Extrasystolen, Derealisation und die paradoxe Intervention: Antworten auf Eure Kommentare

In dieser Folge meiner Kommentare-Reihe gehe ich fünf Beiträge durch, die sehr unterschiedliche Fragestellungen aufgreifen, aber alle einen Kern berühren: Wie gehe ich mit hartnäckigen Symptomen um, wenn einfache Ratschläge nicht greifen? Es geht um Nährstoffempfehlungen bei Extrasystolen, um Magenschmerzen bei Dauerstress, um Kribbeln im Fuß und Angst vor einer chronischen Diagnose, um Derealisation, die 24/7 präsent ist, und schließlich um die spannende Frage: Was, wenn wir uns bewusst überlegen, wie wir uns absichtlich in etwas reinsteigern würden?

Extrasystolen und die Frage nach Kalzium, Magnesium und Kalium

Ein Zuschauer schreibt: „Mir hat der Notarzt Magnesium empfohlen. Muskel, Herz ist auch ein Muskel, und ich sage auch Kalzium, auch Muskelgruppen. Effekt im Verhältnis 2:1, also zwei Teile Kalzium zu einem Teil Magnesium. Und Kalium in Form von Bananen, nicht einfach so nehmen."

Solche Empfehlungen sind oft interessante Ansatzpunkte. Wenn es um Extrasystolen geht, ist der erste Schritt aber die diagnostische Sicherheit. Ab zum Arzt, der sich das Ganze einmal anschaut. Wenn die Extrasystolen nicht aus einem krankhaften Hintergrund entstehen, was in aller Regel der Fall ist, kann man das Spektrum antesten. Was hilft einem?

Was ich hier aber ausdrücklich mit ansprechen möchte: Wir bewegen uns im Bereich der Nährstoffempfehlungen in einem sehr breiten Spektrum, in dem auch schnell Verunsicherung entstehen kann. Als Betroffener musst Du für Dich genau schauen, was Du ausprobieren möchtest, was zu Dir passt und ob Du in der Lage bist, das selbst gut einzuschätzen.

Ein weiterer Punkt zur Einordnung: Viele Menschen haben eine Motivation, anderen Hilfestellungen zu geben, weil sie selbst betroffen waren und ihnen etwas geholfen hat. Auf Social Media haben wir mittlerweile nicht nur Fitfluencer, sondern auch sogenannte Sickfluencer. Menschen, die sagen: „Ich hatte Panikattacken, und in diesem Kanal zeige ich dir, was mir geholfen hat." Da darf man vorsichtig sein. Ein Erfahrungsbericht suggeriert oft eine allgemeine Hilfestellung, ist aber ehrlicherweise erstmal nur eine persönliche Beobachtung, die sich verändert hat.

Meine Empfehlung: Solche Impulse aus Internet und Social Media nicht direkt kritisch abtun, aber auch nicht zu schnell zu nah an sich heranlassen. Eine solide Basis für die eigene Strategieentwicklung ist wichtiger als der schnelle Tipp.

Nisa: Magenschmerzen und die Angst vor Herzproblemen

Nisa schreibt: „Sind Magenschmerzen auch normal mit dem Video ‚Raus aus dem Dauerstress'? Ich mache mir immer direkt Sorgen und denke, dass es mit dem Herzen zu tun hat."

Zwei interessante Aspekte kommen hier zusammen. Die inhaltliche Frage: Können Magenschmerzen bei Dauerstress normal sein? Ja, definitiv. Der gängigste Weg ist die vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen. Diese führt zu Pulssteigerung, Blutdruckstabilisierung und dazu, dass an der Magenwand mehr Magensäure ausgeschüttet wird. Das kann die Magenwand reizen, den pH-Wert im Verdauungsbereich verändern und zu Beschwerden wie Verdauungsstörungen oder auch dem Roemheldsyndrom führen. Unangenehm, aber ungefährlich.

Der zweite Aspekt ist aber der wirklich interessante: „Ich mache mir immer sofort Sorgen, es könnte was mit dem Herzen zu tun haben." Das ist der klassische hypochondrische Denkweg. Wenn ich Dir jetzt einfach sage: „Magenschmerzen sind normal", dann bekommst Du an diesem Punkt kurzfristig eine Entlastung. Aber das Modell der hypochondrischen Ängste löst das nicht wirklich auf. Denn dort besteht ein Hyperfokus auf die Bewertung von in der Regel banalen und ungefährlichen körperlichen Prozessen. Die einzelne Erklärung räumt die zugrunde liegende Denkstruktur nicht aus.

Deshalb: Wenn ich Dir sage, warum Magenschmerzen normal sind, dann darfst Du diese Erklärung immer wieder auf Deiner eigenen Erfahrungsebene aktiv als Antwort laufen lassen, damit Du auf lange Sicht in diesem Automatismus „ich habe sofort Angst, es könnte was mit dem Herzen sein" Unterbrecher setzen kannst. Das ist der eigentliche Trainingspunkt.

Zorni: Kribbeln im Fuß und Angst vor einer schlimmen Diagnose

Zorni schreibt: „Ich habe weniger Angst, sterbenskrank zu sein, sondern bewerte Körpersymptome total über und habe Angst, dass diese sich verschlimmern. Zum Beispiel ein Kribbeln im Fuß, wenn ich stehe. Und ich habe Angst vor einer schlimmen Diagnose, dass man nichts machen kann und damit leben muss. Was kann ich tun?"

Eine solche Frage betrifft ein komplexes Modell von Psyche, Menschsein, Leid und Freude. Ich möchte da keinen schnellen Tipp geben, weil eine so hineingesteigerte Symptomatik das Ergebnis einer längeren Vorgeschichte, einer umfangreichen Konditionierung ist.

Das Bild, das mir hier gut hilft, ist der Eisberg. Du erlebst zwar die Spitze über der Wasseroberfläche, aber der Eisberg hat unter Wasser ein viel größeres Volumen. Und ohne dieses Volumen unter der Wasseroberfläche gibt es die Spitze über der Oberfläche nicht. Das, woran Du Dein Problem feststellst, ist nur die Spitze. Das, was das Problem miterzeugt, ist für Dich vielleicht gar nicht sichtbar, sollte aber unbedingt mit in Augenschein genommen werden.

Die Fragen dazu: Wo bist Du mit Deiner Aufmerksamkeit jeden Tag? Wie oft und wie intensiv? Wie agierst Du mit Deinen Befürchtungen, Unzufriedenheiten, aber auch Ideen, Wünschen und Bedürfnissen? Hier ist ein Einstieg über das allerwichtigste Video, die ultimativen Grundlagen und die Bücher „Schluss mit Panik" und „Schluss mit Symptomen" wichtig. Das schafft ein Basisverständnis, das Du dringend brauchst, um mit einem Kribbeln im Fuß nicht sofort in die Diagnoseangst zu rutschen.

Wenn Derealisation 24/7 da ist

Ein weiterer Zuschauer schreibt: „Bei mir ist die Derealisation aktuell 24/7 da, und ich weiß nicht genau, was ich tun kann. Ich bin mir auch bewusst, dass ich die ganze Zeit an sie denke, aber ich kann es irgendwie nicht abschalten, und akzeptieren fällt mir auch sehr schwer."

Hier möchte ich zwei Impulse geben.

Erstens: Wenn ein Symptom 24/7 präsent scheint, erleben viele Betroffene die Interpretation, es müsse dann ja körperlich sein. Sonst wäre es ja nicht die ganze Zeit da. Der Punkt ist aber: Während Du diesen Beitrag liest, siehst Du eigentlich die ganze Zeit auch Deine eigene Nase. Du spürst Deine Füße. Vielleicht ein leichtes Kribbeln im Knie. All diese Dinge sind da. Du nimmst sie aber nur wahr, wenn Du bewusst hinschaust. In unserem Fokus der Aufmerksamkeit ist nur wenig Raum. Wenn also jemand sagt „es ist die ganze Zeit da, also muss es organisch sein", dann lautet die Herleitung eher: „Du hast Dir gerade bewiesen, dass es ein Aufmerksamkeitsthema ist und kein organisches Thema, weil auch viele organische Dinge die ganze Zeit da sind und Du sie trotzdem nicht spürst." Derealisation, die 24/7 da ist, ist vor allem ein Aufmerksamkeitsproblem und kein körperliches Problem im vorderen Sinne.

Zweitens: „Nicht an sie zu denken" und „abschalten" und „akzeptieren" sind große Begriffe. Wir Menschen sind nicht gut darin, etwas sein zu lassen oder etwas nicht zu machen. Akzeptanz bedeutet nicht: „Ich finde das jetzt gut" oder „ich komme in ein Gefühl, wie sich das für mich anfühlt". Akzeptanz bedeutet, bewusst mit Affirmationen zu arbeiten, die eine Umbewertung erschaffen, die das Ganze in ein anderes Licht rücken.

Das ist keine bloße Begriffsdefinition, sondern eine konkrete Anleitung, die in meinem Video „Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass das normal sein soll" ausführlich beschrieben wird. Nur weil jemand sagt „ich versuche Akzeptanz, aber es geht nicht", heißt es noch nicht, dass die richtigen Werkzeuge in der richtigen Art und Weise, der richtigen Dauer und der richtigen Häufigkeit angewendet wurden. Und daneben gilt: Es gibt eine Vorgeschichte. Wo kommst Du gerade her? Wie kommt es, dass Du in diesem Hyperfokus unterwegs bist? Gibt es Dinge in Deinem Leben, die gerade mit Unzufriedenheit verbunden sind? Machst Du Dinge, die Du eigentlich nicht machen möchtest?

Michael: Ein Video zum Reinsteigern und die paradoxe Intervention

Michael schreibt: „Könntest Du ein Video zum Reinsteigern machen? Wäre gut."

Was Michael meint, ist natürlich ein Video, wie er das Reinsteigern verhindern kann. Aber ich möchte den Satz zunächst genau so aufgreifen, wie er da steht: „Könntest Du ein Video zum Reinsteigern machen?" Denn der Hintergrund ist spannend.

In der Systemischen Therapie sprechen wir von der paradoxen Intervention oder auch von einer Inversion. Wir zeigen bewusst den unintuitiven Weg. Wir geben eine Anleitung zum Scheitern. Und das macht Sinn, weil wir dann auch wissen, was wir verhindern müssen. Wir wissen, wo wir aufpassen müssen.

Denn viele Menschen haben das Gefühl: „Der Lukas Rick gibt mir gerade einen Lösungsansatz, und wenn ich den jetzt verkacke, dann habe ich ein Problem." Das führt zu Verunsicherung. Und Verunsicherung führt oft dazu, dass die Leute lieber gar nichts machen, um es nicht falsch zu machen.

Das Bild dazu ist wichtig: Es gibt nicht ein Richtig und viel Falsch. Es ist genau umgekehrt. Es gibt in der Regel viel Richtig und nur ein Falsch. Das eine Falsch ist: „Ich lasse den Automatismus wie bisher auch einfach laufen." Es ist theoretisch schon richtig, wenn es Dir schlecht geht und Du klopfst Dir das Handy gegen den Kopf, weil das zumindest nicht das eine Falsch ist, nämlich den Automatismus weiterlaufen zu lassen. Es gibt natürlich bessere Varianten. Aber der Punkt bleibt: Fast alles ist besser als der reine Automatismus.

Wenn ich Dich jetzt frage: „Was müssten wir tun, um uns absichtlich in etwas reinzusteigern?", dann lautet die Antwort: den Automatismus im Kopf sehr stark dominieren lassen. Bloß nicht regulieren, korrigieren, eingreifen. Und ein weiterer Punkt wäre: sich an dem orientieren, was man glaubt, wie die meisten anderen Menschen funktionieren. „Die anderen sind alle glücklich und wissen, wo es hingehen soll. Nur ich kriege das nicht hin." Vertraue auf diese Gedanken, damit es in die Hose geht. Denn sie sind faktisch falsch. Die meisten Menschen sind nicht glücklich. Die meisten Menschen wissen genauso wenig wie Du, wo es hingehen soll. Nur unser Kopf gibt uns dieses Exklusivitätsgefühl, dass nur wir das nicht wüssten.

Wenn wir diese beiden Muster kennen, dann können wir das Reinsteigern auch grundsätzlich verhindern. Wir erschaffen eine Strategie, was wir eigentlich tun sollten, wenn wir uns mal wieder in etwas hineinsteigern. Und das bedeutet erst einmal zu verstehen, an welchen Punkten wir uns regelmäßig hineinsteigern. Wir sind wieder bei der Grundaufgabe: Kümmere Dich um Deine Befürchtungen, kümmere Dich um Deine Unzufriedenheiten.

Ein schönes Bild dazu: Straßenbau wird am besten betrieben, wenn wenig Verkehr ist. Du übst also, was Du in der akuten Situation tun würdest, in ruhigen Momenten, damit Du das Werkzeug trainiert hast. Wie ein Ass im Ärmel, das Du in der Problemsituation nach vorne zaubern kannst.

Fazit

Die fünf Themen dieser Folge zeigen, wie unterschiedlich Symptome und Ängste aussehen können, aber wie ähnlich die Grundmuster dahinter sind. Ob es um Nährstoffempfehlungen, Magenschmerzen, ein Kribbeln im Fuß, dauerhafte Derealisation oder das Reinsteigern in Gedanken geht: Immer geht es um Aufmerksamkeitsfokus, um die Ebene der Bewertung und um die Frage, wie ich mich aktiv aus dem Automatismus herausbewege.

Die paradoxe Intervention ist dabei ein besonders wertvolles Werkzeug. Denn wenn Du weißt, wie Du Dich bewusst reinsteigern würdest, weißt Du auch, wovon Du weggehen kannst. Und Du merkst: Es gibt viel Richtig und wenig Falsch. Fast jede Handlung, die den Automatismus unterbricht, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Das Buch zum Thema

In meinem Buch „Schluss mit Symptomen" findest Du das gesamte Wissen und die Werkzeuge, mit denen Du psychosomatische Symptome, Aufmerksamkeitsmuster und das eigene Reinsteigern in Gedanken wirklich einordnen und Deinen Umgang mit ihnen verändern kannst.

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Wenn Du merkst, dass Du mit diesen Themen nicht allein weiterkommst und Dir professionelle Begleitung wünschst, buche gerne einen Termin für ein Erstgespräch.

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