Steht und fällt eine Angststörung mit dem Selbstbewusstsein?

Momo hat gefragt: Steht und fällt eine Angststörung mit mangelndem Selbstbewusstsein? Ist das Aufbauen von Selbstbewusstsein die Lösung aller Probleme? Kann auch eine sehr selbstbewusste Person eine Angststörung bekommen? Und leidet nicht jede Person mit Angststörung einfach an mangelnder Selbstliebe? Gehen wir das Schritt für Schritt durch.

Drei Begriffe, sauber getrennt

Selbstvertrauen ist nicht skalierbar, es ist immer an. Wir vertrauen automatisch auf das, was wir gedanklich erleben, und knüpfen emotional daran an. Wir verändern also nicht, wie wir vertrauen, sondern die Inhalte, auf die wir vertrauen. Das Selbstwertgefühl entspringt der Selbstbewertung: Unser Gehirn denkt meist nicht positiv über uns, und von außen herrscht oft keine Lobkultur, ohne Eingreifen haben wir also schlechte Karten für ein gutes Selbstwertgefühl. Daran arbeitet man, indem man lernt, gut zu sich selbst zu sprechen. Selbstbewusstsein heißt: wie bewusst dir ist, dass vieles im Automatismus abläuft, und dass du lernst, dort einzugreifen.

Mangelndes Selbstbewusstsein macht keine Angststörung

Mangelndes Selbstbewusstsein kann mit einer Angststörung einhergehen. Aber du erkrankst nicht an einer Angststörung und bekommst deshalb Ängste, so wie du auch nicht an einer Depression erkrankst und deshalb depressiv bist. Beobachtbare Symptome beschreiben wir mit dem Namen Angststörung. Aus mangelndem Selbstbewusstsein entsteht also nicht automatisch eine Angststörung. Laufen aber Automatismen ab und treffen passende Auslöser auf deinen lebensgeschichtlichen Hintergrund, kann aus dem Gesamtkontext eine Angststörung entstehen. Die beiden Dinge hängen zusammen, aber „mangelndes Selbstbewusstsein gleich Angststörung" stimmt nicht.

Mehr Selbstbewusstsein ist nicht die Lösung für alles

Viele erwarten, wir gingen zu jemandem, der hilft, negative Gedanken nicht mehr zu erleben. Es geht aber nicht darum, dein Denken zu verändern, sondern zu lernen, anders mit dem umzugehen, was dein Gehirn anbietet, und mit der Zeit mehr Ruhe hineinzubringen. Wir wollen nicht, dass du weniger negativ denkst, sondern dass du Coping-Strategien entwickelst. Nur weil du besser mitbekommst, was in deinem Kopf passiert, hast du noch keine Strategie, anders damit umzugehen. Hinzu kommt: Auch gesunde Menschen denken in Szenarien, das ist eine automatisierte Verarbeitung im Kontext von Befürchtungen und gehört zum normalen Denken dazu. Ganz weghaben zu wollen funktioniert nicht.

Auch selbstbewusste Menschen bekommen Angst

Gerade Menschen, die sehr bewusst mitbekommen, welche Gedanken da sind, erleben oft, dass das eigentliche Problem nicht die Störung oder die Lebensgeschichte ist, sondern dass das Gehirn Automatismen setzt und sie zugleich negativ bewertet, und wir unter diesen Bewertungen leiden. Diese negativen Bewertungen bekommt eine selbstbewusste Person theoretisch sogar stärker mit. Das heißt aber nicht, dass sie gelernt hat, dort einzugreifen, das ist der entscheidende Unterschied. Ich und du sind uns im Denken ähnlich, ich habe nicht weniger negative Gedanken, ich habe nur andere Strategien im Umgang damit. Deshalb geht es viel um Modelllernen: Ich mache das so, andere so, und du trainierst, was zu dir passt.

Selbstliebe ist aktiv, nicht passiv

Man kann an mangelnder Selbstliebe leiden. Oft schwingt aber die Idee mit, Selbstliebe habe man einfach oder nicht, ohne Zugriff darauf. Das ist wieder die Unterscheidung zwischen aktiv und passiv. Du liebst dich mehr, indem du in deiner inneren Kommunikation anfängst, Liebevolles an dich zu richten. Wartest du darauf, dass dein Gehirn diese Inhalte von allein liefert, wartest du lange. Selbstliebe und Angststörung sind ein Korrelationsthema, nicht zwingend ein Kausalzusammenhang, und selbst wenn, würde dir das allein nicht helfen, liebevoller mit dir umzugehen.

Es ist wie in einer Partnerschaft: Liebe ist ein Produkt von gestern, heute und vorgestern und erneuert sich ständig aus vielen kleinen Situationen. Strengst du dich in einer Partnerschaft nicht an, erlebst du sie irgendwann als anstrengend, mit der Selbstliebe ist es genauso. Wenn ich jeden Tag ein wenig trainiere, etwas zu sagen, das ich vorher nicht gedacht oder gefühlt habe, sage ich es nicht, weil ich mich schon so fühle, sondern obwohl ich mich noch nicht so fühle, damit ich mich danach Stück für Stück mehr so fühlen kann.

Wie Selbstwert, Selbstbewusstsein und der aktive Umgang mit dir selbst zusammenhängen, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.

Du möchtest lernen, aktiv besser mit dir selbst umzugehen, statt auf ein anderes Gefühl zu warten? Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

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