„Du musst dich mit deinen Ängsten konfrontieren": Warum das oft nicht reicht
Claudia und Sarah haben sich zum Thema Konfrontation gemeldet. Claudia versteht es so: Konfrontation bedeutet, Dinge, von denen man glaubt, sie nicht tun zu können, etwa Arbeit oder Haushalt, trotzdem zu tun und die auftretenden Symptome nicht negativ zu bewerten, das ist schon ein sehr gutes Verständnis. Sarah wünscht sich ein Video zur Konfrontation bei sozialer Phobie, sie hat kürzlich erlebt, wie man es besser nicht macht: Schwindel und Tinnitus, und sie war wie gelähmt.
Was mit „Konfrontation" gemeint ist, und was nicht
Konfrontation ist ein maßgeblicher Bestandteil der Verhaltenstherapie und bei Ängsten mit guter Studienlage wirksam. Was ich schwierig finde: Viele kassenzugelassene Formate erklären die konkrete Funktionalität kaum, man kann rückblickend sagen, es funktioniert bei vielen, aber schlecht vorhersagen, wie genau bei wem, warum und wie gut. Der Begriff wird zudem in verschiedenen Manualen unterschiedlich verstanden. Mir geht es hier weniger um eine bestimmte Methode als darum, was Konfrontation hilfreich macht und wie du den gut gemeinten Rat „konfrontier dich" überhaupt effektiv umsetzt.
Der Kern: die Bilder im Kopf
Unser Gehirn verarbeitet alle Informationen bildhaft. Deshalb frage ich zuerst: Was hast du auf deiner inneren Verarbeitungsebene gesehen, sodass dein Kopf mit Symptomen reagiert? Die Frage ist nicht, warum die Bilder da sind oder wie man sie wegbekommt, sondern: Wie kannst du beim nächsten Mal in diesen Mechanismus eingreifen und andere Bilder erscheinen lassen? Das gibt situative Entlastung und ist zugleich Training. Die meisten Dinge, die wir erleben, sind antrainierte Muster, die man umtrainieren kann, ähnlich wie das Autofahren, das irgendwann ohne Nachdenken läuft, es ist nur ein Beispiel dafür, wie das Gehirn arbeitet.
Warum eine einmalige Konfrontation zu kurz greift
Zeitlich reden wir bei einer Konfrontation oft nur über Sekunden bis Minuten, und das auch nur, wenn jemand es überhaupt hineinschafft. Eine Klientin sagte sich einmal, ich muss mich konfrontieren, fuhr in voller Panik mit der Gondel auf den Berg, und dann war es vorbei, kein Lernprozess, sondern ein Kraftakt.
Deshalb arbeite ich mit den Leuten auf die Konfrontation hin. Wir nehmen uns im Vorfeld Zeit und bringen das Gehirn Tag für Tag, fast wie im Fitnessstudio, mit den entsprechenden Bildern in Berührung. Beispiel Autofahren: Konfrontation heißt nicht, sich einfach auf die Autobahn zu setzen. Am ersten Tag stelle ich mir für eine Minute vor, ich fahre Auto, und wechsle dann bewusst zu dem Bild, wie es aussieht, wenn es klappt. Am zweiten Tag bleibe ich länger dran, am dritten gehe ich weiter ins Bild, was ist, wenn die Panik erst an der Abfahrt kommt, dann, wenn sie erst zu Hause kommt, und so weiter. Über dieses individuell anpassbare Herangehen kommen viele überhaupt erst in die Lage, eine Konfrontation zu erreichen.
Erfolg sichern
Hat jemand eine Konfrontation geschafft, konkretisieren wir: Was genau hast du geschafft, und wie? Wir gehen in eine Sicherungsphase und machen uns die Leistung bewusst, wir haben etwas geschafft, weil wir uns gekümmert und vorbereitet haben. Führen wir uns den Erfolg nicht vor Augen, tut es kein anderer, und einen Erfolg als Lernkurve zu verschenken wäre schade.
Was Konfrontation wirklich leisten soll
Wir sind letztlich ein emotionales Produkt der Bilder, die wir tagein, tagaus denken (das gilt nicht für jeden zu hundert Prozent, aber für die meisten). Eine einmalige Konfrontation, die geklappt hat, führt nicht zu dauerhaftem Erfolg. Eine Konfrontation, die für dich funktioniert, ist daran messbar, dass du danach dauerhaft andere Bilder im Kopf hast, und das ist ein Lerneffekt, denn wir glauben an das, was wir am häufigsten erleben. Wichtig: Selbst eine erfolgreiche Konfrontation macht dir nicht sofort glückliche Bilder. Sie ist dann gut, wenn sie dich in die Lage versetzt, dir selbst schneller andere, gute Bilder zu machen.
Aus meiner Erfahrung funktioniert es also nicht, sich einmal zu konfrontieren, sondern sich auf einer anderen Ebene konsistent und effektiv damit zu beschäftigen. Der Ratschlag „konfrontier dich mit deinen Ängsten" meint eigentlich genau das. Oft wird er aber verteilt, weil man sich nicht weiter damit beschäftigen will, nicht, um wirklich zu helfen. Denn das Gegenteil von gut ist nicht schlecht, sondern gut gemeint. Wenn du wirklich Veränderung willst, trainiere um, weit über den kurzen Moment einer Konfrontation hinaus.
Wie du dich wirksam auf Konfrontationen vorbereitest und deine inneren Bilder umtrainierst, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.
Du willst dich deinen Ängsten stellen, aber so, dass es wirklich trägt? Ich begleite dich in der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.