Muss man mit Angst und Depression jahrzehntelang leben? Was die Erfahrungsberichte verschweigen
Stefan hat einen guten Kommentar geschrieben: Warum liest man bei Google immer nur, dass Ängste und Depressionen jahrzehntelang anhalten? In Erfahrungsberichten liest man eigentlich nur Negatives. Er hat Ängste, eine Depression und mittlerweile eine ADHS-Diagnose, und findet online fast nur Schlechtes. Seine Frage: Schaffen es die meisten, da wieder herauszukommen, oder muss man damit leben?
Vorab: Ich biete hier immer eine Perspektive an, nie die Wahrheit. Und es sind viele Vorannahmen im Umlauf, teils vierzig Jahre hinter dem aktuellen Stand.
Depression ist ein Symptombegriff, keine Ursache
Es gibt Fälle, in denen jemand sagt: Ich nehme seit 35 Jahren Citalopram. Diese Menschen haben in der Regel mehrere Therapieläufe, Psychiater und Hausärzte hinter sich, das Medikament wurde immer weiter genommen. Aber: Eine Depression ist ein Krankheitsbegriff, der Symptome beschreibt, keine Krankheit, die die Depression verursacht. In den allermeisten Fällen ist ein Serotonindefizit gar nicht nachweisbar, man misst es meist nicht einmal, und man geht heute nicht mehr davon aus, dass depressive Muster auf einem Serotoninmangel aufbauen. Man betrachtet eine Depression eher als eine Art evolutionsbiologischen Widerstandsmechanismus gegen die aktuelle Lebensstruktur. Niemand atmet „Depri-Kokken" ein und wird depressiv, und ein Burnout ist kein Berufsunfall.
Im Hintergrund läuft meist ein gesellschaftlicher Kontext mit, der weit weg ist von dem, worauf unser Körper gebaut ist. Evolutionsbiologisch sind wir auf dem Stand von vor 50.000 Jahren. Nur weil wir heute Achtstundentage und Wochenenden haben, ist das nicht automatisch gut für uns. Wir arbeiten körperlich zu wenig und entspannen zu selten wirklich. Weil uns die Gesellschaft weiterträgt, wir sterben nicht mehr daran, können krankhafte Muster in Einzelfällen sehr lange bestehen.
Der entscheidende Denkfehler: Survivorship Bias
Ein einfaches Beispiel: Suche „Weisheitszahn-OP, was kann schiefgehen", und du findest erschreckend viele Berichte über Komplikationen. Unser Kopf ist nicht dafür gemacht, mit Statistik zu arbeiten, er reagiert auf das, was ihm angeboten wird. Von tausend Menschen, die sich die Weisheitszähne ziehen lassen, hatten vielleicht 980 keinerlei Probleme, warum sollten die einen Bericht schreiben? Von den zwanzig, bei denen etwas schiefging, schreibt vielleicht einer. So entsteht ein völlig verzerrtes Bild. Genauso ist es bei Angst und Depression: Es gibt einige wenige, die fast lebenslang Probleme haben, aber sehr viele, die schnell wieder herausgekommen sind, nur schreiben die selten darüber.
Von all meinen Klienten, die mit Depression oder Angst kamen, habe ich keinen einzigen über Jahre depressiv begleitet, sie haben ihre Sache vorher wieder in den Griff bekommen. Das kannst du auch schaffen. Du darfst deinen Fokus nur nicht darauf lenken lassen, dass die anderen es angeblich nicht schaffen.
Dazu kommt der sekundäre Krankheitsgewinn: ein subjektiver Vorteil, in der Symptomatik zu bleiben. Wer „seit dreißig Jahren" leidet, für den ist das manchmal die beste verfügbare Alternative, sich durch die Welt zu bewegen. Würde er gesund, müsste er sich vielleicht ganz neuen Fragen stellen. Auch das liest man in den Berichten nicht.
Warum der Algorithmus dein Problem vergrößert
Suchst du bei Google ein Symptom, kommen oft ungünstige Dinge dabei heraus. Wie bei YouTube und Facebook erkennt der Algorithmus dich wieder und bietet dir mehr und mehr an, was zu deinem Thema passt, weil dort die Chance am höchsten ist, Werbung zu verkaufen. Du bekommst also immer wieder Futter für deine Befürchtungen hineingeworfen und lernst, hier oben Achterbahn zu fahren. Der Algorithmus will nur, dass Geld verdient wird, aber am anderen Ende der Leitung bekommst du ein echtes Problem. Deshalb: Pass auf, was du recherchierst, wenn es deiner Kopfgesundheit schadet.
Was wirklich hilft
Wenn jemand zu mir kommt, klären wir zuerst, wie unser Kopf Informationen verarbeitet, über die Frage: Wie entsteht ein Gefühl? Wir sehen Bilder vor dem inneren Auge und hören, was wir zu uns selbst sagen, ein Feedbackmechanismus. Dazu die persönliche Integrität: Machen wir die Dinge, die wir wollen, und lassen wir, was wir nicht wollen? Und vor allem: Alles, was wir wahrnehmen, wird von unserem dramatisch, negativ und misserfolgsorientiert denkenden Gehirn automatisch bewertet. Überlässt du diesem Denken die Kontrolle, wirst du eher depressiv.
Deshalb geht es vor allem darum, dieses dramatische Denken kontrollieren zu lernen. Kontrolle heißt nicht, alles denken zu können, was man will, sondern künftig anders auf die Bewertungen zu reagieren und selbst aktiver zu werden. Das muss jeder bei sich selbst tun. Die meisten Depressionen und Ängste sind darauf zurückzuführen, dass Menschen ein Leben leben, wie sie es nicht leben wollen. Unser Kopf sagt dann: Bitte so nicht weiter. Eine Anleitung zum Leben gibt es nicht, und wir leben in einer Gesellschaft, der es letztlich egal ist, ob du depressiv bist, auch das lässt Muster länger bestehen.
Kassenzugelassene Therapeuten sind nicht per se schlecht, aber die Annahme, du bekämst zu jeder medikamentösen Behandlung auch zeitnah eine Psychotherapie, ist falsch, wir reden von zwölf bis achtzehn Monaten Wartezeit. Such dir trotzdem Ansprechpartner und Hilfe, damit du nicht zehn, zwanzig, dreißig Jahre mit deinem Problem dasitzt. Und beschäftige dich mit Inhalten, die dir zeigen, wie du Erfolg planbar machst, statt dich von verzerrten Berichten und Algorithmen führen zu lassen.
Wie du dein Denken kontrollieren lernst und aus Angst- und Depressionsmustern herauskommst, beschreibe ich ausführlich in meinen Büchern und Hörbüchern → hier ansehen.
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