Warum das Umkonditionieren nach einem belastenden Ereignis so lange dauert
Vielleicht kennst Du das: Ein Ereignis hat Dein Leben verändert. Vielleicht war es ein einzelner, sehr belastender Moment, vielleicht auch eine langsam anwachsende Belastung, die irgendwann zur Eskalation geführt hat. Seitdem sind Panik, Angst oder andere Symptome Dein täglicher Begleiter. Und Du fragst Dich: Warum dauert das Umtrainieren eigentlich so lange? Warum bekomme ich das nicht schneller in den Griff?
Ein Zuschauer hat mir genau diese Frage unter dem Hörbuchvideo zu „Schluss mit Panik" gestellt. Ich möchte Dir in diesem Beitrag mehrere Perspektiven anbieten, warum dieser Prozess Zeit braucht und was Du selbst zur Beschleunigung beitragen kannst, ohne Dich dabei unter Druck zu setzen.
Deine Symptome sind kein Fehler, sondern eine Antwort
Der erste und wichtigste Punkt: Deine Symptome sind keine Störung des Systems. Sie sind auch kein Einbruch der Ordnung, kein Zeichen, dass etwas mit Dir nicht stimmt. Sie sind die Antwort Deines Systems auf das, was Du erlebst.
Unser Kopf und unser Körper versuchen immer, auf alles eine Antwort zu geben. Und wenn wir Symptome erleben, dann hat unser System bereits geantwortet. Wir müssen nur schauen, worauf. Das ist der erste Schritt der Differenzierung.
Es kann sein, dass ein Unfall, ein Todesfall oder ein einschneidendes Ereignis Dein System aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Es kann aber auch sein, dass etwas Anderes im Hintergrund läuft: der belastende Job, die pflegebedürftige Mutter, die schwierige Partnerschaft, finanzielle Sorgen. Etwas, das lange still rumort, ohne dass Du es akut als Belastung empfindest. Und irgendwann läuft das Fass über. Da braucht es dann oft nur noch eine kleine Eskalation, und die ganze Situation kippt.
Beide Verläufe sehe ich in meiner Arbeit jeden Tag. Der langsame Aufbau und der plötzliche Einschlag.
Warum die Umkonditionierung in beiden Fällen ähnlich lange dauert
Hier kommt ein Punkt, der viele Menschen überrascht: Egal ob Deine Belastung durch ein einmaliges Ereignis oder durch eine jahrelange Entwicklung entstanden ist, die Umkonditionierung dauert wahrscheinlich in beiden Fällen ähnlich lang.
Der Grund: Unser Kopf reagiert nicht auf die letzten Jahre oder Jahrzehnte, auch wenn Du so lange schon Symptome hast. Unser System bewertet, pauschal gesagt, die letzten drei Monate. Nicht die letzten drei Jahre, sondern die letzten drei Monate. Grob gesprochen.
Das heißt: Wenn wir eine kognitive Restrukturierung angehen, dann interessiert unseren Kopf weniger die Länge des ursprünglichen Ereignisses als vielmehr die Wiederholung der neuen Muster. Nicht wie lange brauchst Du für eine Veränderung, sondern wie oft schaffst Du es, Dinge zu verändern.
Das ist eine gute Nachricht. Denn es bedeutet: Auch wenn Du seit Jahren Symptome hast, arbeitet Dein System hauptsächlich mit dem, was Du ihm in den letzten Monaten anbietest. Und darauf kannst Du aktiv Einfluss nehmen.
Was Du selbst tust: Chronifizierung durch die eigene Bewertung
Der zweite entscheidende Aspekt ist ein sehr ehrlicher: Sehr viele Menschen, die mit Symptomen zu tun haben, machen Dinge, die die Konditionierung nicht verändern, sondern verstärken. Sie sind eher in einem Kontext der Chronifizierung unterwegs.
Was chronifiziert? Vor allem sprachliche Muster und Bewertungen. Ich verstehe, dass Symptome frustrieren. Ich verstehe, dass Leidensdruck nervt. Aber wenn Du zu dieser Grundbelastung noch die Bewertung Deines eigenen Kopfes packst „wann hört der Scheiß endlich auf", dann wird die Situation nicht besser. Sie chronifiziert. Sie wird im Zweifel sogar schlimmer.
Deshalb die dritte Perspektive und die eigentliche Rückfrage an den Zuschauer: Bist Du wirklich in der Umstrukturierung, und es dauert nur lange? Oder bist Du an einigen Punkten selbst dabei, dazu beizutragen, dass es nicht vorwärts geht?
Wenn „schwer" eigentlich „gar nicht" bedeutet
Ein vierter Punkt, den ich in Sitzungen oft beobachte: Wenn mir jemand gegenüber sitzt und sagt: „Es war schwer, an dem Punkt weiterzukommen", dann meint er meistens nicht wirklich, dass es schwer war. Denn schwer bedeutet: erhöhter Energieaufwand, aber messbarer Fortschritt.
Wenn jemand sagt „mir fällt es sehr, sehr schwer, meine Symptome in den Griff zu bekommen", dann ist da die unterschwellige Suggestion drin, es finde etwas statt, was man mit „Symptome in den Griff bekommen" gleichsetzen kann. Die Realität sieht aber oft anders aus. „Schwer" bedeutet in der Praxis häufig: „Ich war unsicher, wollte nichts falsch machen, habe es lieber erstmal bleiben lassen." Oder: „Ich habe die Symptome gar nicht in den Griff bekommen, sondern eigentlich gar keine Gegenargumente, Antworten, Unterbrechungen oder Interaktionen mit meinen Gedanken auf den Weg gebracht."
Das ist wichtig zu verstehen, wenn Du Dir die Frage stellst, warum das Umtrainieren so lange dauert. Vielleicht dauert es auch, weil Du noch nicht angefangen hast, die richtigen Dinge zu machen. Oder die richtigen Dinge nicht in der richtigen Art. Oder nicht oft genug wiederholt.
Die tieferliegende Frage: Deine Vorgeschichte und Vulnerabilität
Wenn jemand durch ein einmaliges Ereignis so stark aus der Bahn geworfen wird, steht auch die Frage im Raum: Wo kommt dieser Mensch her? Was ist die Vorgeschichte? Wie waren die letzten zehn, zwanzig Jahre? Wie sind die Kompetenzen ausgestaltet, mit Befürchtungen und Unzufriedenheiten umzugehen, sich den eigenen Ideen, Wünschen und Bedürfnissen zuzuwenden?
Ja, es gibt krasse Sachen im Leben, die uns mit einem einmaligen Impact regelrecht umhauen können. Aber wir sind mal mehr, mal weniger vulnerabel dafür. Deshalb reicht es meistens nicht, nur an dem einen Trauma oder an der einen Kognitionsveränderung zu arbeiten. Du darfst den Beobachtungsradius erweitern.
Leben und Symptome gehen Hand in Hand
Ein Punkt, den ich abschließend einwerfen möchte: In fast 100 Prozent der Fälle sehe ich, dass Leben und Symptome eines Menschen Hand in Hand gehen. Wenn jemand mir erzählt: „Mein Nachbar hat mich genervt, und jetzt habe ich ein Ohrgeräusch", dann weiß ich relativ schnell: Die Wohnsituation ist ein größeres Problem als der Tinnitus. Die Lebenshintergründe sind wichtiger als die Frage, wie man ein paar Affirmationen trainiert, um den Tinnitus anders wahrzunehmen.
Ich kann Dir von außen nicht sagen, was in Deinem Leben genau zu Deiner Symptomatik beiträgt. Aber ich kann Dir mit auf den Weg geben: Wenn Du anfängst, einige wenige Basics wirklich einzubauen, dann werden sich Dinge für Dich verändern. Zu diesen Basics gehört vor allem der Umgang mit Befürchtungen, mit Unzufriedenheiten und mit Deinen Ideen, Wünschen und Bedürfnissen.
Fazit
Umkonditionieren dauert nicht deshalb lange, weil Dein System kaputt wäre. Es dauert, weil Wiederholung wichtiger ist als Länge, weil viele Menschen unbewusst mit ihrer eigenen Bewertung zur Chronifizierung beitragen, und weil das Wort „schwer" oft für „gar nicht wirklich getan" steht. Und selbst wenn Du hart daran arbeitest, ist der Beobachtungsradius meistens zu klein: Symptome sind eine Antwort Deines Systems auf Dein Leben. Nicht nur auf das eine Trauma, nicht nur auf die eine Kognition.
Der Weg heraus führt über die Frage: Was macht mein System eigentlich mit dem, was ich ihm täglich anbiete? Und darauf hast Du mehr Einfluss, als Du im ersten Moment denken magst.
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