Agoraphobie: Morgens schlecht, nachmittags wie ausgewechselt, was tun?

Stefan schreibt: Ich habe eine Agoraphobie, mit körperlichen Symptomen wie Schwindel und Gangunsicherheit, alles ärztlich untersucht und ohne Befund. Wie kann ich mich motivieren, trotz der Angst mit dem Kind rauszugehen? Die Symptome bestehen meist bis mittags, am Nachmittag sind sie weg, dann kann ich alles machen. Darauf gehe ich gern ein.

Was Agoraphobie bedeutet

Agoraphobie ist im ursprünglichen Sinn die Platzangst, agora ist griechisch der Marktplatz, also die Angst vor weiten Plätzen, Menschenansammlungen und früher auch weiten Reisen. Heute fasst man es mehr über die Angst- und Befürchtungsebene: Man gerät in eine Situation, aus der man nicht flüchten kann, bekommt Symptome, die gefährlich werden könnten, und fürchtet Dinge, die einem vor anderen peinlich sein könnten. Nach ICD-10 ist F40.01 die Agoraphobie mit Panikstörung, F40.00 die ohne.

Wie bei allen Mustern gilt: Man erkrankt nicht daran und bekommt deshalb die Symptome, sondern man erlebt mit der Zeit Symptome, jeder ist dafür ein Stück weit vulnerabel, und dann benennt man das Ganze. Auch in mir steckt etwas Agoraphobes, nur nicht so stark, und es gibt individuelle lebensgeschichtliche Hintergründe, warum es bei dem einen stärker herausbricht.

Nicht das „Warum", sondern das „Dass"

Der Unterschied zwischen morgens und nachmittags verleitet dazu, zu fragen, warum das so ist und warum nicht. Diese Warum-Frage fixiert uns aber an der Problematik, statt lösungsorientiert zu sein. Lösungsorientiert heißt für mich, nicht zuerst zu fragen, warum es so ist, sondern den Fokus darauf zu richten, dass es so ist. In einer klassischen Sicht würde man vielleicht sagen, morgens sei ein typisches Morgentief, das für eine Depression spreche, aber was hilft dir diese Etikettierung? Wir greifen lieber auf, dass es nachmittags anders ist. Bleib dabei locker: Es gibt nicht den einen richtigen Gedanken, der alles gut macht, und nicht den einen falschen, der alles zum Problem macht. Wir wollen zuerst genauer beobachten und zuhören.

Morgens und nachmittags vergleichen

Geh über die Basis, schau dir das Video „Wie entsteht ein Gefühl" an: Wir denken vor allem in Bildern und inneren Stimmen, automatisch und negativ geprägt. Wenn es nachmittags besser läuft, kannst du wahrscheinlich andere Gedanken beobachten als morgens. Ich glaube nicht, dass es den einen richtigen Gedanken gibt, der den Unterschied herbeizaubert, aber es gibt Beobachtungspotenziale, mit denen du arbeiten kannst.

Schritt für Schritt, und wenn nötig zwing dich regelrecht dazu: Schreib deine Gedanken konsequent mit. Dein Kopf wird versuchen, dich davon abzuhalten, mach trotzdem nichts anderes, als die Gedanken festzuhalten, besonders im Kontrast der Tageszeiten. Was ist morgens präsent, was nachmittags? So kannst du versuchen, das, was morgens da ist und nachmittags fehlt, mit dem zu tauschen, was nachmittags da ist und morgens fehlt.

Mach es nicht, weil du dich danach fühlst

Unser Gehirn funktioniert simpel: Gute Bilder im Kopf, gutes Gefühl, schlechte Bilder, schlechtes Gefühl. Wichtig: Mach es nicht, weil du dich danach fühlst, würdest du dich danach fühlen, bräuchten wir dieses Video nicht. Mach es, weil wir uns darauf einigen, diese Technik anzuwenden. Geh dabei auch auf die scheinbaren Gegenargumente deines Kopfes ein. Er sagt, klar, du könntest mitschreiben, aber ist das gerade so wichtig, was bringt das? Genau das macht mein Kopf auch. Deshalb: Warte nicht darauf, dass dein Kopf von allein erleichternde Gedanken hochbringt, sei selbst derjenige, der den Unterschied macht.

Wie du deine inneren Bilder beobachtest, umtrainierst und ins Handeln kommst, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.

Du kennst diese Angst, rauszugehen, obwohl ärztlich alles in Ordnung ist, und möchtest daran arbeiten? Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

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Steht und fällt eine Angststörung mit dem Selbstbewusstsein?