Haben Panikattacken immer eine psychische Ursache? Panikstörung durch die Hormonspirale

Eine Zuschauerin schreibt zum Thema medikamentöse Nebenwirkungen im Kontext von Panikreaktionen und Derealisation: Die Studienlage zeigt, Frauen sind häufiger betroffen als Männer, der Unterschied ergibt sich im pubertären Alter. Ich bin in einen psychischen Ausnahmezustand gerutscht, nachdem ich die Pille durch eine Hormonspirale ersetzt habe. Diese Thematik wurde bei jedem Arzt abgeschmettert, es ist ein Medikament, dessen Nebenwirkungen bekannt sind, aber ignoriert werden. Wie soll Frau damit umgehen, man merkt, dass etwas nicht stimmt, wird abgestempelt und soll Medikamente nehmen, statt die Ursache zu bekämpfen.

Ein Praxisbeispiel

Die Zuschauerin spricht ein wichtiges Thema an. Eine Klientin hat sich vor etwa einem Dreivierteljahr zur Verhütung eine Hormonspirale einsetzen lassen, jung, gesund, keine Vorerkrankung, keine auffälligen psychischen Themen, und entwickelte darauf relativ schnell eine Paniksymptomatik, die typische Unruhe bis Panikneigung, dazu Derealisation und zunehmend störende Gedanken. Die Spirale kam schnell wieder raus, keine sechs Wochen, nachdem die Symptomatik nach etwa dreieinhalb Wochen eingesetzt hatte. Die Symptome blieben aber. Wir hatten Sitzungen, sie hat sich einen Kassentherapeuten gesucht und arbeitet jetzt an dem Thema. Das ist ein Punkt, der oft unterschätzt wird.

Aus dem Rettungsdienst erinnere ich mich an mehr als eine junge Frau mit einer Lungenembolie, mit dem Status Rauchen, Nikotinabusus, plus Verhütungspille (orale Kontrazeptiva), womit ein erhöhtes Thromboserisiko einhergeht. Eine sagte, ich weiß, dass Rauchen und Pille ein erhöhtes Risiko bedeuten, aber mit dem Rauchen aufhören, ich weiß nicht. Das ist 15 Jahre her, seitdem ist das Thema stärker sensibilisiert. Mir geht es darum, euch Hinweise aus meiner Expertise zu geben: Solche Phänomene im Auge behalten und sehen, dass man nicht immer noch nach psychischen Problemen suchen muss. (Auch eine starke Lichtempfindlichkeit kam hier nachträglich dazu, dazu die Derealisationsgedanken.)

Psychoedukation und der Mechanismus

Gehe ich mit einer Klientin an das Thema, ist zuerst der Psychoedukations-Aspekt wichtig: Hintergründe erörtern und Übungen täglich einbinden, um zu erkennen, ob es auf der inneren Verarbeitungsebene Präsenzen gibt, die der Körper als erhöhten Stress verstoffwechselt. Ganz banal: Ist in deinem Kopf eine Problematik präsent, bekommst du eine körperliche Symptomatik, weil der Körper Stresshormone ausschüttet, um dein Überleben zu sichern. Dabei ist egal, ob das Problem real existiert oder nur im Kopf, sobald es präsent wird, ist es für den Kopf real, und Stresshormone werden ausgeschüttet. So kannst du dir eine Panikattacke dahin denken. Was soll ich dann tun? Erst mal nichts, du kannst dich nicht einfach kontrollieren oder anders denken, damit es weggeht. Du kannst in Bewegung kommen und über die Muskulatur die ausgeschütteten Katecholamine verarbeiten, das senkt die Anspannung. Kurzfristig legst du dir Strategien für die nächste Panikattacke zurecht, langfristig schaust du auf deine Routinen und Trainingszustände: Welche Gedanken erlebst du tagein, tagaus, und wie gehst du damit um? Es geht nicht darum, keine negativen Gedanken zu haben, sondern besser mit ihnen umzugehen, Coping-Strukturen und Kompetenzstrategien aufzubauen.

Den Suchradius erweitern

Erster Filter: nach auslösenden Gedanken auf der inneren Verarbeitungsebene suchen. Oft heißt es, ich hatte keinen Auslöser, war morgens einfach total unruhig. Dann erweitern wir den Suchradius. Jemand erzählte mir, am Montagmorgen war ich total durch, ohne deutlichen Auslöser. Was hast du Sonntagabend gemacht? Eine Dokumentation über den Terroranschlag am Breitscheidplatz angeschaut, und ich hatte sowieso schon Angst, dass irgendwann etwas passiert. Das ist eine tief verankerte Strategie: Ich versuche das, wovor ich Angst habe, abzuwehren, eine Doku über einen Anschlag zu schauen hilft vielleicht zu denken „mir würde so etwas nicht passieren", sorgt aber dafür, dass ich die störenden Gedanken konsequent habe. Mit der Radiuserweiterung finden wir fast immer etwas, später prüfen wir, ob das Gefundene das Störungspotenzial wirklich erklärt. Und manchmal finden wir trotzdem nichts, einfach Trainingszustände, auf die wir programmiert sind. Schau dir dazu das Video an, darum suchst du nach deiner Symptomatik, und auf dem Kanal die Formate Angst ohne Auslöser und Panik ohne Auslöser: Im Hintergrund ablaufende Prozesse können ein Unruhegefühl verantworten, ohne dass wir einen Auslöser identifizieren.

Nicht immer steckt die Psyche dahinter

Zurück zur Zuschauerin: Wir haben die Entwicklung einer Panikstörung ohne klaren Auslöser. Es gibt Präsenzen, die wir direkt erkennen, Präsenzen, die wir herausarbeiten müssen, und ganz häufig die Situation, dass jemand eine Symptomatik erlebt und es keinen psychisch relevanten Hintergrund gibt. Da hat jemand ein Medikament eingenommen, der Körper hat es metabolisiert, es hat Symptome gemacht und sich festgesetzt. Oder jemand war in den Bergen wandern, der Körper hat die Glukoseverwertung angeschmissen, es fühlt sich nach Unterzuckerung an, und das hat sich festgesetzt. In solchen Fällen gilt klar, der Mensch ist nicht „bekloppt im Kopf", darum geht es nicht. Es geht darum zu verstehen, dass sich solche Phänomene aus Banalitäten ergeben können, manchmal nachvollziehbar, manchmal nicht, und sich dann festsetzen. Trotzdem müssen wir das Thema angehen: erklären, aufklären, verstehen, Werkzeuge bauen, den Kopf umtrainieren, Alltagsstrategien anwenden.

Probleme leben von der Aufmerksamkeit

Eine Perspektive zum Loswerden negativer Gedanken und Verhaltensmuster: Plötzlich ist etwas in meinem Leben, das mich stark beeinträchtigt und mit vielen gedanklichen Prozessen belastet, es setzt sich fest. Oft leben unsere Probleme vor allem von der Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken. Deshalb darf man für sich entscheiden, ich weiß ungefähr, was es ist, es ist nicht schlimm, und wenn ich mich immer weiter darum kümmere, pflege ich auch die weitere Präsenz der Symptome. Ich darf mich also von diesen Dingen abwenden und auf anderes refokussieren, anderes größer machen. Und behalte im Hinterkopf: Symptome wie Panik und innere Unruhe sind keine Symptome, bei denen wir immer einen psychischen Konflikt herausarbeiten können. Das Umtrainieren ist nicht nur möglich, sondern oft der Weg, zeitnah wieder Abstand vom Symptom zu bekommen.

Wie du am Symptom und an deinen Trainingszuständen arbeitest und wieder Abstand gewinnst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.

Deine Beschwerden traten nach einem Medikament auf und haben sich festgesetzt? Nach ärztlicher Abklärung begleite ich dich gern. In der Onlinetherapie von Bonn aus, deutschlandweit und online. Buch dir hier deinen Termin.

Wichtig: Eine mögliche Nebenwirkung einer Hormonspirale, der Pille oder eines anderen Medikaments gehört ärztlich abgeklärt, und ob und wie du ein Verhütungsmittel oder Medikament absetzt oder wechselst, entscheidest du immer mit deinem Arzt oder deiner Ärztin, nicht eigenständig. Die Kombination aus Rauchen und hormoneller Verhütung erhöht das Thromboserisiko, sprich auch das mit deinem Arzt an.

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