Effektivität vor Effizienz: Warum 150 Prozent nichts bringen
Ich hatte kürzlich einen interessanten Fall in der Sitzung. Eine junge Frau kam angespannt und sauer von der Arbeit: Ihr Chef habe ihr eine Aufgabe gegeben, sie wollte sie am nächsten Morgen erledigen, und dann sah sie, dass er die Aufgabe schon selbst gemacht hatte. Damit hat er ihr eine Arbeitsgrundlage weggenommen. So etwas passiert öfter, mal gibt der Chef etwas vor und revidiert es eine Woche später wieder, und darüber wird sie regelrecht wütend. Wie wir das bearbeitet haben, möchte ich zeigen.
Hin-zu oder Weg-von
Wichtig im Kern: Wir kommen in der Regel aus zwei Gründen in Bewegung, weil wir Schmerzen vermeiden wollen (Weg-von) oder auf große, gute Ziele hinarbeiten (Hin-zu). Zuerst habe ich die Hin-zu-These geprüft: Vielleicht liebt sie diese Aufgaben so, dass sie fast eifersüchtig reagiert, wenn der Chef sie an sich zieht. Das hat sie bestätigt. Ich bin aber weitergegangen: Es ist ihr erster Job seit Langem, sie ist in der Probezeit und will vor allem vermeiden, gekündigt zu werden, ein Weg-von-Mechanismus. Also versucht sie, alles richtig zu machen.
Effizienz kommt nach Effektivität
Was sie beschreibt, fällt unter Effizienzsteigerung: Sie versucht, sich so zu präsentieren und die Aufgaben so zu machen, dass sie auf keinen Fall gekündigt wird. Zieht der Chef ihr die Aufgabe weg, wird ihr die Grundlage entzogen, sich zu bewähren, die Alarmglocken springen an. Aber: Effizienz heißt, die wichtigen Dinge richtig zu machen, und sie wusste gar nicht, welche die richtigen Dinge sind. Effizienz kann immer erst nach Effektivität kommen. Erst wenn ich die richtigen Dinge tue, kann ich sie auch richtig machen.
Perfektionismus und die 100-Prozent-Falle
Hier spielt Perfektionismus hinein. 100 Prozent zu geben, ist kein Problem. Aus der Notfallrettung kenne ich das: Liegt jemand im Kreislaufstillstand, gebe ich 100 Prozent nach Leitlinie, nicht 110 (keine Extra-Wellnessmassage) und nicht nur 90. Problematisch wird es, wenn Leute sagen, ich gebe 150 Prozent, und trotzdem kommt nichts. Fragt man, woraus die 50 Prozent mehr bestehen, heißt es, ich bleibe länger, als ich müsste. Der Grund: Wer 100 Prozent geben will, aber nicht weiß, wo die 100 Prozent erreicht sind, macht so viel wie möglich, um in die Nähe der gefühlten 100 Prozent zu kommen. Perfektionismus ist also keine Störung im Kopf, sondern fehlende Information, die man sich von außen holen kann.
Das Panoptikum
Das zeigt eine Idee nach dem britischen Philosophen Jeremy Bentham, das Panoptikum. Stell dir ein Gefängnis als Turm vor: außen die Zellen mit den Insassen, innen der Wärterturm. Von dort sieht man in jede Zelle, aus den Zellen aber nicht, ob man gerade beobachtet wird. Die Regel: Bei beobachtetem Fehlverhalten wird sofort geschossen. Wie überlebt der Insasse? Nur eine logische Antwort: Er muss 100 Prozent seiner Zeit 100 Prozent der Regeln einhalten. Dafür muss er aber genau wissen, was 100 Prozent der Regeln sind.
Genau das habe ich der Klientin geraten: Sie darf für sich zuerst eine Definitionsgröße finden, wann sie die Dinge richtig macht, sodass die Wahrscheinlichkeit steigt, über die Probezeit hinaus übernommen zu werden. Wie kann sie effektiv sein und sich Sicherheit aufbauen? Und erst in einem nächsten Schritt geht es darum, die Effizienz zu steigern.
Wie du erst die richtigen Dinge findest und dann Perfektionismus sinnvoll einsetzt, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
Du gibst ständig 150 Prozent und kommst trotzdem nicht weiter? Lass uns an Effektivität statt reiner Effizienz arbeiten. Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.