Vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer: Was bei Angstgedanken wirklich zählt

Ich gebe dir ein Beispiel, das vielleicht ein bisschen hart ist. Ich war vor einigen Wochen abends im Wald wandern, war spät dran und hatte an dem Tag wenig gegessen, dafür viel Holz gemacht und nachmittags ein alkoholfreies Bier getrunken. Schon beim Loswandern merkte ich, mir geht es gerade nicht gut, ich unterzuckere ein bisschen. Und dann dachte ich, das ist der perfekte Moment, mal ein Video von mir in diesem Zustand zu machen, um zu zeigen: Mir geht es genauso, das fühlt sich total unangenehm an.

Die Befürchtungsgedanken

Mir ging es wirklich nicht gut, und im Kopf kamen die Befürchtungsgedanken: Was wäre, wenn du hier stürzt und dich keiner findet? Das sind diese Szenarien, diese Szenarientätigkeit unseres Gehirns. Und jetzt die Frage: Muss ich das anders bewerten, neutraler, positiver?

Sagen wir, ich denke weiter: Was wäre, wenn ich umkippe, mir den Kopf am Stein aufschlage und niemand mich findet, es ist dunkel, nachts geht keiner in den Wald? Was, wenn es gar keine Unterzuckerung ist, sondern ein Schlaganfall? Würde mir das helfen? Ich denke schon, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen knüpfe ich nicht mehr an denselben Gedankengang wie vorher an, und vor allem habe ich selbst angefangen zu denken, ich habe in meinen Kopf eingegriffen und bin aktiv geworden.

Nicht der richtige Inhalt, sondern dass du selbst denkst

Wir hängen oft in der Frage, was muss ich denn denken, was ist richtig, muss es neutral sein, muss es bewusst positiv sein? Ich würde sagen, das ist es nicht, davon lassen wir uns zu sehr verwirren. Wir müssen es schaffen, selber zu denken. Was wir denken, dürfen wir uns auch fragen, aber zuerst muss ich mir für den kurzen Moment die Kontrolle zurückholen und den Automatismus unterbrechen. Ein Journal hilft dir nicht, weil du das Richtige aufschreibst, sondern weil du dein automatisches Denken für ein paar Minuten am Tag unterbrichst.

Natürlich macht es mehr Sinn, sich Sorgen zu machen, wenn ich umkippe und gleich von einer Horde Menschen gefunden werde, die zufällig durch den Wald läuft. Klar, es hilft auch, eine wohlgesonnenere Bewertung mitzunehmen oder sich auf unverfängliche Themen zu überleiten. Aber der Kern ist nicht der richtige Inhalt, sondern dass ich die Automatismen unterbreche. Genau das ist das Hilfreiche.

Festhalten dürfen wir: Betreib gerne weiter Journaling, aber betrachte es auch von dieser Seite. Es geht nicht so sehr darum, das Richtige aufzuschreiben, sondern Momente zu erleben, in denen du deinen eigenen Kopf benutzt und nicht nur besitzt. Es geht darum, vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer zu werden.

Wie du deinen Kopf bewusst benutzt und Automatismen unterbrichst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

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