Panik ohne Auslöser? Vielleicht ist DAS der Grund (Schwungrad)
Ich hatte diese Woche in einem Gespräch eine Situation, die ich so schon öfter erlebt habe, und möchte sie als Beispiel teilen, weil sie auf der Selbstbeobachtung, auf dem Umstand, dass unser Gehirn sich selbst immer krankredet, und auf einem dritten Standbein aufbaut. In der Sitzung ging es um eine junge Frau mit Panik und Unruhe, die in den letzten Wochen und Monaten viel für ihre Situation getan hat. Am Montag kam dann eine Art Einbruch, die Unruheneigung und die Angst kamen wieder hoch, dazu eine niedergeschlagene Haltung, ich dachte, ich wäre schon weiter, warum ist das jetzt so gekommen. Zwei Tage später konnten wir darüber sprechen.
Erlaubnis und Akzeptanz
Es ist wichtig, Erklärungen und Antworten zu bekommen, mit denen wir arbeiten können. Manchmal ist der positive Effekt, zu sagen, du darfst das ignorieren, es ist abgeklärt, mach etwas ganz anderes. Sich selbst die Erlaubnis zu geben, ich habe gerade Struggle mit etwas, kann es aber auch ziehen lassen, ist viel wert, diese Erlaubnis darf man sich selbst geben. Wenn jemand über Wochen und Monate innere Unruhe und eine Panikneigung erlebt hat, ist es auch in Ordnung, wenn das mal wieder auftaucht, nicht schön, aber in Ordnung. Du darfst dir suggerieren, es war am Montag so, ich weiß nicht genau, warum, der Auslöser ist egal, es geht mir schon wieder besser, es ist okay, wenn das passiert, und es ist auch okay, wenn ich mich darüber ärgere. Thema Akzeptanz.
Das Schwungrad
Ein Beispiel, das wir mit der Klientin erarbeitet haben: Vor einigen Monaten hatte sie drei richtig gute Wochen, danach brach es ein, und wir wussten weder, warum es einbrach, noch, warum die drei Wochen gut waren. Sie hatte sich stärker, etwas dominanter erlebt. Als wir überlegten, was davor war, stellten wir fest, dass sie vorher viel an sich gearbeitet hatte. Das war eine Investition in ein Schwungrad, in das man immer mehr Energie hineinbringt, bis es irgendwann läuft und man davon profitiert.
Dabei spielt ein Mechanismus unserer Psyche eine Rolle: Wir kommen in Bewegung, wenn es uns richtig schlecht geht. Ich lerne Menschen im Grunde nicht kennen, damit es ihnen besser geht, sondern damit es ihnen weniger schlecht geht, das ist der Impuls des Gehirns (siehe das Video zur Selbstmotivation). Die Leute arbeiten an der Sache, es geht ihnen weniger schlecht, und dann merken sie, der Impuls, ins eigene Denken und Handeln zu investieren, geht wieder zurück. Sechs Wochen später melden sie sich erneut, mir geht es nicht so gut, können wir reden. Deshalb: Sorge dafür, dass dein inneres Schwungrad läuft, dann musst du irgendwann weniger hineinstecken. Wenn es dir am Dienstag gut geht, liegt das vielleicht daran, dass du am Montag ins Schwungrad investiert hast. Geht es dir am Mittwoch nicht gut, liegt das vielleicht nicht daran, dass der Dienstag gut war, ein guter Dienstag heißt nicht, dass du dich ausruhen kannst. Uns geht es nicht gut, weil es uns gut ging, uns geht es gut, wenn wir in unser Schwungrad investiert haben.
Die Raumprägung
Die zweite Idee betrifft den Raum. Man kennt den Türrahmen-Effekt: Du gehst los, um die Wäsche zu machen, stehst plötzlich da und weißt nicht mehr, was du wolltest. Populärpsychologisch heißt es, der Türrahmen „löscht" den Gedanken, eigentlich ist es aber der Raum, der auf uns wirkt und uns prägt. Diese Raumprägung können wir nutzen. Baut sich in einem Raum ein Unbehagen auf, etwa weil meine Kinder sich so benehmen, dass ich zunehmend angestrengt und vielleicht aggressiv werde, dann gehe ich hinaus, bevor ich die Aggression übertrage, lasse mich von einem neuen Raum für zehn Atemzüge prägen, gehe zurück und reagiere entspannt. Nicht der alte Raum ist schuld, aber der neue Raum gibt mehr Hilfestellung.
Unser Gehirn arbeitet als state-dependent memory: Je nach emotionalem Zustand ruft es passende Erinnerungen hoch, auch über das olfaktorische Gedächtnis. Öffne ich eine Packung Taschentücher und rieche daran, erinnert mich das sofort an die Sommerurlaube der 90er an der Ostsee. Genauso wirkt die Raumprägung bei Angst und Panik: Betrete ich einen Raum, in dem ich über Wochen, Monate oder Jahre Belastung erlebt habe, dann ruft mein Gehirn, auch wenn es mir gut geht, dazu passende Belastungsstrukturen und eine innere Unruhe hoch, ohne dass ich einen einzigen Gedanken dazu hätte haben müssen, und passende Erinnerungsmuster, auf die ich emotional und mit Stresshormonen reagiere. Kommt bei der Klientin hinzu, dass sie in Räumlichkeiten arbeitet, in denen Menschen von ihren Angst- und Panikstörungen erzählen, und dass jemand in ihrem näheren Umfeld in Bezug auf das Berufsleben niedergeschlagen ist, dann ist es verständlich, wenn ein solcher Tag voller Belastungen war.
Was hilft
Neben dem Erklärungsmodell hilft es, den Raum zu verändern oder ihm eine neue Bedeutung zu geben, andere Bilder aufhängen, andere Farbe, meinetwegen die morgendliche Kaffeetasse gegen die Wand werfen und einen Rahmen drumherum hängen, das verändert die Situation. Und noch einmal zum Anfang zurück: Die Klientin erlebte zuerst, es geht mir schlecht. Wir müssen überlegen, kommt das aus der Situation selbst oder aus der Befürchtung, ich erlebe Rückschritte, was wiederum nur eine Bewertung des automatisch dramatischen Kopfes ist. Die Belastung ist in der Regel die Befürchtung, nicht der Unruhezustand selbst. In dem Moment, in dem du eine Erklärung für deine Problematik hast und weißt, es war eine Kumulierung situationsspezifischer Kriterien und nicht einfach deine Panikstörung, die zurück ist, entsteht eine Wissensbasis, die entlastet, sodass du deinen Kaffee trinken kannst, statt ihn gegen die Wand zu werfen.
Wie du das innere Schwungrad in Gang hältst und die Raumprägung für dich nutzt, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
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