Panik in der Vorstellungsrunde: ganz normal, und was wirklich hilft
Du kennst das vielleicht, das Thema Panik in der Vorstellungsrunde. Einer sitzt da, und es wandert langsam zu dir, du sollst nur kurz sagen, wer du bist, und die innere Anspannung steigt immer weiter. Solche Situationen sind eigentlich ganz normal, und wir stoßen wieder auf dieses Phänomen, dass unser Kopf sogar normale, gesunde Gedanken und Erlebnisse als negativ, krankhaft und gestört bewertet. Wir lassen die Bewertung stehen, weil wir noch nicht trainiert sind, damit zu arbeiten, und zack sind wir in Unruhe und Panik.
Gesund oder krank?
Mir ist wichtig, ein solches Phänomen als normal und gesund zu deklarieren. Ein naheliegendes Kriterium ist der persönliche Leidensdruck. Danach geht es manchen Leuten mit manchen Dingen schlecht, und wer einen hohen Leidensdruck hat, empfindet sich vielleicht als noch krankhafter und leidet dadurch mehr. In Medizin und Psychologie nehmen wir aber meist nicht nur den Leidensdruck als Maßstab, sondern die Vorgabe: Normal ist, wie die meisten Menschen sind. Wir messen Normalität über eine Gaußsche Normalverteilung. Prüfen wir diese gedanklichen Routinemuster, geht es so gut wie jedem in einer Vorstellungsrunde ähnlich, der eine mehr, der andere weniger. Es gibt sogar ein Buch zur Redeangst, das mit der Idee einsteigt, die Angst vor der Rede sei größer als vor dem eigenen Tod, weshalb es dem Grabredner schlechter gehe als dem zu Beerdigenden. Da ist etwas dran. Panik in der Vorstellungsrunde ist also ein Thema, an dem wir arbeiten dürfen, aber keine Störung und keine Krankheit.
Kompetenz und Routine
Wir sind nicht als geborene Redner auf die Welt gekommen, wir müssen uns Dinge erarbeiten. Auch ich finde es interessant, Menschen kennenzulernen und mich vorzustellen, und erlebe trotzdem eine innere Unruhe, etwa beim ersten Elternabend, wenn es heißt, sagen Sie mal, was Sie vom ersten Schuljahr erwarten. Ich gehe damit gelassen um, weil es in Ordnung ist, dass die Unruhe kommt. Zum Zeitpunkt der Einschulung meines ersten Kindes hatte ich um die 10.000 Sitzungen auf dem Konto, 10.000 Mal intensive Gespräche. Man könnte meinen, jemand wie ich kann sich beim Elternabend locker vorstellen. Nein, denn das sind zwei verschiedene Dinge. 10.000 Mal denselben Prozess in einer bestimmten Situation zu machen, macht mich in der einen Sache zum Meister, aber was hat meine Performance in der Sitzung damit zu tun, wie ich mich woanders bewege?
Die Lösung ist meist einfach, wir brauchen Kompetenz, also Fachwissen, und Routine. Ich weiß, was ich bei der Selbstvorstellung sagen möchte, und habe es vorher mehrfach trainiert, dann kann ich erwarten, das Ganze auch ohne Stresshormonausschüttung zu performen. Was ich nicht erwarten kann: dass Kompetenz an einer Stelle automatisch an einer anderen hilft.
Schnee und Wasser: das Gleiche, aber nicht dasselbe
Ich hatte einen Klienten mit Höhenangst, mit dem wir in wenigen Sitzungen seinen Skiurlaub gerettet haben. Er hat Strategien aufgebaut, um in der Gondel und im Hotelzimmer cool zu bleiben, und war happy. Ein paar Wochen später saß er wieder bei mir: Alles super, aber am Wasser, bei nur 30 Zentimeter Tiefe, kam die Panikneigung komplett wieder hoch. Was habe ich falsch gemacht, es lief doch so gut? Haben wir Kompetenz und Routine für den Skiurlaub, den Lift, das Panorama, die klimatischen Bedingungen aufgebaut, dürfen wir nicht erwarten, dass der Körper an einer ganz anderen Schnittstelle nicht wieder anders reagiert. Räume prägen uns. Ich kann in einem Raum gut trainiert sein, betrete ich einen anderen, liefert mein Gehirn passende Gedanken und Gefühlsstates. Deshalb: Schnee und Wasser sind das Gleiche, aber nicht dasselbe.
Was ich dir empfehle
Werd dir bewusst, dass unser Leben meist aus zwei Gründen problematisch wird: aus Unzufriedenheit und daraus, dass unser Gehirn die eigenen Gedanken als negativ und krankhaft beschreibt. Lassen wir diese Beschreibung stehen und leiden emotional darunter, schaukelt es sich hoch. Mach dir bewusst, dass die meisten Dinge normal sind und zu uns gehören und dass wir auf gewisse Dinge trainiert sind. Und wenn du mit etwas kämpfst, folge nicht der ersten Erklärung deines Kopfes, „wir sind zu doof, alle anderen kriegen das hin". Sei stattdessen wohlwollend mit dir und prüfe: Habe ich in dem, was ich da mit Angst und innerer Unruhe erlebe, überhaupt schon Kompetenz, bin ich darin geübt, habe ich das Fachwissen? Wenn nicht, bringt dir Selbstkritik keine Kompetenz. Kompetenz kommt durch den Aufbau von Fachwissen und Routine.
Wie du über Kompetenz und Routine Sicherheit für solche Situationen aufbaust, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch bzw. Hörbuch „Schluss mit Symptomen" → hier ansehen.
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