So kannst du Trauer und Panikattacken überwinden
Max schreibt, er schaue seit Monaten die Videos und finde die Erklärungen hilfreich. Ich habe im Februar meinen Vater verloren, der mit 55 bei einer Operation gestorben ist. Danach ging es bergab, Hörsturz, Panikattacken, mehrmals den Notarzt da gehabt, Herzinfarkt und so weiter abklären lassen. Ich vertraue meinem Körper gar nicht mehr und hatte nur noch Angst. Im Krankenhaus wurde ich von oben bis unten durchgecheckt, alles okay, es geht stetig bergauf, auch dank der Videos, aber ab und zu sind Angstzustände da.
Lieber Max, das tut mir leid zu hören. Wir bekommen oft gar nicht mit, wie viele Einzelschicksale um uns herum stattfinden, in fast jedem Haus gibt es ein Schicksal, das mit Krankheit zu tun hat. 55 ist früh, und dass jemand während einer OP verstirbt, ist nicht die Intention, da wird es eine Vorgeschichte geben.
Wir sind fähig, mit dem Tod umzugehen
Evolutiv ist unser Körper so gebaut, dass wir mit dem Tod von Angehörigen umgehen können, sonst würden wir heute gar nicht hier sitzen. Die Lebenserwartung war früher begrenzt, hätten unsere Vorfahren das frühe Versterben vieler Menschen nicht irgendwie bewältigen können, irgendwie trauern, irgendwie weitermachen, gäbe es uns nicht. Man hört natürlich auch von Menschen, die das nie überwunden haben.
Dazu ein Fallbeispiel: Ich hatte vor Jahren Kontakt zu einem Mann, dessen Frau im Kontext einer schweren psychischen Erkrankung durch Suizid verstarb. Er erzählte, seine Schwiegermutter sei jeden Tag mindestens sechs Stunden am Grab der Tochter und habe sich dort fast eine Logistik aufgebaut, mit Klappstühlen, Getränken, Kerzenvorräten. Hier haben wir ein Kreislaufprinzip: Verarbeitet sie dort etwas, oder baut sie, was eher anzunehmen ist, durch jeden Besuch die Chronifizierung der Trauer weiter auf? Wir sollten immer hinterfragen, was an einer solchen Stelle genau passiert.
Trauer braucht Zeit, man kann sie nicht erzwingen
Der aktuelle Stand der Trauerforschung ist: Man kann Trauerbewältigung nicht wirklich erzwingen, aber man kann das eigene Gehirn gut daran hindern, weiterzukommen. Wenn wir zu sehr und zu schnell nach vorne preschen, hier noch mal verarbeiten und dort noch mal, stören wir eher. Unser Kopf braucht dafür Zeit, er macht das von allein, und wir sollten nicht ständig eingreifen, sondern eher die Finger herausnehmen und in eine Beobachterposition gehen.
Was du erlebst, passt in diese sehr stressige Phase: In der heißen Phase nach dem Tod eines geliebten Menschen geht der Körper für einige Zeit, Tage, Wochen, selten Monate, in einen Daueralarmzustand, und Panikattacken lassen sich dann über die erhöhte Stresshormon-Anfälligkeit erklären. Entscheidend ist aber immer der Einzelfall: Was glaubt der Betroffene, sich selbst helfen zu können, wo erlebt er sich als Opfer, wo hat er Kontrolle? Man ist der Trauer und der Panik nicht schutzlos ausgeliefert, man kann in der Regel etwas tun. Was genau, hängt davon ab, wie jemand lebt und seine Schwierigkeiten konfrontiert. Auch hier gilt, wie ein Gefühl entsteht: über die Bilder und inneren Stimmen im Kopf, darauf kommt es an.
Entwicklungsschritte und die eigene Endlichkeit
Dass gelegentlich noch Angstzustände auftauchen, kann auch ein fließender Übergang in eine neue Form der gedanklichen Verarbeitung sein. Dein Leben geht weiter, und jetzt stehen andere Dinge vor dir. Solange unsere Eltern leben, bleiben wir Kind, sind sie nicht mehr da, sind wir es nicht mehr, das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Bei mir selbst ist das gerade eine Doppelfunktion, ich bin Kind und zugleich Elternteil, und irgendwann rutsche ich in der Generationenreihe nach.
Die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit Krankheit, mit der eigenen Endlichkeit beschäftigt viele. Kann man sich auf gute Weise mit der eigenen Endlichkeit beschäftigen? Klar, wie genau, das ist individuell, probier aus, wie Menschen damit umgehen, und schau, ob du einen Zugang findest. Mein persönlicher Umgang ist eher, dass ich mich gedanklich nicht aktiv damit auseinandersetze, es passiert ja ohnehin von allein. Was ich mache: ein möglichst gesundes, unfallfreies Leben anstreben. Und was mir den Umgang erleichtert, auch im Patientenkontakt, ist, geordnet zu leben, keine Leichen im Keller zu hinterlassen, sondern clean dastehen zu können, dann passiert, was passiert.
Gib dir Zeit
Du darfst dir Zeit geben. Im Kontext von Trauer ist das Auftreten von Paniksituationen ein erwartbarer Zustand, der keine Aussage darüber zulässt, ob dich das länger begleitet, ob es wiederkehrt oder ob andere Probleme auftauchen. Trotzdem lohnt es, zu hinterfragen, welche gedanklichen Präsenzen die Angst- und Panikzustände heute noch auslösen, um konkret daran zu arbeiten, sie im Verlauf zu reduzieren und zurück zum eigenen Leben zu finden. Es gibt einen schönen Comicstrip: Snoopy sagt zu Woodstock, irgendwann kommt der Tag, an dem wir sterben müssen, und Woodstock antwortet, und bis dahin kommen viele Tage, an denen das nicht so ist.
Wie du im Trauerprozess einen guten Umgang mit Panik findest und zurück ins eigene Leben, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
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