Viele Symptome und keine Heilung: „Psychotherapeuten hassen diesen Trick"?
Michael schreibt, er hat seit 2006 Schwankschwindel, wellenförmig, als würden sich für den Bruchteil einer Sekunde die Augen wegdrehen, dazu Missempfindungen in Form eines pelzigen Gefühls an Händen, Handrücken, im Gesicht, an den Wangen, am Kinn, zeitweilig ein Tinnitus. Seit 2006 eine wahre Heerschar an Ärzten abgeklappert, schnell die psychosomatische Diagnose, eine zweijährige Therapie war angenehm zum Aufarbeiten, brachte körperlich aber keine Besserung. Im Freien gefühlt besser, in Gebäuden verschlechtert sich der Schwankschwindel. Abfinden kann er sich nicht, die Frage: Was ist der Schlüssel zur Lösung, drückt irgendwo etwas auf ein Blutgefäß?
Zuerst abklären, dann erklären
Wichtig ist wie immer die fachärztliche Abklärung, bei dir nach 15 Jahren definitiv erfolgt. Man kann den Dingen eine Symbolcharakteristik geben (Schwindel: ich will Dinge nicht mehr in ihrer Stabilität ertragen; taube Zunge: ich will etwas nicht mehr aussprechen), und wenn dir das in der Situation hilft, knüpf daran an. Mir ist aber im medizinischen Kontext wichtig, die Symptome zu erklären.
Die Hyperventilations-Komponente
Bei Schwindel spielt häufig eine hyperventilatorische Komponente eine Rolle. Hyperventilation bedeutet, wir haben genug, sogar zu viel Sauerstoff, aber der CO2-Spiegel sinkt zu stark, das lässt sich über eine pH-Messung aus arteriellem oder venösem Blut bestimmen. Dieser Mechanismus kann auch einen Nystagmus auslösen, ein unwillkürliches Zittern oder Schlagen der Augen, das kurz oder über Minuten auftritt. Nicht der Augenschlag macht also den Schwindel, sondern dahinterliegende Prozesse wie die Hyperventilation provozieren beides. Unangenehm, aber ungefährlich, und wir haben die Freigabe, hier einzugreifen und umzutrainieren.
Die Missempfindungen
Beim pelzigen Gefühl prüft man rettungsdienstlich die DMS (Durchblutung, Motorik, Sensibilität), um zu sehen, ob ein Blutgefäß oder Nerv beteiligt ist. Kribbeln und Taubheit an den Händen kommen häufig aus den Arealen der Halswirbelsäule, jeder Hautbereich gehört zu einem Nervengebiet (Dermatom). Das könnte bei dir eine chronische Verspannung sein, Angst lässt uns oft die Schultern hochziehen, verspannte Muskulatur nimmt der Durchblutung etwas, das fühlt sich schnell unangenehm an, ist aber ungefährlich. Dass das pelzige Gefühl auch im Gesicht, am Kinn und an der Zunge auftritt, könnte theoretisch auf einen geärgerten Nerv hindeuten, spricht aber aus meiner Sicht eher für eine mit der Zeit trainierte Introspektionsfähigkeit: Je häufiger wir nach einem Symptom schauen, desto eher fühlen wir etwas. Das kenne ich von mir selbst, achte ich eine Woche bewusst auf etwas anderes, ist es weg. Je mehr du auf Suche programmiert bist, desto eher findest du etwas, das organisch gar nicht nachweisbar ist.
Warum kein Arzt für dein Wohlbefinden zuständig ist
Das Gesundheitssystem, gerade in Deutschland, aber weltweit, ist nicht darauf fokussiert, dass es dir gut geht. Medizin bedeutet: Du schilderst deine Probleme, der Arzt versucht frühestmöglich eine behandelbare Erkrankung zu erkennen, zu diagnostizieren und Therapiemöglichkeiten aufzuzeigen, dann schickt er dich nach Hause. Ein Beispiel: Ein Klient mit wiederkehrenden Verdauungsbeschwerden, Durchfall, Magenschmerzen, sollte beim Gastroenterologen eine Atemdiagnostik auf Helicobacter pylori machen, ein Bakterium, das solche Beschwerden macht und im Rahmen der Triple-Therapie mit zwei Antibiotika und einem Protonenpumpenhemmer behandelt werden kann. Aber der Gastroenterologe ist nicht dafür da, dass sich der Patient ab sofort wohlfühlt, das ist nicht die Aufgabe der Ärzte.
Deshalb habt ihr die Ärzte-Marathons hinter euch, weil ihr glaubt, der Arzt könnte dafür sorgen, dass es euch gut geht. Schön, wenn das passiert, aber seine Aufgabe ist, frühzeitig eine behandelbare Krankheit zu erkennen und zu behandeln. Schließt er alles Gefährliche aus und es geht dir trotzdem schlecht, ist das nicht seine Schuld, man muss weiter herausfinden, was zwickt. Für deine Krankheiten sind Ärzte zuständig, für deine Gesundheit und dein Wohlergehen nur du selbst, dafür sind Leute wie ich da. Dass du seit 15 Jahren die Ärzte abklapperst, zeigt mir: Du bist gesund, sonst hätte dir längst jemand gesagt, das müssen wir behandeln.
Im Freien besser, in Gebäuden schlechter
Schwindel ist im Kontext erhöhter Stresshormone bei Betroffenen oft stärker ausgeprägt, in Bewegung wird es häufig besser, im Sitzen ist es für den Moment ruhig. Oft wird die Symptomatik zur Verankerung: Du betrittst ein neues Gebäude und bist schwindelig, ohne dass dazwischen nachvollziehbare Prozesse stattgefunden hätten. Probleme entstehen, wenn wir Dinge tun, die wir lassen sollten, und lassen, die wir tun sollten. Selbst wenn wir keine konkreten Auslöser finden, heißt das nicht, dass noch nicht das Richtige gefunden wurde, und es bedeutet viel Potenzial. Hast du je geplant, was du beim nächsten Mal in so einem Gebäude anstelle des Schwindels erleben möchtest? Das ist die Richtung.
Akzeptanz braucht ein Werkzeug
„Abfinden" geht in Richtung Akzeptanz. Oft versuchen wir zu akzeptieren, ohne ein Werkzeug dafür und ohne das zu Akzeptierende klar abgegrenzt zu haben. Wir denken in Bildern und in sprachlichen Mustern, Akzeptanz hat viel damit zu tun, dass das Wort im inneren und äußeren Sprachgebrauch häufig auftritt. Du kannst jahrelang versuchen zu akzeptieren, ohne je wirklich an Akzeptanz gearbeitet zu haben. Akzeptanz heißt, an dem Punkt einzugreifen, wo das Gehirn automatisch eine negative Bewertung hochreicht, und sprechend zu sagen: Ich akzeptiere jetzt diesen Ist-Zustand, dann ist der Schwindel halt so da und nicht so bedrohlich. Dabei gibt es mehrere Ebenen: die Basis und die Frage, wie mein Verstand emotional darauf reagiert. Zuerst würde ich nicht die Basis in Angriff nehmen, sondern die emotionale Reaktion. Du sollst nicht akzeptieren, dass du damit leben musst, sondern erst akzeptieren dürfen, das richtig scheiße zu finden.
Es gibt keinen Trick, aber einen Schlüssel
Was ist der Schlüssel zur Lösung? Den einen gibt es nicht. Die Erwartung, du machst etwas falsch und ab sofort richtig und alles ist gut, erfüllt sich in der Regel nicht, und „Psychotherapeuten hassen diesen Trick" gibt es nicht. Schau dir das Video an, wie ein Gefühl entsteht: Wir haben eine Wahrnehmung, es schwankt, ein Tinnitus im Ohr, das ist nur ein Geräusch, kein Problem. Aber aus der Wahrnehmung heraus liefert unser dramatisches, negativ denkendes Gehirn die Bewertung, das könnte etwas ganz Schlimmes sein, was, wenn es bleibt, was, wenn es schlimmer wird. Das Gehirn hat die Aufgabe, so zu denken, so wie die Füße zum Gehen da sind, das ist vollkommen normal und gesund, auch wenn Menschen es als krankhaft erleben. Aus Wahrnehmung plus Bewertung entsteht das Gefühl, nur haben wir nie gelernt, an dieser Schnittstelle einzugreifen.
Es geht nicht darum, Wahrnehmung und Bewertung nie mehr zu erleben, sondern darum, wie du dich beim nächsten Mal verhältst, wenn sie präsent werden. Du sollst es nicht verhindern, sondern damit umgehen lernen. Bietet der Kopf an, das ist schlecht, es wird schlimmer, darfst du an diesem Punkt eingreifen und eine neue, lautere, aktiv von dir gesetzte Bewertung formulieren. Sie muss nicht gleich positiv sein, nur zumindest etwas weniger negativ als vorher. Das ist der Schlüssel, aber kein Zaubertrick, nach dem danach alles blendend läuft.
Und zum vermuteten Blutgefäß: Du hast wahrscheinlich nicht seit 15 Jahren ein geärgertes Blutgefäß oder einen geärgerten Nerv, ärgerst du ein Blutgefäß, wächst woanders ein bisschen neu, und ein geärgerter Nerv würde sich anders zu erkennen geben. Deine Symptomatik ist nicht Ausdruck entsprechender Krankheiten, diese Krankheiten sind nur Begriffe, um deinen Symptomen eine Form zu geben. Sie resultiert aus antrainierten Denkprozessen, die du umtrainieren kannst.
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