Viele Symptome, nichts gefunden? Was wirklich dahinterstecken kann

Jemand schreibt mir eine ausführliche Vorgeschichte: Von 2013 bis 2015 regelmäßig Panikattacken mit Herzneurose, ausgelöst durch die plötzliche Tumorerkrankung des Vaters, der schnell daran verstarb. 2015 mit einer neuen Arbeitsstelle war alles weg, seit März 2021 ist es wieder da, die Panikattacken sind extremer. Dazu viele körperliche Symptome, und der Hausarzt verweist an einen Psychotherapeuten.

Wie solche Wellen entstehen

Panikstörungen entstehen oft nicht durch die Erkrankung selbst, sondern durch den Stress, der damit einhergeht. Wer gerade angeschlagen ist, ist auch empfänglicher für andere Störungsformen, besonders bei großen, lebensverändernden Ereignissen. Dass 2015 mit der neuen Arbeitsstelle alles verschwand, lag wahrscheinlich nicht am Medikament und nicht nur am Job, sondern an einer Mischung: Vor allem war durch die neue Stelle sehr viel Neues gedanklich präsent, die alten, symptombedingenden Gedanken traten zurück. Die gedanklichen Landschaften haben sich verändert, und das hilft beim Loslassen.

Die aktuelle Welle seit März 2021 passt zur Dauerbelastung der Pandemie, der eine steckt das besser weg, der andere weniger. Dazu kommen Umzug über 300 Kilometer, ein Job, der „eigentlich" glücklich macht, Heirat und die Vaterschaft seit Oktober 2020. Beim Wort „eigentlich" lohnt ein zweiter Blick: Vielleicht gibt es „uneigentlich" doch Stressoren, die die Symptomatik wieder erklärbar machen. Es geht darum, welche Aspekte kombiniert zu einer Belastung führen.

Immer zuerst abklären

Bei neuen Symptomen ist die fachärztliche Abklärung wichtig, und als Mediziner mit Notfallrettungserfahrung schätze ich manches anders ein. Unsere Symptomatik ist nicht eins zu eins mit organischen Befunden vergleichbar, das meiste ist Empfinden plus Bewertung. Eine Extrasystole ist nicht krankhaft, selbst wenn du sie spürst, entscheidend ist die Bewertung.

Blutbild und Schilddrüse sind gut, wobei die Schilddrüse nicht automatisch mitgetestet wird, hier gehören TSH, T3 und T4 dazu. Herzrasen ist bei unauffälligem EKG meist eine stressbedingte, sympathikogene Tachykardie, nicht etwa durch Vorhofflimmern angetrieben. Ein Blutdruck von 170, bei dem der untere Wert, die Diastole, zu hoch ist, gehört weiter fachärztlich angeschaut, die Diastole gibt den Gefäßwiderstand an. Zu Blutdruckspitzen kommt es oft, wenn Menschen mit Angst und Anspannung auf Ärzte reagieren, Stichwort Weißkittelsyndrom. Wer das Messen ängstlich besetzt, sollte in der Selbstmessung angeleitet werden, drei- bis viermal in Ruhe messen, um einen realistischen Langzeitwert zu bekommen.

Muskelschmerzen, Nackenverspannungen mit elektrischen Schmerzen, Rücken, Schwindel, Benommenheit, Konzentrationsschwäche, innere Unruhe, Todesangst, das sind diffuse Symptome, die man nicht eindeutig zuordnen kann, aber die wir oft durch gedankliche Belastung bekommen. Trinken wir zu wenig, zu viel Kaffee, und ziehen bei Angst unbewusst die Schultern hoch, verstärkt das vieles. Morgendliches Erbrechen und saures Aufstoßen kann eher in Richtung einer stärkeren depressiven Erscheinung deuten. Auch hier: Man erkrankt nicht an einer Depression und hat deshalb Symptome, sondern aus den Symptomen lässt sich eine Depression beschreiben.

Wichtig und ernst zu nehmen: Zwölf Kilo Gewichtsverlust in sieben Wochen sind ein relativer Befund, der zusammen mit extremer Müdigkeit und wochenlangem Durchfall unbedingt hausärztlich abgeklärt gehört, weil ungewollter Gewichtsverlust theoretisch auch auf eine Tumorerkrankung deuten kann, gerade bei entsprechender Familiengeschichte. Nach der Beschreibung fehlt eine typische B-Symptomatik mit starkem Nachtschweiß, aber die Abklärung bleibt zentral.

Dranbleiben, und die eigentliche Frage

Dass der Hausarzt direkt an einen Psychotherapeuten verweist, ist für viele eindrücklich, und einen zeitnahen Termin zu finden, ist derzeit sehr schwierig. Deshalb: Bleib dran. Das ist ein Behandlungsweg, auf dem auch Menschen helfen, die klinisch arbeiten, Medikamente verschreiben und bei Bedarf eine ambulante oder stationäre Therapie anregen können. Diese Videos ersetzen keine Beratung, sie sind Erfahrungsmuster aus eigenem Erleben und aus vielen Sitzungen.

Der Schwerpunkt liegt aber darauf: Wir sind, was wir am häufigsten gedacht und gehört haben. Die meisten Belastungen erleben wir als Bilder vor dem inneren Auge oder als Belastungsstruktur im Kopf. Schau dir das Video an, wie ein Gefühl entsteht, gewöhn dir an, Dinge aufzuschreiben, und beschäftige dich anders mit deinen negativen Empfindungen und Befürchtungen. Und nähere dich der Frage: Wenn diese eine Symptomatik, die so viel Unbehagen auslöst, von heute auf morgen weg wäre, wärst du dann glücklich? Darüber kommst du den eigentlichen Fragen näher, was deine Angst oder Depression auslöst und was du in deinem Leben noch nicht verändert hast.

Wie du aus vielen diffusen Symptomen heraus an die eigentlichen Ursachen kommst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du hast viele Symptome, aber die Ärzte finden nichts, und möchtest an den eigentlichen Ursachen arbeiten? Nach der Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

Dies ist ein sensibles Thema. Bei ausgeprägten körperlichen Symptomen und ungewolltem Gewichtsverlust ist die ärztliche Abklärung der erste und wichtigste Schritt. Wenn es dir psychisch sehr schlecht geht, wende dich bitte an deinen Arzt oder deine Therapeutin, in akuten Krisen hilft die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.