Tinnitus, Antidepressiva, Koffein und FOMO: Antworten auf Eure Kommentare
In dieser Folge meiner Kommentare-Reihe möchte ich sechs Themen aufgreifen, die in den letzten Tagen unter meinen Videos aufgelaufen sind. Sie berühren sehr unterschiedliche Punkte, aber sie haben alle eines gemeinsam: Sie zeigen, worüber viele Menschen im Kanal gerade nachdenken und was Sie belastet. Ich möchte Dir Antworten geben, die Dir konkret weiterhelfen.
Tinnitus, Kopfgeräusche und ihre Veränderung
Tim hat mir geschrieben und gefragt: „Ich tue die Kopfgeräusche maskieren, ist das schlimm? Meine Kopfgeräusche verändern sich jeden Tag. Ist das ein gutes Zeichen?"
Grundsätzlich ist das Thema Tinnitus ein großes Thema. Ich habe meinen Tinnitus vor über 17 Jahren bekommen, und in dieser Zeit hat sich am wissenschaftlichen Stand erstaunlich wenig verändert. Auch auf Social Media gibt es viele Versuche, Menschen mit dieser Belastung etwas zu verkaufen, was nachher nicht funktioniert. Der Leidensdruck bei Betroffenen ist teilweise enorm.
Tinnitus lässt sich am besten so einordnen: Ein Therapeut kann heute noch keinen Tinnitus wegmachen, weder ein HNO-Arzt noch ein Psychotherapeut. Wer das behauptet, macht fast schon grenzwertige Heilsversprechen. Was wir aber sehen: Menschen, die Tinnitus bekommen, hätten ihn wahrscheinlich sowieso irgendwann bekommen. Der Moment des Losbrechens fällt oft in Hochstressphasen. Wenn diese Phase nicht gewesen wäre, wäre der Tinnitus einen Monat später oder ein Jahr später gekommen.
Maskieren ist eine gute Idee. Dass sich Kopfgeräusche verändern, ist ebenfalls kein schlechtes Zeichen. Aber das eigentliche Thema liegt eher im Hintergrund. Es geht darum, wie ein Mensch sein Leben lebt, welche Kompetenzen er hat, um mit Dingen umzugehen, und wie er die Fähigkeit entwickelt, Antworten auf das zu geben, was ihm im Leben begegnet. Das ist der Punkt, an dem Veränderung ansetzt.
Wenn das Leben Schlag auf Schlag kommt: Ein Zuschauerbericht
Jackie hat einen längeren Kommentar hinterlassen, den ich hier gerne aufgreife. Sie berichtet von drei Jahren, in denen ein Schlag nach dem anderen kam: Burnout in einem unglücklichen Job, Tod des Vaters, Pflege der fast blinden Mutter, Trennung vom Partner, Tod der Mutter, Auflösung von zwei Wohnungen, alles allein, ständig krank. Im Dezember dann eine vermutete Krebsdiagnose, daraufhin plötzlicher Schwindel und Tinnitus. Ein halbes Jahr Diagnostik. Im April dann die Gewissheit: eine seltene, nicht heilbare Blutkrebserkrankung.
Und trotzdem schreibt sie: „Meine Einstellung zum Leben ist total verändert. Ich lebe nur noch in der Gegenwart. Ich akzeptiere die Krankheit, aber sie bestimmt nicht mein gesamtes Leben. Tiefe Dankbarkeit für alltägliche Dinge bestimmt mein Denken."
Was mich an diesem Beitrag berührt, ist die Erkenntnis, dass solche Verläufe leider keine Ausnahme sind. Wir Menschen glauben oft, das Leben verlaufe so geradlinig und planbar wie beim Rentenberater. Die Realität führt uns immer wieder etwas anderes vor Augen. Viele Menschen machen schlimme Erfahrungen. Das gehört zum Leben. Und genau deshalb ist die Haltung „morgen, nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr wird es besser" so gefährlich. The only time we have is now. Wir dürfen heute an die Dinge herangehen, um die wir uns kümmern wollen.
Mein Impuls: Finde heraus, was Du willst und was Du dafür brauchst. Unser Kopf wirft uns jeden Tag kleine Mosaiksteinchen zu, kleine Momente von „das wäre eigentlich mal ganz cool". Lerne, in solchen Momenten für einen kurzen Augenblick eine bewusste Reaktion zu zeigen. Das führt Dir vor Augen, wohin die Reise eigentlich gehen soll.
Koffein und Angststörung: Meine Position
Zu einem Short von mir gab es einen Kommentar: „Was ist deine Position dazu? Bin jetzt gerade verunsichert."
Meine Position ist klar. Koffein ist ein Neurostimulans, das eine Organismusreizung darstellt und die Metabolisierungsrate erhöht. Der Körper fällt in eine Art innere Unruhe. Wissenschaftlich betrachtet macht Koffein uns nicht wacher. Es macht uns unruhiger. Für viele Menschen ist das kein Problem. Aber die körperliche Gemengelage, die durch Koffein entstehen kann, fühlt sich sehr ähnlich zu dem an, was Menschen mit Angststörung als innere Unruhe oder Panikneigung erleben.
Gerade beim Aspekt Phobophobie, also der Angst vor der Angst, sollten Menschen alles vermeiden, was diese Situation triggern kann. Meine klare Position: Angststörung und Koffein vertragen sich nicht gut. Wer zu solchen Symptomen neigt, sollte über eine Reduktion nachdenken oder zumindest ein Bewusstsein im Alltag entwickeln: „Da kommt jetzt was, aber ich habe heute auch schon drei Kaffee getrunken."
Antidepressiva und die Frage nach Erwartungen
Ein Kommentar zum Thema Venlafaxin lautete: „So ein Schmarren. Was etwas hilft, das hilft." Und ein anderer schrieb: „Habe heute angefangen, Antidepressiva zu nehmen. Ich hoffe, das wirkt diesmal."
Diese beiden Kommentare zeigen ein Kernproblem im Umgang mit psychopharmakologischen Präparaten: die Erwartung. Viele Menschen pflegen die Vorstellung, wenn sie wirklich Hilfe brauchen, gehen sie in eine Klinik, holen sich ein Medikament, suchen einen Psychiater auf, und das wird schon lösen. Wer diesen Weg tatsächlich geht, macht oft die Erfahrung, dass die Erwartung und die Wirklichkeit nicht dementsprechend übereinstimmen.
Ein Vergleich, den ich hier ungern verwende, aber der etwas transportiert: Klinische Einrichtungen sind manchmal wie ein Casino. Es gibt Menschen, die als Gewinner rausgehen. Aber sehr viele gehen als Verlierer daraus, und am Ende gewinnt oft die Bank.
Der Punkt: Antidepressiva sind keine Stimmungsaufheller. Habt Ihr jemals vor der Diskothek ein Antidepressivum am Schwarzmarkt als Aufputschmittel angeboten bekommen? So funktionieren die Präparate nicht. Sie sollen einen negativen Cap nach unten aufbauen, damit wir nicht mehr so tief abrutschen. Sie haben eine stabilisierende Wirkung, auf der Du dann anfangen kannst, an Deiner Situation zu arbeiten.
Wer die Erwartung mitbringt, das Medikament würde die Probleme lösen, wird enttäuscht. Wer die Erwartung mitbringt, das Medikament schafft eine stabilere Basis, um selbst arbeiten zu können, hat eine realistische Grundlage.
Wenn jemand behauptet, „alles Studierte sei dumm"
Ein Kommentar zu einem meiner Videos lautete: „Entschuldigt meine Aussage, aber alles, was studiert ist, ist meiner Meinung nach etwas dumm studiert. Jeder kann auswendig lernen und nur die wenigsten sind geeignet zum Studieren. Das System."
Solche Aussagen zeigen für mich sehr klar, dass Menschen das Vertrauen zu den Organisationsstrukturen unseres Lebens verloren haben. Wir können denen da oben nicht mehr vertrauen. Nicht der Regierung, nicht Ärzten, nicht Wissenschaftlern. Dieses Fehlen von Vertrauen, dieses Lack of Trust, führt dazu, dass Betroffene plötzlich anfangen, den konfusesten Dingen zu vertrauen. Das ist eher ein Zeichen von Verwirrung und fehlender Struktur als ein Weg, aus dem man wirklich weiterkommt.
Früher war es mit Anstrengung und ein bisschen Glück verbunden, wenn man im Leben etwas zu sagen haben wollte. Heute reicht der Griff zum Handy. Deshalb wird man auf Social Media auch immer wieder solche Aussagen finden. Vielleicht hilft es der Person in dem Moment. Das bedeutet aber nicht, dass wir dem inhaltlich näher folgen müssen.
Positive Gedanken und das Missverständnis dahinter
Ein weiterer Kommentar lautete: „Aber zu versuchen, positive Gedanken zu haben, ist doch nicht schlecht, oder?"
Nein, überhaupt nicht schlecht. Positives Denken zu üben ist ein entscheidender Hintergrund in unserem Leben. Aber der Kern meiner Aussage in Videos ist ein anderer: Nur durch positive Gedanken wird Deine Situation nicht besser. Dein Leben wird besser, wenn Du Dir ein Leben erschaffst, das Du mehr und mehr magst.
Und hier ist das Konzept, das ich Dir dabei mitgeben möchte: Es geht um Raum. Wenn jemand Angst hat, etwas zu verpassen, Fear of Missing Out, dann liegt die Ausgangslage oft genau anders herum als gedacht. Nicht: „Ich habe so viele Bedürfnisse, deshalb bleibt kein Raum." Sondern: „Ich nehme nur so viel Raum ein, und der Rest liegt einfach brach."
Und unser Gehirn möchte ständig Informationen verarbeiten. Wenn wir ihm keine neuen interessanten Inputs geben, beschäftigt es sich mit den bestehenden. Und was am relevantesten ist, ergibt sich in der Regel aus Häufigkeit und emotionaler Belastung.
Ein Beispiel: Wenn Du Dir nur wenig Zeit nimmst zu überlegen, was heute Abend eigentlich schön werden könnte, dann gibst Du Deinem Gehirn viel Raum, sich vorzustellen, was Du heute Abend Schönes verpassen könntest. Wenn Du Dir viele Gedanken darüber machst, was Angehörigen alles passieren könnte, lässt Du Deinem Gehirn nur wenig Raum, das Positive zu sehen.
Es geht also nicht um positives Denken. Es geht darum, Raum in Anspruch zu nehmen. Positives Denken zu üben ist wichtig, aber nur zusammen mit der Frage: Wie erschaffe ich mir ein Leben, in dem ich Freude lebe, in dem ich Dinge tue, die mir guttun, und in dem ich aktiv daran arbeite herauszufinden, was ich will und was ich dafür brauche?
Fazit
Die sechs Themen dieser Folge haben unterschiedliche Anlässe, aber sie berühren sich an einem Punkt: Es geht darum, wie wir unser Leben aktiv gestalten und wie wir mit Belastungen umgehen. Egal ob Tinnitus, tiefe Schicksalsschläge, Koffein bei Angststörung, Erwartungen an Medikamente, Vertrauen in Institutionen oder positives Denken. Immer geht es darum, den Raum, den wir im eigenen Leben einnehmen, bewusster zu gestalten.
Das ist Arbeit. Aber es ist Arbeit, die sich lohnt. Und ich freue mich, wenn Ihr weiter kommentiert und Eure Themen einbringt.
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Bereit für den nächsten Schritt?
Wenn Du merkst, dass Du mit diesen Themen nicht allein weiterkommst und Dir professionelle Begleitung wünschst, buche gerne einen Termin für ein Erstgespräch.