Reicht es, einfach positiv zu denken? Was bei Angst wirklich hilft
Eine Zuschauerin hat gefragt: Habe ich es richtig verstanden, dass man einfach ein positives Bild fürs innere Auge holt und das trainiert, egal was, und die Symptome im Kopf unkommentiert lässt? Gute Frage, aber ich würde das nicht ganz so sehen, und ich erkläre gern, warum.
Angst ist eine Reaktion auf innere Bilder
Wenn wir eine Angst interpretieren, gehen wir oft in die Tiefe der Psyche. Meistens ist es aber viel einfacher, nicht unbedingt leichter zu lösen, aber ohne die erwartete Kompliziertheit: Wir reagieren mit Angst auf das, was wir gedacht haben. Welches Bild, welche innere Stimme war da? Genau diese Ebene wird in fast jeder kassenzugelassenen Therapie und in fast keiner Klinik erklärt. Viele sagen: Ich habe alles, Gesundheit, Job, Familie, und trotzdem diese Ängste. Wir haben nicht Angst wegen der Dinge um uns herum, sondern wegen der Dinge auf unserer inneren Verarbeitungsebene.
Ängste gehören zum Leben
Warum habe ich überhaupt diese negativen Gedanken? Weil sie zum Leben gehören. Man kann sich Ängste durch keine Therapie „wegtrainieren", es geht darum, anders mit den angstauslösenden Gedanken umzugehen. Es ist normal, dass der Kopf uns dramatische, misserfolgsorientierte Inhalte liefert. Bei den meisten ist die Bewertbarkeit der eigenen Gedanken das eigentliche Problem, nicht eine Depression, die Depressivität „auslöst", oder eine Angststörung, die Ängste „bereitet".
Der Zeigarnik-Effekt: passende statt beliebige Gedanken
Unser Gehirn arbeitet mit dem Zeigarnik-Effekt: Es schiebt uns Aufgaben immer wieder nach vorne, bis wir sie erledigt haben. Ein guter Kellner hat die offene Rechnung präsent, sobald bezahlt ist, ist das Wissen weg, wie eine abgehakte To-do-Liste. Beispiel: Die Befürchtung „Habe ich etwas Wichtiges vergessen?" kommt hoch. Ich wende mich ihr zu und schreibe eine Packliste, das Bedürfnis ist befriedigt, ich schaue nicht wieder rein.
Und jetzt zur eigentlichen Frage: Wenn ich mir bei „Habe ich etwas vergessen?" sage, zur Not kaufe ich es nach, gibt mein Gehirn Ruhe. Wenn ich aber bei „Was ist, wenn das Kind doch Corona bekommt, was ist, wenn sonst etwas passiert" einfach nur „Einhorn mit Regenbogen und Glitzer" denke, löst das mein Problem nicht. Einfach etwas Positives zu denken hat oft nicht den Aufgabenerledigungscharakter, den das Gehirn braucht. Es braucht eine zur ursprünglichen Befürchtung passende Antwort.
Deshalb: Halte den Bezug zwischen Befürchtung und Reaktion eng. Deine zielorientierten Gedanken dürfen sehr nah am angstauslösenden Gedanken bleiben. Frag nicht so sehr, warum die Gedanken da sind, sondern kümmere dich um die Befürchtung, indem du sie aufschreibst, und gib ihr sehr konkret eine Zielorientierung. Es ist also nicht egal, welche Inhalte du im Kopf hast, arbeite dich vor zu Gedanken, die im konkreten Kontext auch wirklich funktionieren.
Warum „Symptome unkommentiert lassen" nicht funktioniert
Eine Symptomatik ist bei uns nur deshalb eine Symptomatik, weil eine Wahrnehmung gedanklich bewertet wird, da ist also schon ein negativer Kommentar. „Ich lasse die Symptome unkommentiert" kann deshalb kaum funktionieren, weil dein Gehirn den Kommentar in der Regel längst abgegeben hat.
Wichtiger ist mehr Bewusstheit, wieder über das Mitschreiben, aber diesmal nicht der Befürchtungen, sondern der Bewertungsmechanismen. Wenn dein Kopf sagt, nein, jetzt nicht schon wieder dieses Benommenheitsgefühl, oder, oh Mann, schon wieder dieser Brain Fog, dann sind das Bewertungen. Das Gehirn kommentiert unsere Erlebnisse sofort, meist negativ, für bessere Überlebenschancen. Arbeite deine typischen negativen Bewertungen heraus, und wenn du merkst, jetzt habe ich wieder automatisch negativ bewertet, setze eine vorbereitete, weniger negative oder neutrale Bewertung ein. Genau die darfst du trainieren.
Wie du deine Befürchtungen gezielt bearbeitest und deine Bewertungen umtrainierst, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.
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