Warum dein Geduldsfaden immer kürzer wird, und was hilft

Ich hatte vor einigen Wochen eine Sitzung mit einem Klienten, den ich schon länger kenne. Er kam angespannt und nicht gut gelaunt in die Praxis, das ist erst mal nichts Ungewöhnliches. Diesmal eskalierte es aber ein Stück weit: Er war abweisend, stichelte, ging frontal in den Angriff und teilte heftig aus. Wenn jemand so gereizt ist, kann man in der Sitzung wenig ausrichten. Aus 15 Jahren Notfallrettung habe ich Deeskalation gelernt, also habe ich ihn erst mal eine rauchen geschickt, angeboten, früher Schluss zu machen, und vorgeschlagen, im Verlauf der Woche zu schauen, damit etwas Energie herauskommt. Auf meine Beobachtung „ich erlebe Sie gerade angespannt" sagte er: Ich bin nicht angespannt. Die Situation kennt jeder.

Die enge Bandbreite bis zur roten Linie

Eine Woche später sprachen wir auf der Metaebene darüber. Er versichert glaubhaft, es gehe ihm gut, und grundsätzlich stimmt das auch. Nur ist bei ihm die Distanz zwischen „es geht mir gut" und „es geht mir gar nicht gut" sehr klein, eine enge Bandbreite bis zur roten Linie, der persönlichen Konfrontationsgrenze. Er ist also, selbst wenn es ihm noch gut geht, relativ schnell im roten Bereich.

Das ist ein häufiges Phänomen. Die entscheidende Frage ist dabei nicht in erster Linie, wie man in der Eskalation wieder herauskommt, sondern welche Prozesse überhaupt dafür sorgen, dass jemand so nah an der Grenze steht. Bei ihm sind es verschiedene Stressoren: eine schwierige Herkunftsfamiliengeschichte, vergangene Beziehungen, Fragen der eigenen Identität, dazu die aktuelle Lockdown- und Studiensituation. All das kumuliert sich.

Nicht das Größte, sondern das Zugänglichste

Als Therapeut nehme ich mir jetzt weder den Fall vor, der zufällig zuerst kommt, noch zwingend den mit der größten Problematik. Ich gehe ins Bild und überlege, wo die größte Zugänglichkeit ist. Beim tief sitzenden Familienkonflikt oder bei sehr persönlichen Themen eher nicht, aber vielleicht bei der Frage: Wie läuft es gerade mit der nächsten Prüfung? Können wir dort mehr Funktionalität und Greifbarkeit ins Lernen bringen, vielleicht auch mal die Studentenbude aufräumen?

Die Idee dahinter: Wenn wir auch nur einen kleinen Pfeil aus dem Gesamtmodell herausnehmen, sinkt trotzdem schon die allgemeine Kurve. Das dürfen wir auch für uns selbst reflektieren. Auch wenn es mir gut geht und auch wenn es mir schlecht geht, habe ich manchmal einfach zu viele Stressoren mit im Gepäck, die mich immer wieder an die Eskalationsgrenze bringen. Der Geduldsfaden wird zunehmend kürzer. Oft ziehe ich ungelöste Probleme hinter mir her, die in meinem Leben einen Reibungswiderstand erzeugen, und daraus können, wie ich im Schwindel-Video zeige, auch körperliche Symptome auf dieser problemorientierten Basis entstehen.

Um wieder mehr Ruhe hineinzubringen, muss ich also nicht das Größte rauspicken oder das, was als Erstes auftaucht. Es ist schon hilfreich, mir das herauszupicken, wo ich zumindest rankomme und ein gewisses Maß an Effektivität habe.

Wie sich Stressoren aufsummieren, den Geduldsfaden verkürzen und auch körperliche Symptome mitverursachen, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du bist ständig nah an der Reizschwelle und möchtest die Stressoren dahinter angehen? Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

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