Psychosomatische Verspannungen im Zwerchfell, gibt es das?
Nicole schreibt: Meine psychosomatische Verspannung im Zwerchfell wird davon ausgelöst, dass ich fast zwanghaft kontrolliere, ob sie noch da ist. Sie wurde vor Jahren ausgelöst durch eine posttraumatische Belastungsstörung, und ich finde die Auslöser für meine Kontrollgedanken nicht. Ich bin zeitweise wirklich verzweifelt. Mit Meditation, Achtsamkeit und positiven Gedanken bekomme ich mich einigermaßen reguliert, aber innerlich warte ich schon auf die nächste Phase.
Warum die Geschichte zählt
Zu Beginn einer Therapie ist die Geschichte wichtig. Bei posttraumatischen Belastungsstörungen und Angststörungen ist viel im Leben eines Menschen passiert, entweder viel über die Zeit oder viel auf einen Punkt. Man unterscheidet die einmalige Traumasituation von Entwicklungstraumata, die etwa aus kindlichen Prozessen und toxischen Beziehungsmustern entstehen, auch im höheren Lebensalter. Nach Studienlage haben Menschen, die aus traumatischen Belastungssituationen eine Belastungsstörung entwickeln, in der Anamnese meist schon andere Komorbiditäten, wer unter anderen psychischen Störungen leidet, ist anfälliger, traumatisiert zu werden und eine PTBS zu entwickeln. Ein kurzer Einblick, ein Blitzlicht-Moment, gibt nicht genug Information, um die Situation angemessen zu verstehen und Handlungsempfehlungen auf den Punkt zu bringen. Die Symptomatik und das Leben eines Menschen sind in der Regel gut eingespielt, man kann vom Menschen auf sein Leben schließen und umgekehrt.
Die PTBS erzeugt keine Zwerchfell-Verspannung „automatisch"
Aus meiner Sicht geht es weniger darum, dass durch den posttraumatischen Belastungsprozess eine psychosomatische Verspannung im Zwerchfell entsteht. Das ist eine These, die auf der Beobachtung des Betroffenen aufbaut, keine vorhersagbare Ableitung im medizinischen Sinne. Wenn du eine aufsteigende Infektion hast, die die Eustachische Röhre zusetzt, können wir Ohrenschmerzen bis hin zu einer Mittelohrentzündung erwarten. Aber bei einer PTBS sehen wir nicht standardmäßig die Entwicklung, dass ein Spannungserleben im Zwerchfell entsteht.
Rein symptomatisch liegt hier wahrscheinlich eine latente oder qualifizierte Hyperventilation vor, die weniger mit dem Trauma oder der PTBS zu tun hat als grundsätzlich mit dem Leben eines Menschen. Bei bestimmten Patientengruppen gibt es eine gewisse Vulnerabilität, mehr Stress auf die Atmung zu bekommen, introspektiver zu sein und sehr negative Gedanken zu erleben.
Am Symptom arbeiten, das Trauma links liegen lassen
Es geht also nicht darum, dass du dein Trauma löst, um irgendwann hoffentlich eine Entlastung auf dieser Verspannungsebene zu erleben, sondern darum, wirklich am Symptom zu arbeiten. Das heißt Atemübungen, die den Atem runterregulieren, und ein besseres Coping mit Hyperventilationssymptomen, also diesem typischen Gefühl, ich kann nicht richtig durchziehen, ich muss noch mal Luft hinterhersetzen. Vielleicht begleitet dich eine Atemtherapeutin über einige Wochen oder Monate.
Immer, wenn wir ins Atmen eingreifen, ist das genau das Thema. In der Höhe etwa geht mir beim Aufstieg die Luft aus, der erste Impuls ist, jetzt mehr atmen, der zweite Gedanke, lass den Körper machen, ich habe genug Rezeptoren, die regulieren, wie viel und wie schnell ich atmen sollte, der macht das schon gut. Diesen zweiten Gedanken habe ich mir antrainiert. Wichtig ist, ein Einverständnis in die Situation mitzubringen und die ersten Ideen zu überprüfen, vorne mal warten, von hinten kommt Rat. Die Vorannahme „ich habe eine Verspannungsproblematik, die auf einer PTBS aufbaut", ist zunächst nur eine These. Wie bei den klassischen Vorannahmen (iss deinen Teller leer, dann gibt es morgen gutes Wetter) lohnt es, sie zu hinterfragen, um Klarheit zu bekommen.
Denn wir müssen aufpassen: Ein Patient sagt, mir geht es nicht gut, ein früherer Therapeut hat gesagt, ich habe eine PTBS, deshalb diese Probleme. Manche Therapeuten hinterfragen das nicht groß, nach dem Motto, wenn ein Kollege das schon so gesetzt hat, greife ich nicht mehr ein, und bauen auf diesem Beschwerdebild weiter auf. Deshalb empfehle ich Nicole, wirklich in Atemübungen zu gehen und das Trauma einmal links liegen zu lassen, denn wenn man schnell ans Trauma herankäme oder eine Traumadistanzierung viel verändern würde, wäre das bei ihr wahrscheinlich schon passiert.
Warum sich Störungen halten
Wichtig ist auch: Wir können hier zuschauen und zuhören, bleiben aber zu oft in der passiven Zuschauer-Ebene, wir dürfen viel aktiver werden. Nicole wirft genau den Punkt ein, sie wartet darauf, dass der nächste negative Gedanke kommt. Wir sollten uns nicht nur fragen, warum sich Störungen festsetzen, sondern auch, warum sie sich halten. Die negativen Gedanken, die du mitbekommst, sind vollkommen normal, auch eine geheilte Angststörung ließe Szenarien, Automatismen und negatives Denken nicht verschwinden, das ist unser Kopf. Was Nicole beschreibt, ist aus meiner Sicht der Chronifizierungsgrund: Ich habe diese Gedanken, sie setzen mich unter Druck, und sind sie mal nicht da, habe ich Glück, aber ich warte schon darauf, dass die nächsten kommen.
Schau dir das Video an, darum suchst du nach deinem Symptom. Es geht um die Kategorisierung gedanklicher Mechanismen: Habe ich heute die entsprechenden Gedanken, lade ich diese Präsenzen heute schon ein und programmiere, dass sie morgen wiederkommen. Deshalb brauchen wir Trainingsmechanismen, unser Gehirn glaubt an das, was es am häufigsten gehört hat. Umtrainieren heißt, immer wieder ins eigene Denken einzugreifen und neue gedankliche Strukturen, die das Gehirn von allein nicht setzen würde, immer wieder hinzusetzen, nicht weil das Gehirn das schon annimmt, nicht weil ich mich danach fühle. Ein Denkfehler, den man erwarten könnte: Ich gucke ein Video, gehe in Therapie, nehme Medikamente, gehe in eine Klinik, in der Hoffnung, dass das negative Denken aufhört. Viele hier zeigen, dass das nicht von allein passiert und wir daran arbeiten dürfen.
Wie du am Symptom statt am Trauma ansetzt und den Chronifizierungsgrund auflöst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
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