Warum der Arzt nichts findet, und das Symptom trotzdem echt ist

Ein Satz, den wir sehr häufig hören, ist: Mir geht es so schlecht, das kann doch nicht nur von der Psyche kommen. Hier lohnt es sich, nicht sofort die Diagnostik anzuhängen, sondern diese Aussage zuerst zu hinterfragen. Und man kann sagen: Es stimmt, in der Regel ist es organisch.

Organisch heißt nicht krankhaft

Organisch als Grundlage einer Symptomatik bedeutet nicht krankhaft und auch kein negatives Schicksal. Die Beschwerden sind meist diffus: ein Unwohlsein, ein Drücken irgendwo, etwas, das man nicht klar eingrenzen kann. Dann gehen die Gedanken los. Wir gehen ja meist nicht zum Arzt, weil uns die Symptome dorthin treiben, sondern weil die Gedanken uns treiben: Was ist, wenn es schlimmer wird, was, wenn da eine Krankheit ist? Dann googelt man, um sich zu entlasten, und findet Symptome, die auch noch passen, und ist wieder in der Kiste drin. Genau das ist die Szenarien-Ecke: Unser Kopf denkt gern in Szenarien.

Dieser Hintergrund einer Befürchtung ist im Prinzip immer der gleiche. Unser Kopf spielt unser subjektives Erleben, unsere Erfahrungen und Gedanken, noch einmal gefährlich auf die eigene Situation durch, um sich damit zu konfrontieren. Das ist der evolutionsbiologische Basismechanismus, der unseren Vorfahren das Überleben gesichert hat. Dieser Gedankengang ist vollkommen normal, auch wenn wir ihn teils krankmachend erleben.

Wie Stress körperliche Symptome erzeugt

Ein Beispiel ist das Thema psychische Stressfaktoren und Verdauungsbeschwerden. Ständige Belastung auf gedanklicher Ebene geht oft mit der Ausschüttung von Stresshormonen einher, die mit der Zeit eine Empfindlichkeit des Magens erzeugen, Magendrücken, Unwohlsein, Übelkeit. Da würde man sagen, das ist durch die Psyche angestoßen. Aber es ist nicht so, dass du dir diese Symptome dahin denkst oder dein Kopf sie sich ausdenkt und sie gar nicht nachweisbar wären. Es sind körperlich messbare Symptome.

Das Peak-Modell und der Arztbesuch

Der typische Patient bemerkt eine Abnormalität, etwas, das anders ist als sonst, und ist unsicher, ob es immer da war oder neu ist. Er geht zum Hausarzt, der oft eine Krankmeldung oder eine Überweisung schreibt. Man kann sich das als einen Peak vorstellen, eine Spitze, die das Spektrum des Normalen verlässt und eine Auffälligkeit beschreibt. Der Arzt sieht diesen Peak und überweist zum Facharzt, MRT, EEG, Ultraschall. Und für die meisten kommt dabei heraus: alles in Ordnung, keine behandelbare Krankheit, Sie sind gesund.

Zwei Denkfehler

Denkfehler Nummer eins: „Gesund" heißt nicht, dass es dir gut geht. Der Arzt ist nicht dafür da, dass du dich wohlfühlst, sondern dafür, behandelbare Krankheiten früh zu erkennen und Therapieoptionen vorzuschlagen. Denkfehler Nummer zwei: Gesundheit und Unwohlsein gehören zusammen, du kannst dich wirklich unwohl fühlen und trotzdem gesund sein. Wichtig ist: Der Arzt hat den Peak, den du erlebt hast, durchaus gesehen, aber festgestellt, dass er nicht auf einer organischen Krankheit beruht. Das heißt nicht, dass der Peak nicht existent war, sondern nur, dass er keine organische Ursache hat. Es geht also darum, die tatsächliche Ursache des Peaks zu finden.

Warum der Kopf den Peak erzeugt

Diese Peaks bauen meist nicht darauf auf, dass eine Krankheit das Symptom macht, sondern darauf, dass der Kopf innerhalb dieser Nische ein Übertreiben, einen Overdrive erzeugt, und das macht er von allein. Hintergründe gibt es viele: Du bist auf das Thema sensibilisiert und getriggert, weil es seit Längerem ein Thema ist, es ist etwas Neues dazugekommen, oder jemand hat etwas Beunruhigendes gesagt. Vor allem aber wirkt die Stimulierung über Szenarien: Der Kopf nimmt Erlebtes, konstruiert daraus eine gefährliche Situation, bezieht sie auf deine Person und erlebt das Ganze als Challenge.

Das ist quasi ein autonomes Aufputschen, eine autonome Selbst-Extremisierung: Du erlebst etwas, der Kopf macht ein Szenario daraus, du erlebst eine negative emotionale Beeinflussung, und der Kopf nimmt das Erlebte wieder auf und macht es noch gefährlicher. So kann sich der Kopf, wenn wir den Kreislauf nicht unterbrechen, auf ein Thema versteifen und sich innerhalb der Nische immer weiter nach oben entwickeln, so entstehen diese Peaks.

Was du daraus mitnehmen darfst

Es macht Sinn, neu auftretende Symptome ärztlich abklären zu lassen. Und es macht Sinn, dich zugleich mehr und mehr darauf zu trainieren, Symptome auszuhalten und zu schauen, ob dein Kopf den Peak verursacht oder du tatsächlich etwas Organisches hast (dazu gibt es ein eigenes Video zur Frage, ob man jedes Symptom sofort abklären sollte). Wenn kein organischer Befund da ist, heißt das nicht automatisch „rein psychisch": Du hast körperlich wahrnehmbare, messbare Symptome, für die sich oft keine organische Ursache findet. Und diese Ursache kann immer wieder sein, dass der Peak nicht durch den Körper kommt, sondern durch den Automatismus in Form der Szenarien.

Wie du den Kreislauf aus Szenarien und sich aufschaukelnden Symptomen unterbrichst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

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Warum Symptome nach der Therapie bleiben, und was wirklich hilft