Angst und Panik: Warum du arbeiten solltest, wenn es dir gut geht

Vor Kurzem hat ein Zuschauer einen Kommentar zu meinem Hörbuch „Schluss mit Panik" hinterlassen, der einen Punkt trifft, den ich mit fast jedem Klienten bespreche. Sinngemäß schrieb er: Negative Gedanken bei Angst in positive umzuwandeln und sich von Symptomen wie Herzstolpern abzulenken, fällt ihm sehr schwer, weil die Symptome plötzlich auftauchen und anhalten. Er höre seit Jahren zu tief in sich hinein und verstärke die Symptome dadurch, es seien sogar neue dazugekommen. Und er möchte da sehr gerne herauskommen.

Warum ist das so ein wertvoller Kommentar? Weil er ein Missverständnis berührt, das unglaublich verbreitet ist, und weil in seiner Auflösung ein echter Hebel steckt.

Straßen baut man am besten, wenn wenig Verkehr ist

Dazu eine Metapher, die einen Rahmen aufspannt: Straßenbau funktioniert am besten, wenn gerade wenig Verkehr herrscht. Du verstehst gleich, worauf ich hinaus will.

Wenn wir über Symptome sprechen, sprechen wir oft über die Momente, in denen die Symptome eine besondere Bedeutung bekommen. Diese Momente sind schmerzhaft. Schmerzhaft, weil wir dabei mitbekommen: Eigentlich hätte ich längst etwas tun müssen, aber jetzt ist das Problem da. Ich muss etwas verändern. Aber was? Ich komme nicht drauf, ich kriege es nicht hin, die Symptome übermannen mich.

Das ist ein bedeutender Punkt, denn Schmerz löst Motivation aus. Schmerz, im Sinne von Symptom, geht mit Energie einher. Wenn jemand plötzlich Symptome entwickelt, ist genau das häufig der Auslöser, um zu sagen: Ich brauche Hilfe, ich muss etwas ändern.

Das Problem ist nur: In dem Moment, in dem der Schmerz ein bisschen nachlässt, verschwindet diese Energie wieder. Sobald die Symptome leicht rückläufig sind, verliert man den Anschlusspunkt, überhaupt etwas zu verändern.

Die Frage, die fast jeder stellt, und die bessere Frage

„Was mache ich, wenn es mir schlecht geht?" Diese Frage stellt fast jeder. Aber genau in dem Moment mit Panik, Unruhe und vielleicht Beklommenheitszuständen, die man nicht ganz zuordnen kann, liegt in der Regel eine sehr nachvollziehbare Ursache zugrunde. Solche Zustände bauen fast immer auf einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen und/oder auf Konditionierung auf. Das heißt: Draußen oder in dir drin ist etwas passiert, das als Vorgeschichte diese Stressreaktion triggert, und damit rutschst du Richtung Panik.

Und das ist wichtig zu bedenken: Es gibt keine Panikstörung, an der man „erkrankt" und dann Panikattacken bekommt. Der Begriff Panikstörung ist nur die Überschrift, um diese Symptome zu beschreiben. Es gibt immer eine Vorgeschichte, und wir müssen auf die Suche gehen: Was hat in dieser Vorgeschichte dazu geführt, dass dein System mit Panik und Unruhe reagiert?

Warum dir im Akutmoment ausgerechnet die Ideen fehlen

Innerhalb dieser Dynamik steckt ein erheblicher Punkt: In genau diesen angespannten Momenten ist die Durchblutung im Gehirn oft leicht heruntergefahren. Das kreative, konzentrierte Denken ist dann nicht mehr so gut möglich. Ausgerechnet dann, wenn wir am stärksten spüren „Ich muss jetzt etwas tun, ich brauche eine Idee, ich muss kreativ werden", ist die Verarbeitungsleistung reduziert.

Das ist gleich doppelt ungünstig. Denn haben wir die Motivation, sind die Symptome irgendwann nicht mehr da, es tut nicht mehr weh, und die Motivation geht zurück. Und in den Momenten, in denen wir kognitiv wirklich etwas bewegen könnten, ist das Thema plötzlich nicht mehr präsent.

Der Denkfehler vom „Ass im Ärmel"

Wir alle hätten gerne das richtige Ass im Ärmel für den Moment, in dem es uns schlecht geht. Nur neigen wir nicht dazu, an diesem Ass zu arbeiten, wenn wir gerade die Möglichkeit dazu hätten.

Halten wir uns kurz an diesem Bild auf. Ein Ass bedeutet für viele auch eine Herausforderung: Ich brauche die beste Spielkarte, die eine Lösung, das, was mich wirklich rettet. Genau das macht das Thema unnötig kompliziert. Denn das Ass ist in den meisten Spielen gar nicht die beste Karte. Die Metapher soll auch nicht heißen: „Du brauchst ein Ass." Wenn du ein Ass aus dem Ärmel zaubern willst, musst du vorher ohnehin viel investieren.

Es geht auch nicht um die eine Spielkarte, die immer der Joker ist. Es geht darum: Du musst dich vorbereiten. Die eigentliche Frage lautet nicht „Was machst du, wenn es dir schlecht geht?", sondern „Was machst du, wenn es dir nicht so schlecht geht?" Fang an, dir Gedanken zu machen, solange es dir gerade nicht so schlecht geht, und arbeite an deiner Situation.

Du sollst dir also nicht ein Ass in den Ärmel stecken. Du sollst lernen, dir, um im Bild zu bleiben, ein ganzes Kartendeck vorzubereiten und im Ärmel zu positionieren.

Deine Datenautobahn baut sich bei wenig Verkehr am besten

Genau darum geht es, wenn du deine „Datenautobahn" umtrainieren willst, und zwar gleich zweifach: einmal die Autobahn, die schon über die rein gedankliche Nähe zum Symptom die Symptome triggert, und einmal die Autobahn deines Umgangs damit, dieses Muster aus Aktion, Reaktion und Emotion. Diese Wege wollen neu gebaut und neu strukturiert werden. Und Datenautobahnen baut man am besten neu, wenn gerade wenig Verkehr ist.

Ein Kommentar wie der oben zeigt ganz klassisch, was bei fast allen passiert: Wir arbeiten dann, wenn es machbar wäre, noch nicht oft genug am Thema, weil wir uns oft erst dann hinlenken lassen, wenn der Schmerz am größten ist.

Dein erster Schritt

Achte im Alltag einmal bewusst darauf, wie oft du mit Blick auf deine Symptome diesen Schubs bekommst: „Oh, jetzt müsste ich eigentlich etwas daran tun." Der erste Schritt ist nicht, sofort die perfekte Technik parat zu haben, sondern mehr Bewusstsein aufzubauen: Wie oft könnte ich eigentlich an meinem Thema arbeiten, obwohl mein Kopf mich in dem Moment gerade nicht daran erinnert?

Wenn du dir angewöhnst, gerade in den ruhigen Phasen ein kleines Stück an dir zu arbeiten, baust du dir Stück für Stück dein Kartendeck. Und das verändert langfristig mehr als jede Rettungsaktion im Akutmoment.

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Kommt meine Atemnot vom Magen? Was hinter subjektiver Luftnot steckt

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Warum das Umkonditionieren nach einem belastenden Ereignis so lange dauert