährende statt auslaugende Kontakte, Aufgaben, in denen du dich wirksam erlebst, ausgewogene Ernährung ohne extreme Diäten und Schlaf, der nicht ständig zu kurz kommt.

Wie diese Faktoren zusammenwirken

Alle drei wirken im Hintergrund, sind nicht spektakulär und werden oft übersehen, aber sie addieren sich. Wer dauerhaft zu viel Koffein konsumiert, in einem Boreout-Job arbeitet und eine Dysthymie hat, trägt drei Belastungen, die jede für sich erträglich wären, zusammen aber den Boden bilden, auf dem psychosomatische Symptome gut wachsen. Veränderst du an einem Punkt etwas, bringt das Bewegung ins System, veränderst du an allen etwas, kann das den Unterschied machen. Wichtig ist die Reihenfolge: nicht alles auf einmal. Such dir den Punkt, der dir am ehesten zugänglich ist, bei den meisten ist das Koffein, weil es eine konkrete, abgrenzbare Veränderung ist. Mach sie für vier Wochen, beobachte, was es tut, und entscheide dann über den nächsten Punkt. Wer alles auf einmal will, scheitert oft an seinen Ansprüchen, wer Schritt für Schritt geht, kommt durch.

Auch Schlafmangel, fehlende Bewegung, problematische Ernährung und ungelöste Beziehungskonflikte können im Hintergrund wirken. Wer seine Symptome verstehen will, sollte einmal eine ehrliche, systematische Bestandsaufnahme aller Hintergrundfaktoren machen. Was du dann findest, gibt dir Material für die nächsten Monate.

Dieses Kapitel stammt aus meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen". Das ganze Konzept findest du hier:

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Du vermutest hinter deinen Symptomen solche Hintergrundfaktoren und möchtest sie systematisch angehen? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

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