Panikstörung durch Kiffen oder Geldsorgen? Schwindel, Panik und Derealisation

Eric schreibt mir ausführlich: An Silvester hatte ich meine erste Panikattacke nach zwei, drei Zügen eines Joints, ich dachte wirklich, ich muss sterben. Ein paar Tage später die zweite beim Joggen, mein Fokus plötzlich nur auf Herzschlag und Atmung, Angst, bewusstlos zu werden und dass mich niemand findet. Dann immer wieder kleinere Attacken, eine Angst vor der Angst, seit zwei Monaten beobachte ich meinen Körper von morgens bis abends. Hintergrund: 2018 Glücksspiel, viel Geld verloren, Schulden, zwei Jahre Geldsorgen, seit Januar davon distanziert. Können die Geldprobleme und das Kiffen schuld sein, dass ich jetzt in einer Panikstörung bin?

Cannabis als erstauslösendes Ereignis

Marihuana hat positive wie negative Seiten, aus meiner Sicht kann es durchaus eine Einstiegsdroge sein, das Milieu kenne ich aus dem Rettungsdienst. Kritisch ist der Konsum vor allem bei Menschen, die ohnehin andere kritische Themen im Leben haben. Ein Problem ist die Dosierbarkeit, gerade bei Edibles wie Space Cakes oder Brownies verteilt sich der Wirkstoff ungleichmäßig, das erhöht das Risiko eines Horrortrips, das Verdampfen ist noch die verträglichere Variante. Eine Panikattacke nach Cannabis-Konsum ist eine typische Situation, auf der so eine Problematik aufbauen kann. Oft ist das nur ein Zufallsgeschehen, ein „erstauslösendes Ereignis". Nach einer halben Stunde war bei dir alles wieder normal, aber im Nachhall bleibt es als Thema hängen.

Warum der Fokus auf Herz und Atmung kippt

Dass die Symptomatik plötzlich hochkam, ist oft ein Trugschluss, meist hat sich etwas entwickelt, bis eine Wahrnehmungsschwelle überschritten war. Der extreme Fokus auf Herzschlag und Atmung spricht für eine akute Stresshormonausschüttung, Denken und Fühlen hängen dann nur noch an diesem Punkt. Die Angst, umzukippen und dass dich keiner findet, ist eine sehr verbreitete Kernangst. Dazu passt das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können und Luft nachziehen zu müssen, das Kennzeichen einer Hyperventilation. Daraus entsteht die Angst vor der Angst.

Erst organisch abklären

In den wenigsten Fällen ist der Hintergrund rein organisch. Zu prüfen sind vor allem die Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) und, selten, ein Phäochromozytom, ein gutartiger Nebennierentumor, der attackenartig Stresshormone ausschüttet und sich eher durch immer weiter steigende Blutdruckattacken und durch beim Sport zunehmende Symptome zeigt. Ich empfehle Panikattacken-Patienten eine hausärztliche Labordiagnostik, wobei die Schilddrüse extra getestet werden muss, nicht im kleinen oder großen Blutbild enthalten ist, lass TSH, T3 und T4 prüfen, gerade wenn es in der Familie Schilddrüsenthemen gibt. Ehrlich gesagt habe ich in elf Jahren noch keinen einzigen Fall gehabt, bei dem die Schilddrüse die Ursache der Panik war, aber abklären lassen bleibt wichtig.

Die Grundstruktur bleibt nützlich

Das Problem ist nicht, dass der Körper die Panikreaktion macht, sondern dass unser Kopf sie aufsammelt und daraus die großen Kurven baut. Kleine Panikreaktionen in brenzligen Situationen dürfen den Rest unseres Lebens zugegen sein, die Grundstruktur ist nützlich. Es geht darum, nicht mehr so stark darauf zu reagieren: aufstehen, in Bewegung kommen, Muskelaktivität, eine Kleinigkeit trinken. Abends vor dem Fernseher wandert der Fokus bei wenig Aktivität zum „roten wabernden Gedanken", dem Querschnitt dessen, was gerade eine Rolle spielt, und wenn das Panik ist, kommt sie beim Zur-Ruhe-Kommen hoch. Deshalb lohnt es, sich regelmäßig bewusst auf andere Dinge zu fokussieren, damit dort andere Inhalte einprogrammiert werden. (Meditation ist übrigens nicht, weniger zu denken, sondern einen Gedanken so groß zu machen, dass die anderen keine Rolle spielen.)

Beobachten erzeugt mit

Seit zwei Monaten beobachtest du alles, und das erschafft mit. Aufwachen heißt nicht, der Kopf startet und dann der Körper, sondern der Körper kommt in Gang, und dadurch wird der Kopf wach, wir erwachen mit angekurbeltem Organismus, also quasi in Form einer kleinen Aktivierung, das ist normal. Entscheidend ist, wie du diese Beobachtung bewertest. Statt weniger in dich hineinzuhorchen, was selten gelingt, weil das Gehirn nicht nicht verarbeiten kann, trainier dir an, mehr von etwas anderem zu tun, das unverfänglicher ist und deinen Fokus zieht, dann wird für das Hineinhorchen automatisch weniger Platz sein. Distanz entsteht nicht aus Distanz, sondern aus Nähe zu Neuem.

Dazu passt ein Satz, der mir gerade frisch durch den Kopf ging: Das Symptom ist kein Ausdruck der Erkrankung, die Erkrankung ist nur eine Umschreibung des Symptoms, und das Symptom ist Ausdruck antrainierter Denkstrukturen, die man bei sich selbst aufdecken kann.

Symptomspitze und Symptomhintergrund

Man kann diese Zustände zweiteilen: die Symptomspitze, das körperliche Erleben der Angstreaktion, und den Symptomhintergrund, die eigentlich interessantere Ebene, zu der man kommt, wenn die Spitze nicht mehr so bedrohlich ist. Schnelle Tipps bringen keinen nachhaltigen Erfolg, denn wir glauben nicht, was richtig ist, sondern was wir am häufigsten gehört haben.

Geld, Sucht und Ziele

Dein Hintergrund, Glücksspiel, Schulden, zwei Jahre Geldsorgen, ist genau das, worüber man in einer Einzelsitzung sprechen würde. Dass du dich seit Januar vom Glücksspiel distanziert hast, ist ein echt schwieriger, großartiger Schritt. Bedenke: Bei Instagram, YouTube, Google und Facebook arbeiten die besten Suchtexperten daran, den Algorithmus so zu programmieren, dass du möglichst schnell süchtig wirst. Wenn du es geschafft hast, davon Abstand zu halten, schaffst du auch alles andere. Wichtig ist, dass du dir das selbst sagst, sonst fehlt die Grundlage für ein eigenes gutes Gefühl.

Eine interessante Arbeitshypothese: Menschen bekommen immer so viel Geld, wie sie brauchen. Wenn das so wäre, was müsstest du verändern, wie viel dir zufließt oder wie viel du brauchst? Wie viel ich brauche, hängt mit meinen Zielen und Zielbildern zusammen, und genau da liegt für mehr Stabilität der Hebel. Wofür lohnt es sich, jeden Tag aufzustehen? Nicht für ein durchschnittliches Leben mit Angst vor Misserfolg und ohne gutes Ziel.

Nicht die Geldprobleme, die Bewertungsmuster

Kann also das Geld plus das Kiffen schuld sein? Eine Kernaufgabe unseres Kopfes ist die Bewertung. Frage ich dich nach zehn Meinungen, sind es oft nicht deine, sondern die deines Gehirns, die du unreflektiert übernommen hast, und du darfst mitreden. Die meisten Einstellungen und Gefühle sind eine Zusammensetzung aus Wahrnehmung und Bewertung. Das Panikgefühl ist nicht das Problem, das Panikgefühl plus die Bewertung macht es kritisch. Minus auf dem Konto ist für manche Menschen emotional gar kein Problem, weil Gefühle nicht auf objektiven Tatbeständen beruhen. Zwei Jahre Geldprobleme sind nicht die Ursache, aber die Bewertungsmuster, die in dieser Zeit immer präsent waren, erzeugen Stress, Verspannung, schlechten Schlaf, schlechte Ernährung, einen großen Rattenschwanz. Kompliziert ist das nicht, es geht immer nur darum, welche Bewertungsmuster du im inneren Erleben hast. Der konkrete Mechanismus hinter der Panikstörung sind nicht zwei Jahre Geld und Kiffen, sondern viele, viele Denkmuster, die wir aufdecken dürfen. Die meisten Panikstörungen sind in dem Sinne selbst gemacht, und nur du selbst kannst auf lange Sicht dafür sorgen, dass sie geht. Ein Arzt oder Therapeut heilt eine Panikstörung in der Regel nicht, aber jemand wie ich kann dir eine Anleitung geben, wie du es konkret umsetzt.

Und noch der Hinweis: Jede neue Symptomatik gehört zuerst fachärztlich abgeklärt. Die benommene Sicht etwa ist meist eine subjektive Einschätzung, augenärztlich findet sich oft keine Einschränkung, der Visus ist unverändert, aber durch ständiges Abfragen nimmst du Dinge wahr, die vielleicht da, aber völlig unpathologisch sind, etwa eine Glaskörpertrübung, die vorher auch schon da war.

Warum „angstfrei leben" kein gutes Ziel ist

Die Angst vor der Angst hat sich eingebrannt, du hast dir eine neue sechsspurige Datenautobahn trainiert. Löschen kannst du sie nicht, aber du kannst andere Dinge antrainieren, sodass sie sich nicht mehr so stark einbrennt, und das schaffst du, weil du die alte Autobahn ja auch antrainiert hast. „Ich möchte wieder angstfrei leben" ist als Ziel aber ungünstig. Erstens beschreibt Angstfreiheit den Ausschluss des Unerwünschten, und da der Kopf nicht nicht verarbeiten kann, kommt dir ein Bild des Unerwünschten vor Augen. Wie bei „hoffentlich kein Stau": Du siehst keine freie Straße, sondern rote Rücklichter. Formuliere die Anwesenheit des Erwünschten. Zweitens trägt es die falsche Erwartung, man könnte angstfrei leben. Wir sind alle Angsthasen, und unsere Vorfahren waren es auch, zum Glück, sonst gäbe es uns nicht. Das Ziel ist nicht, dass das Problem nie wieder auftaucht, sondern eine Kompetenzstrategie, wie du beim nächsten Mal damit umgehst. Unser Kopf denkt grundsätzlich erst mal dramatisch, es geht nicht darum, nicht mehr Angst zu erleben oder negativ zu denken, sondern wie du damit umgehst.

Noch zur Hoffnung: Ich werde bei dem Wort immer hibbelig. In Versuchen halten Labormäuse im Wasser etwa eine Stunde durch. Rettet man eine kurz vor Schluss und setzt sie wieder ein, hält sie deutlich länger durch, weil Hilfe kam. Hoffnung ist nicht schlecht, aber wenn sie das Einzige ist, worauf wir uns stützen, verlängert sie häufig nur das Leid.

Sich mit der Angst anfreunden

Wenn wir uns um unsere psychische Gesundheit kümmern, müssen wir ergründen, wie der Kopf Informationen verarbeitet, und dazu gehört: Wir sprechen den ganzen Tag mit uns selbst. Sage ich dir von außen, du hast einen guten Job gemacht, wirkt es erst, wenn du es dir selbst sagst. Wir gehen nicht schlecht mit uns um, weil wir ein niedriges Selbstwertgefühl haben, sondern wir haben ein niedriges Selbstwertgefühl, weil wir trainiert sind, schlecht mit uns zu sprechen. Würdest du mit einer besten Freundin so reden wie mit dir selbst, wie lange würde sie deine Nähe tolerieren? Wir wollen kein Gleichgewicht aus Selbstkritik und Selbstlob, sondern ein deutliches Übergewicht an Eigenlob, denn durch Kritik wird niemand besser.

Und schließlich: Du hast lange genug gegen deine Angst gekämpft, das hat nicht funktioniert, Zeit für ein neues Modell. Die Angst ist nicht die Krankheit, sie gehört zu uns, das Problem entsteht erst, wenn wir gegen sie kämpfen, weil wir glauben, solche Gefühle seien nicht erlaubt. Wir dürfen uns mit der Angst anfreunden, sie externalisieren, sie an den Tisch bitten, ihr einen Keks und ein Glas Milch anbieten und den Moment der Panik entschleunigen, wofür habe ich eigentlich genau Angst? Wir sollen nicht besser darin werden, die Angst zu bekämpfen, wir dürfen besser darin werden, uns mit ihr anzufreunden.

Wie du aus vielen Denk- und Bewertungsmustern heraus deine Panikstörung verstehst und einen neuen Umgang lernst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Du erkennst dich in dieser Geschichte wieder und möchtest an den Denkmustern hinter deiner Panik arbeiten? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

Zurück
Zurück

So kannst du Trauer und Panikattacken überwinden

Weiter
Weiter

Kann der Tod eines Angehörigen eine Derealisation auslösen?