Wenn die Panik weg ist, aber Schwindel und Benommenheit bleiben: Der Symptomsprung erklärt
Vielleicht kennst Du das: Du hast eine Zeit lang unter Panikattacken gelitten. Mit der Zeit sind sie weniger geworden, vielleicht sogar ganz verschwunden. Und trotzdem geht es Dir nicht wirklich besser. Stattdessen tauchen andere Symptome auf: Schwindel, Benommenheit, Konzentrationsprobleme, das Gefühl, einen halben Zentimeter neben sich zu stehen. Und Du fragst Dich: Warum bin ich das eigentlich nicht endlich los?
Eine Zuschauerin hat mir genau diese Situation beschrieben. Sie leidet seit anderthalb Jahren unter Schwindel und Benommenheit. Inzwischen kommt sie besser damit klar, hat nicht mehr die Angst, gleich umzukippen. Es gibt Tage, an denen sie die Symptome komplett vergisst. Und trotzdem leidet sie insgesamt weiterhin. Ich möchte in diesem Beitrag drei Themen ansprechen, die für viele Betroffene in ähnlicher Situation wichtig sind.
Die bessere Frage: Wann juckt es Dich nicht mehr?
Früher oder später kommt bei allen Klienten die gleiche Frage: „Kann ich das loswerden? Und wenn ja, wann bin ich das los?" Meine ehrliche Antwort darauf ist nicht besonders berührend. Sie lautet: Im Zweifel hast Du damit ein Leben lang zu tun.
Diese Antwort klingt hart. Aber ich glaube, sie ist der Ausgangspunkt für eine viel bessere Frage. Denn statt „wann bin ich das los" darfst Du Dich fragen: „Wann juckt mich das nicht mehr?" Das ist eine ganz andere Perspektive.
Ich kenne das aus meinem eigenen Leben. Es gibt Situationen, in denen mir jemand etwas vorschlägt und ich sage einfach: „Ja, können wir so machen." Und dann fällt mir plötzlich auf, dass ich früher gedacht hätte: „Nee, ich setze mich lieber weit hinten am Rand hin, dann kann ich jederzeit raus, wenn etwas ist." Diesen Gedanken hatte ich schon lange nicht mehr. Faktisch ist er also immer noch Teil meines Lebens, aber es liegt schon zehn Jahre zurück, dass er mich noch juckt.
Und da dürfen wir vorsichtig sein, weil wir häufig die gedankliche Präsenz haben: „Ich muss das komplett loswerden, sonst werde ich nicht glücklich." Nein, es muss Dich nur nicht mehr jucken. Und dass etwas nicht mehr juckt, kann manchmal nur Monate dauern, nur Wochen. Wenn Du wirklich anfängst, die Dinge zu tun, auch mit dem emotionalen Widerstand, den ich Dir dabei prophezeie, wirst Du merken: Veränderung kann teilweise von jetzt auf gleich in zwei Stunden geschehen.
Der Symptomsprung: Warum die Panik geht und andere Symptome kommen
Der zweite wichtige Punkt betrifft genau die Situation der Zuschauerin. Früher Panik, heute Schwindel und Benommenheit. Wie kann das sein?
Panikattacken sind in der Regel die stärkste Antwort unseres Systems auf das, was wir erleben. Es gibt eine Vorgeschichte, und diese triggert uns so sehr, dass es irgendwann für eine Panikattacke reicht. Panik ist also die heftigste Reaktion, an deren Ende die Reihe steht.
Aber Dinge verändern sich. Manchmal verändern wir sie aktiv, manchmal verändern sie sich automatisch. Und wenn sich Dinge verändern, reicht der Reizzustand vielleicht nicht mehr für eine Panikattacke. Und weil es nicht mehr so weh tut, lassen wir oft sofort vom Aktionismus los.
Das Problem: Dinge können immer noch so sehr triggern, reizen und unzufrieden machen, dass sie zwar gerade nicht mehr für Panik reichen, aber immer noch für viele andere Symptome. Und was klassischerweise passiert, ist nicht, dass wir weniger oder kleinere Panikattacken bekommen, sondern einen Symptomsprung zur Seite. Wir erleben nicht mehr die Panik, sondern Schwindel, Benommenheit, das Gefühl, einen halben Zentimeter neben sich zu stehen. Wenn Du an diesem Punkt bist, dann bedeutet das nicht: „Ich bin schon fast durch." Es bedeutet: „Ich habe erste Fortschritte gemacht, aber ich darf noch weiter am Ball bleiben." Denn wenn Du in die Kontinuität nicht findest, bleibt der körperliche Antwort-Modus einfach nur in einer anderen Form bestehen.
Warum es Phasen gibt, in denen alles gut ist, und dann wieder Tage der totalen Erschöpfung
Ein Klassiker: Manchmal fühlst Du Dich zwei bis drei Wochen wie ausgetauscht. Entscheidungsstark, führend, klar, symptomarm. Und dann kommen plötzlich zwei bis drei Tage, in denen Du wie ausgeknockt bist und gar nicht verstehst, was passiert.
Ich habe das bei einer Klientin sehr eindrücklich beobachtet. Sie war zwei Wochen lang wirklich anders. Sie wusste selbst nicht, was in dieser Zeit anders war. Und dann war es plötzlich wieder weg.
Das Bild, das ich hier gerne verwende, ist das Schwungrad. Wenn Du lange an Dir arbeitest, sammelt Dein System immer mehr Energie an. Irgendwann läuft das Schwungrad. Und vor lauter Freude, dass jetzt alles so flutscht, vergessen wir weiter zu investieren. Aber unser System ist träge. Es hat Versatz. Und das ist ein wichtiger Punkt.
Ich sage es mal sinngemäß: Wenn Du montags in Dein Schwungrad investierst, kann es sein, dass es Dir dienstags gut geht. Wenn es Dir dienstags gut geht, kann es sein, dass es Dir mittwochs schlecht geht, weil nur weil es Dir dienstags gut geht, heißt es nicht, dass Du auch dienstags investiert hast.
Wenn Phasen da sind, in denen zwei bis drei Tage nichts läuft, dann erweiter mal Deinen Beobachtungsradius. Nicht: „Was passiert heute Schlechtes? Was habe ich gerade falsch gemacht?" Sondern: „Wie war die letzte Woche? Wie waren die letzten Wochen? Habe ich an meinen Routinen festgehalten? Habe ich an meiner Kontinuität gearbeitet? Habe ich den Umgang mit meinen Befürchtungen, Unzufriedenheiten, Ideen, Wünschen und Bedürfnissen aktiv weitergepflegt? Bin ich immer wieder mal in das unintuitive Verhalten gegangen, nach dem ich mich gerade nicht gefühlt habe?"
Das sind die Fragen, die Dir helfen, das Schwungrad-Prinzip zu verstehen und im eigenen Leben anzuwenden.
Wenn Du versuchst, Normalität bewusst zu spüren
Ein letzter wichtiger Punkt: Die Zuschauerin schreibt, sie kann zwischendurch immer häufiger spüren, wie sich Normalsein anfühlen kann. Und diese Formulierung führt mich zu einem entscheidenden Prinzip.
Unser Gehirn möchte immer wieder lernen, um Dinge automatisiert ablaufen zu lassen. Das verbraucht am wenigsten Energie. Wir haben dabei vier Erfahrungsstufen: unbewusste Inkompetenz (wir wissen nicht, dass wir etwas nicht können, wie ein Kind das Autofahren), bewusste Inkompetenz (das erste Mal im Auto, wir merken: nichts geht), bewusste Kompetenz (nach der Fahrschule, wir können es, müssen aber über alles nachdenken) und schließlich unbewusste Kompetenz (nach einiger Zeit, wir fahren einfach). Je mehr Übung wir haben, desto mehr will unser Kopf in die vierte Stufe, weil sie am effizientesten ist.
Was hat das mit Symptomen zu tun? Die Wahrnehmung von uns selbst, unserer Umwelt, von Normalität und Realität ist eine Leistung der unbewussten Kompetenz. Je häufiger Du aber versuchst zu überprüfen, wie normal sich das gerade anfühlt, ob das da echt ist, wo die Symptome sind, wie wirklich die Wirklichkeit ist, desto stärker gehst Du mit Deinem Fokus bewusst in die dritte Stufe zurück. Und damit spiegelt Dir Dein Kopf zwar Informationen, aber die fühlen sich immer irgendwie anders an, immer irgendwie komisch. Und dann landen wir in genau solchen Umständen.
Das geht auch verstärkt in Richtung Derealisationsmuster. Ein Video dazu (Titel: „So kann deine Derealisation entstehen") beschreibt das noch tiefer. Der Punkt ist: Wer permanent überprüft, ob er sich normal fühlt, kann sich per Konstruktion nicht normal fühlen. Denn der bewusste Fokus auf Normalität hebt sie im gleichen Moment auf.
Fazit
Wenn Deine Panik weniger geworden ist, aber Schwindel oder Benommenheit übernommen haben, ist das kein Rückschritt. Es ist ein Zeichen dafür, dass Du auf einer bestimmten Ebene Fortschritt gemacht hast. Aber es ist auch ein Zeichen dafür, dass Du an der Kontinuität dranbleiben darfst.
Die drei Kernpunkte für Dich: Verlager die Frage von „wann bin ich das los" zu „wann juckt es mich nicht mehr". Beobachte den Symptomsprung und lass Dich davon nicht verwirren. Und arbeite mit dem Schwungrad-Prinzip, statt Tag für Tag auf sofortige Ergebnisse zu warten. Denn Kontinuität ist einer der wichtigsten Schlüssel für ein langfristiges Wohlergehen.
Und noch ein Hinweis: Nicht je mehr Videos Du guckst, desto gesünder wirst Du. Je mehr Videos Du guckst, desto eher wirst Du feststellen, wie sehr ich Dir immer wieder die gleichen Empfehlungen gebe. Deine Aufgabe ist es dann, in die Umsetzung zu kommen.
Das Buch zum Thema
In meinem Buch „Schluss mit Symptomen" findest Du das gesamte Wissen und die Werkzeuge, mit denen Du psychosomatische Symptome wie Schwindel, Benommenheit und Derealisation wirklich einordnen und Deinen Umgang mit ihnen verändern kannst.
Bereit für den nächsten Schritt?
Wenn Du merkst, dass Du mit diesen Themen nicht allein weiterkommst und Dir professionelle Begleitung wünschst, buche gerne einen Termin für ein Erstgespräch.