Fang an, mit dir selbst zu sprechen: von der Inkompetenz zur bewussten Kompetenz
Unser Gehirn hat im Prinzip nur zwei Kernaufgaben: Dingen Bedeutung zuzuschreiben und zu lernen. Gerade beim Lernen steckt eine wichtige Erkenntnis, die ich in therapeutischen Prozessen immer wieder nutze. Ein Problem, das ein Mensch wahrnimmt, liegt oft gar nicht auf der Ebene, wo er es vermutet. Die Frage „Warum habe ich das Problem?" ist meist weniger interessant als „Wie gehe ich damit um?".
Der aktiv geprägte Dialog mit dir selbst
Ein Teil davon ist der Blick darauf, wie ich mit mir selbst umgehe. Erlebe ich etwas, das mich stört, und kritisiere mich sofort dafür, ist das eine auditive Ebene, die ein negatives Gefühl auf der Selbstwertebene auslöst. Ein Modell dagegen ist ein aktiv geprägter Dialog mit sich selbst, wir fangen an, mit uns zu sprechen. Ein möglicher Inhalt ist ein Akzeptanzmodell: bestimmte Dinge, die ich bei mir erlebe oder als negativ interpretiere, erst einmal bewusst zu akzeptieren, um eine Basis zum Weiterarbeiten zu haben.
Die vier Lernschritte
Was hat das mit den Kernaufgaben des Gehirns zu tun? Bei sich wiederholenden Mustern durchwandert unser Gehirn im Zusammenspiel von Bewusstsein und Unterbewusstsein vier Stufen. Als Kind wusstest du nicht einmal, dass du nicht Fahrrad fahren kannst, das ist die unbewusste Inkompetenz. Dann setzt du dich drauf und merkst, dass du es nicht kannst, die bewusste Inkompetenz. Mit Übung baust du Kompetenz auf und kommst in die bewusste Kompetenz, du kannst es, musst aber mitdenken. Und schließlich in die unbewusste Kompetenz, du fährst, ohne nachzudenken. Dorthin will das Gehirn immer, weil es dort am wenigsten Energie verbraucht, und unser Gehirn ist der größte Energiefresser.
Je häufiger wir dem Gehirn ein neues, bewusst gewähltes Muster anbieten, desto eher überträgt es diese Struktur ins Unterbewusstsein. Das kennt man auch vom luziden Träumen: Ich frage mich zehn-, zwanzigmal am Tag „Träume ich gerade, oder bin ich wach?" und beantworte es, etwa indem ich an der Ampel kurz hochhüpfe und normal wieder herunterkomme, dann weiß ich, ich bin wach, im Traum würde ich langsam heruntergleiten.
Warum der Selbstdialog bewusste Kompetenz bleiben soll
An einer Stelle müssen wir aber abtrennen: Den bewussten Umgang mit unseren Gedanken wollen wir gerade nicht in die unbewusste Kompetenz, in den Autopilot, mitnehmen. Denn eines meiner grundlegenden Modelle besagt, dass Gefühle ein Feedback auf Gedanken sind, auf das, was ich vor dem inneren Auge sehe, was ich zu mir spreche und wie ich mich zu meinen Gefühlen und Zielen verhalte. Da ein Gefühl darauf beruht, was ich gedacht habe, und ich manchmal unbewusst gar nicht mitbekomme, was ich gedacht habe, grenze ich die unbewusste Kompetenz hier bewusst aus.
Übertragen heißt das: Als Kind waren wir in der unbewussten Inkompetenz, wir hörten uns nicht einmal richtig reden als Denkprozess. Wer das noch nicht kennt, weiß gar nicht, dass er seine innere Stimme noch nicht verändert. Was ein Klient lernen soll, ist, sich anzufangen zu hören, das ist die bewusste Inkompetenz: Ich merke, dass ich es noch nicht kann. Wir dürfen lernen zuzuhören, auch uns selbst zuzuhören. Und einer der wichtigsten Punkte ist dann die bewusste Kompetenz: Ich fange an, bewusst mit mir zu sprechen. Genau da beginnen wir, Kontrolle zu erlangen. Kurzum: Denk doch, was du willst.
Wie du deinen inneren Dialog bewusst steuerst und deine Muster umtrainierst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
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