Passive Heilerwartung, Vertrauen und chronische Diagnosen: Antworten auf Eure Kommentare
In dieser Folge meiner Kommentare-Reihe möchte ich vier Beiträge aufgreifen, die sich thematisch verbinden lassen und die sehr wichtige Punkte berühren. Es geht um die passive Heilerwartung, um die Frage nach dem richtigen Doing, um den Unterschied zwischen fehlendem Vertrauen und hinzugewonnenem Misstrauen und darum, wie mit einer psychosomatischen Perspektive umgegangen werden kann, wenn Ärzte chronische Diagnosen stellen.
Bianca: Nervensystem im Alarmmodus trotz Akzeptanz und Beobachterrolle
Bianca schreibt: „Wie schafft man das? Ich bin in der Akzeptanz, Beobachterrolle etc. Es war alles super und zack, wieder Panikattacke, und es geht von vorne los."
Auf den ersten Blick klingt das nach einem klaren Rückschlag. Akzeptanz durch Affirmation ist ein wichtiger Schritt. Beobachterrolle einzunehmen genauso. Wenn ich aber in Therapie und Beratung mit Menschen zusammenarbeite, sehe ich relativ schnell klassische Muster. Wir alle, ich genauso, haben eine passive Heilerwartung. Wir haben alle die Neigung zu sagen: „Ich strenge mich schon so sehr an und trotzdem passiert nichts."
Wenn ich dann die Rückfrage stelle: „Was genau hast Du denn gemacht, um diese Sache zu verändern?", wird es meistens interessant. Denn dann merken viele Menschen selbst: „Ich habe eigentlich gar nicht so viel gemacht. Ich wollte, aber dann hat mein Kopf gesagt, was ist, wenn es nicht funktioniert, und dann habe ich es lieber bleiben lassen."
Wenn jemand schreibt „ich bin in der Akzeptanz und Beobachterrolle", dann hat diese Person das erstmal geschrieben. Das heißt aber noch nicht, dass sie auch wirklich täglich daran arbeitet. Was ich Bianca hier zurückgeben möchte, ist deshalb kein Tipp, sondern eine Frage: Was genau ist Dein Doing, um in die Akzeptanz zu kommen? Was genau ist Dein Doing, um in die Beobachterrolle zu kommen?
Solche Prozessschritte sind nicht die Lösung. Sie sind Bausteine in einem größeren Umfang. Es ist kein Sprint, es ist ein Dauerlauf. Und häufig entstehen Panikattacken nicht, weil an einer einzelnen Stelle etwas falsch läuft, sondern weil im Leben genügend Gründe zusammenkommen, die den Körper in Richtung dieser Reaktion bringen. Das Nervensystem überreagiert nicht. Das Nervensystem reagiert immer adäquat auf das, was tatsächlich da ist.
„Glaub nicht alles, was Du denkst": Warum das leichter gesagt als getan ist
Ein Zuschauer schreibt: „‚Glaub nicht alles, was du denkst' hat mir am meisten geholfen. Kann ich nur weiterempfehlen. Hatte früher alles, was hier gesagt wird."
Das ist ein wichtiger Punkt, den ich auch in meinem „allerwichtigsten Video" ausführlich beschreibe. Wir glauben nicht das, was richtig ist. Wir glauben das, was wir am häufigsten gehört haben. Wir denken das, was wir am häufigsten gedacht haben. Und Du darfst Dein Verhalten so lange verändern, bis Du bekommst, was Du willst.
Das klingt einfach. Als Betroffener in einem dynamischen Umfeld unter Leidensdruck ist es aber schwierig, das einfach so umzusetzen. „Ja, ich glaube das jetzt einfach nicht" ist ein guter Vorsatz. Aber wie geht das konkret? Was bedeutet das im Alltag? Genau dafür lohnt sich der Weg über die Grundlagen: den Kurs „Die ultimativen Grundlagen für dich" oder das allerwichtigste Video im Kanal. Da geht es um das Mitschreiben, warum Probleme immer wieder hochkommen, wie wir Angstzyklen unterbrechen und wie wir uns aktiv um unsere Ideen, Wünsche und Bedürfnisse kümmern können und sollten.
Mimi: Vertrauen verloren oder Misstrauen hinzugewonnen?
Mimi schreibt zum Thema „Wendepunkt Panik: Vertraue deinem Körper": „Verstehe, aber erstmal muss man auch diese guten Erfahrungen gemacht haben. Was ist, wenn man dieses Gefühl, nee, dieses Glück nicht hat, man zwar nicht umgekippt ist, aber es wieder so eine heftige Panik war, der man aber auch gar nichts Gutes abgewinnen konnte und man seinen Körper mal wieder nur als Feind erleben dürfte?"
Dieser Kommentar hat es in sich. Er zeigt eine Erwartungshaltung: „Nach dem Reframing sollte etwas Positives passieren." Diese Aussicht ist nicht falsch, im Gegenteil, Reframing wirkt. Aber unser System reagiert nicht auf Einforderung. Panikattacken sind die Folge davon, dass unser System auf eine längere Vorgeschichte reagiert, die oft antrainiert und verhärtet ist. Ein gelernter Reflex. Unser Körper und unser Gehirn sitzen am längeren Hebel. Wir gehen nicht in eine bessere Verfassung, indem wir sagen „ich hatte doch schon eine gute Erfahrung, warum vertraue ich meinem Körper nicht sofort".
Und hier möchte ich einen sprachlichen Unterschied einbringen, der viel bedeutet: In aller Regel haben wir das Vertrauen nicht verloren. Wir haben an einem gewissen Punkt starkes Misstrauen hinzugewonnen. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber ein grundlegend anderer Ausgangspunkt. Denn dann geht es nicht mehr darum, verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen, sondern darum, wie Du künftig mit den Momenten des Misstrauens umgehst.
Und spannend ist immer, was Menschen mir beschreiben. Spannender ist, was sie noch nicht beschreiben. Wie sind Deine Routinen im Umgang mit Deinen Befürchtungen und Unzufriedenheiten, nicht nur bezogen auf die Panik? Wie oft bist Du in Deinem Leben, in Deinem Alltag dabei herauszuarbeiten, was Du willst, was Du dafür brauchst und starke Reaktionen auf Deine Ideen zu zeigen? Panikattacken sind Folge auf das Leben. Und vom Leben lese ich in solchen Kommentaren oft noch nichts.
Fiona: Chronische Diagnosen und die Frage nach der psychosomatischen Ebene
Fiona schreibt einen sehr ausführlichen Kommentar: „Ich kämpfe seit 6 Monaten mit sehr diffusen Symptomen. Derealisation, Erschöpfung, Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen, starke Periode. War bei sicher 20 Ärzten. Diagnostiziert wurden PMDS, POTS (weil mein Puls im Stehen extrem ansteigt) und Chronic Fatigue. Diese Diagnosen haben mich in extreme Verzweiflung gebracht, weil es bei diesen chronischen Diagnosen wenig bis keine Hoffnung auf Besserung gibt. Kann es sein, dass meine Symptome trotzdem psychosomatisch sind?"
Meine Antwort lautet: Definitiv ja. Denn wir sprechen nie von einem entweder-oder. Es ist immer ein Mischbild. Viele körperliche Dinge brauchen eine Bewertung auf mentaler Ebene, um überhaupt den Leidensdruck zu entwickeln, den wir erleben. Wir reden hier nicht von starken Schmerzen oder Übelkeit, wir reden von einnehmendem Schwindel und verstörender Derealisation. Und da spielt die psychosomatische Ebene eine große Rolle.
Wichtig ist der Blick auf die ärztlichen Diagnosen. Wenn Ärzte sagen „das könnte PMDS sein" oder „das könnte POTS sein" oder „das könnte Chronic Fatigue sein", dann beschreiben sie damit keine fatalen Erkrankungen und keine Ursachen. Sie geben Begriffe, die die Symptome beschreibend zusammenfassen. Ein Chronic-Fatigue-Syndrom als Diagnose bedeutet nicht: „Da ist jemand definitiv an Chronic Fatigue erkrankt und deshalb ist die Erschöpfung da." Es bedeutet: „Wir sehen Erschöpfung, und der aktuell naheliegendste Begriff dafür lautet Chronic Fatigue." Die Ursache kennen wir bei Fiona noch nicht. Die Ursache kennen wir im Allgemeinen sowieso nur sehr unzureichend. Es gibt Ideen, Tendenzen, viele Betroffene, viel Forschung.
Deshalb: Wenn die Ärzte ihre Einschätzung geben, dann weniger als „das ist jetzt Dein Leben und damit musst Du klarkommen", sondern eher als „wir können Dir Begriffe an die Hand geben, die Deine Symptome beschreibend bezeichnen". Das ist kein Todesurteil. Es bietet Raum für eine psychosomatische Ebene, in die Du mit vielen Ansätzen einsteigen kannst. Ein klassisch ressourcenorientierter Ansatz, der schaut, wo wir bei einer möglichen psychosomatischen Beteiligung ansetzen können.
Der Kern für alle vier: Wenn Deine Symptome morgen weg wären, wie würdest Du Dein Leben finden?
Die Kernfrage, die alle vier Kommentare verbindet, ist die gleiche. Symptome sind kein Zeichen von Krankheit im engeren Sinne. Sie sind Signale, mit denen unser System auf unser Leben antwortet.
Deshalb der Impuls, den ich Euch für den Alltag mitgeben möchte: Stell Dir vor, Deine Symptome wären morgen komplett weg. Was bleibt dann übrig? Und magst Du das, was übrig bleibt? Wenn Deine ehrliche Antwort nicht ein klares „ja, das würde ich lieben, von vorne bis hinten, von links nach rechts" ist, dann hast Du damit oft eine deutliche Antwort auf die Frage, warum Du diese Symptome erlebst.
Und genau dort setzt die Arbeit an. Nicht mehr nur an den Symptomen, sondern an dem Leben, aus dem sie sprechen.
Fazit
Passive Heilerwartung, Reframing ohne Doing, Misstrauen statt fehlendes Vertrauen, chronische Diagnosen als beschreibende und nicht als endgültige Kategorien. Die vier Themen dieser Folge zeigen, dass die eigentliche Arbeit selten am Symptom selbst liegt. Sie liegt in der ehrlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.
Wenn Ihr weiter kommentiert, Eure Unklarheiten und Fragen unter die Videos schreibt, können wir das in weiteren Folgen fortsetzen.
Das Buch zum Thema
In meinem Buch „Schluss mit Symptomen" findest Du das gesamte Wissen und die Werkzeuge, mit denen Du psychosomatische Symptome, die Wechselwirkung zwischen körperlicher Diagnostik und dem eigenen Leben und Deinen Umgang mit ihnen wirklich verändern kannst.
Bereit für den nächsten Schritt?
Wenn Du merkst, dass Du mit diesen Themen nicht allein weiterkommst und Dir professionelle Begleitung wünschst, buche gerne einen Termin für ein Erstgespräch.